Interview John Bryant: „Ich hätte ihn gefragt, ob er noch ganz dicht ist“

Interview John Bryant : „Ich hätte ihn gefragt, ob er noch ganz dicht ist“

Vor dem Allstar-Day am Samstag in Trier spricht Basketball-Bundesliga-Star John Bryant im Volksfreund-Interview über seinen neuen deutschen Pass, Autowaschen, Baby-Tipps und mögliche Länderspiele für Deutschland.

(mfr) Die Nacht war kurz. Viel geschlafen hat John Bryant nicht. Erst am frühen Mittwochmorgen ist der 31-Jährige mit seinem Team, Basketball-Bundesligist Gießen 46ers, vom Auswärtsspiel beim Mitteldeutschen BC zurückgekehrt. „Wir sind direkt nach dem Spiel nach Gießen zurück“, erzählt Bryant, als ihn Volksfreund-Redakteur Marek Fritzen am Mittwochnachmittag fürs Interview erreicht. Mit 83:86 hat der US-Amerikaner mit den 46ers beim Abstiegskandidaten aus Sachsen-Anhalt verloren – ein ganz bitterer Rückschlag für die Hessen im Kampf um die BBL-Playoffs: „Das war eines unserer schlechtesten Spiele in dieser Saison“, gesteht Bryant. Nicht die beste Grundlage, um am Samstag in Trier beim Allstar-Day dabei zu sein: „Es ist hart, das jetzt einfach wegzustecken. Aber so ist das halt im Basketball. Verlieren gehört dazu.“ Die Pleite, so versichert er, sie ändere nichts an seiner Vorfreude auf das Show-Spektakel, das heute in der Arena Trier ansteht und bei dem er zu den größten Stars gehört.

                            

Herr Bryant, haben Sie sich schon einen Reiseplan zurechtgelegt für Ihren Trip nach Trier?

John Bryant: Nein, um die Details habe ich mich noch nicht gekümmert. Aber ich denke, Benny (John Bryants Gießener Teamkollege Benjamin Lischka steht genau wie Bryant im Kader von Team national, Anm. d. Red.) und ich werden uns am Samstag ins Auto setzen und gemütlich rüber nach Trier fahren.

Können Sie sich eigentlich noch an Ihr letztes Spiel in Trier erinnern?

Bryant: Puh, da muss ich mal nachdenken … Nein, wenn ich ehrlich bin, fällt mir das so spontan jetzt nicht ein. Wann war das, sagen Sie’s mir?

Es war im Dezember 2014: Da spielten Sie mit Bayern München gegen die TBB Trier …

Bryant: Und, wie ist es ausgegangen?

Sie haben 74:79 verloren. Ihr damaliger Trainer Svetislav Pesic tobte und wütete an der Seitenlinie …

Bryant: (lacht) Jaja, das kam bei Pesic häufiger mal vor …

Und es gibt eine weitere Verbindung zwischen Trier und Ihnen …

Bryant: Echt, welche?

Wenn die BBL-Statistiken nicht lügen, dann haben Sie bisher in einem einzigen Ihrer mehr als 300 Bundesligaspiele 40 Minuten ohne Pause auf dem Feld gestanden …

Bryant: Und das war auch gegen Trier?

Genau. Es war in Ihrer ersten Bundesliga-Saison im März 2011 mit Ulm. In 40 Minuten kamen Sie auf 27 Punkte und 18 Rebounds, gewannen am Ende 90:85 – keine Erinnerung mehr daran?

Einer der bekanntesten Bundesligaspieler: John Bryant. Am Samstag kommt der Spieler der Gießen 46ers nach Trier. Foto: picture alliance/dpa/Nicolas Armer

Bryant: Nein, irgendwie nicht. Oh Mann, ich bin so ein unglaublich schlechter Erinnerer (lacht) … Aber da scheint echt eine Verbindung zwischen Trier und mir zu bestehen.

Was wissen Sie sonst über Trier?

Bryant: Ich weiß, dass Trier die älteste Stadt Deutschlands ist, es dort jede Menge historische Bauwerke gibt. Und Jermaine Bucknor, den kenne ich natürlich auch …

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2,11 Meter, 127 Kilogramm, 305 Bundesligaspiele für Ulm, München und Gießen – der Kalifornier ist eine Institution. Seine ungewöhnliche Karriere bewegt die Basketball-Fans in Deutschland. 2010 wechselt der 1987 geborene Center zu ratiopharm Ulm, avanciert bei den Schwaben direkt zum Publikumsliebling und zu einem der effektivsten Spieler der Bundesliga. Drei Jahre bleibt Bryant an der Donau, wird unter anderem zum wichtigsten BBL-Spieler der Haupt­runde gewählt, erreicht mit den Ulmern das Playoff-Halbfinale.

2013 wechselt er zu Bayern München. An der Isar wird Bryant Deutscher Meister, spielt Euroleague. Dann wird’s turbulent: Der US-Amerikaner löst seinen Vertrag bei den Bayern vorzeitig auf, wechselt zur Saison 2016/17 nach Valencia. Nach nur zwei Spielen geben die Spanier Bryants Entlassung bekannt. Der Grund angeblich: Übergewicht.

Dann das: Bryant zieht zurück nach Deutschland. Der frühere Euroleague-Akteur hält sich unter anderem bei einem Münchner Regionalligisten fit, sorgt damit bundesweit für Aufsehen. Er arbeitet hart an sich und landet im September 2017 in Gießen, wo er sich bis heute „sehr wohlfühlt“, wie er betont. Seit ein paar Monaten besitzt der Center neben dem US-Pass nun auch die deutsche Staatsbürgerschaft. Bedeutet: Beim Allstar-Day in Trier läuft der 31-Jährige erstmals für Team national auf.    

                         

In Team national sind Sie der Spieler, den mit Abstand die meisten Fans in die Mannschaft gewählt haben. Was bedeutet Ihnen das?

Bryant: Eine Menge. Ganz besonders aus dem folgenden Grund: Zum ersten Mal als Deutscher aufzulaufen, und dann direkt von so vielen Fans ins Auswahlteam gewählt zu werden – wow! Das zeigt, dass mich die Leute als deutschen Spieler akzeptieren und wertschätzen. Das macht mich echt stolz.

Ratiopharm Ulm war John Bryants erste Station in Deutschland. Foto: picture alliance / dpa/Stefan Puchner

Was glauben Sie, macht Sie so beliebt bei den Basketballfans in Deutschland?

Bryant: Mmh, gute Frage. Vielleicht hat es damit zu tun, dass ich hier jetzt schon seit einigen Jahren spiele und meine Karriere auch ein Stück weit besonders verlaufen ist. Vielleicht mögen sie meine Story. Die Stationen in Ulm, München, der Aufenthalt im Ausland, der nicht reibungslos verlief und meine anschließende Rückkehr nach Deutschland.

Erzählen Sie mal, wie ist das, wenn Sie so durch Gießen bummeln: Schlendern Sie da ganz unerkannt durch die Gegend oder müssen Sie alle fünf Meter Autogramme schreiben?

Bryant: Sagen wir mal so: Ich bin ja nicht der Kleinste. Mich zu übersehen, ist schon schwierig (lacht). Nein, mal im Ernst: Wenn ich durch die Stadt laufe, kommen schon öfter mal Fans zu mir, grüßen mich, wollen ein Foto mit mir. Ich mag das sehr, muss ich sagen – der direkte Kontakt zu den Fans ist mir extrem wichtig.

Neun der vergangenen zehn Allstar-Duelle gewannen die Internationalen, häufig auch mit Ihnen. Vor zwei Wochen sagte Ihr Allstar-Day-Teamkollege Andreas Seiferth von medi Bayreuth im Interview mit unserer Zeitung: „Diesmal gewinnen wir mit Team national, denn wir haben John Bryant“ – hat Seiferth recht?

Bryant: Auf jeden Fall (lacht). Jedes Allstar-Game, das ich bisher bestritten habe, habe ich mit meinen Teams gewonnen – also, was soll schon schiefgehen?

Wer wird denn Ihr härtester Gegenspieler am Samstag aus Team international?

Bryant: Da tippe ich  mal auf Derrick Williams von Bayern München – er ist ein überragender Spieler.

Sie sind eines der bekanntesten Gesichter der Bundesliga, gehören auch in dieser Spielzeit wieder zu den Akteuren mit den besten Statistiken: Inwiefern bekommt man so was eigentlich auf dem Feld von seinen Gegenspielern zu spüren?

Bryant: Oh, das bekomme ich schon zu spüren. Gerade jüngere Spieler wollen sich häufig gegen mich beweisen, agieren meist noch mit ein paar Prozent Extra-Motivation. Das ist schon tough, klar, aber ich kenne das nicht anders, damit muss man umgehen können – und das kann ich.

John Bryant spielt seit 2017 für die Gießen 46ers. Foto: dpa/Nicolas Armer

Nun besitzen Sie seit Dezember 2018 neben der US-Staatsbürgerschaft auch den deutschen Pass: Wieso haben Sie sich dazu entschieden?

Bryant: In erster Linie wegen meiner Familie: Meine Freundin und mein Sohn sind deutsch, sie leben in München. Deutschland ist meine zweite Heimat. Ich kann mir gut vorstellen, nach meiner Basketball-Karriere hier zu bleiben und zu arbeiten. Daher ergeben sich durch meine deutsche Staatsangehörigkeit mehr Optionen. Aber auch in Sachen Basketball bringt  mir der deutsche Pass natürlich Vorteile.

Zum Beispiel für die deutsche Nationalmannschaft auflaufen zu können: Werden wir Sie im Sommer bei der WM in China sehen?

Bryant: Das liegt am Bundestrainer und seinem Team. Wenn die mich anrufen sollten und sagen, „Hey, wir brauchen dich“, dann bin ich auf jeden Fall dabei. Ich bin mir sicher, dass der Bundestrainer meine Nummer finden wird, wenn er mich braucht … (lacht).

Was hätten Sie eigentlich gesagt, wenn Ihnen 2010 bei Ihrem ersten Wechsel nach Deutschland jemand gesagt hätte: „Du, John, 2019 bist du Deutscher?“

Bryant: (lacht) Ganz ehrlich? Ich hätte ihn gefragt, ob er noch ganz dicht ist.

Und jetzt sind Sie es doch …

Bryant: Ja, verrückt.

Was an Ihnen ist denn typisch amerikanisch und was typisch deutsch?

Bryant: Wow, das ist aber echt mal eine harte Frage. Ich muss überlegen … Also das mit der Pünktlichkeit, die man den Deutschen immer nachsagt, das trifft auf mich definitiv auch zu. Ich bin total pünktlich, immer und überall. Bin der Erste in der Trainingshalle, bin pünktlich bei Terminen beim Arzt oder bei Treffen mit Freunden – ich bin der frühe Vogel.

Und wie ist das so in Sachen Auto: Viele Deutsche verehren ihre Autos, waschen sie, so oft es geht …

Bryant: (lacht) Ohja, das mache ich auch. Also momentan nicht mit meinem Auto in Gießen. Bei dem schlechten Wetter der vergangenen Wochen lohnt sich das ja gar nicht. Aber in den USA habe ich einen Wagen, den halte ich immer sauber, pflege ihn ganz besonders, wenn ich da bin. In den Staaten lohnt sich das auch eher, denn dort scheint die Sonne viel öfter.

Wie war das eigentlich, als Sie im Dezember die Urkunde zur Einbürgerung persönlich von der Gießener Oberbürgermeisterin erhalten haben – aufregender als ein Bundesligaspiel?

Bryant: Ehrlich gesagt war ich nervös, auch vor diesen ganzen Tests. Das war schon fast genauso aufregend wie ein Spiel – definitiv eine spannende Sache.

Sie lernen fleißig Deutsch: Was ist denn in Ihren Augen das Schwerste an der deutschen Sprache?

Bryant: Die Grammatik, die ist wirklich kompliziert und eine der Gründe, warum ich mich oft noch nicht traue, Deutsch zu sprechen. Ich verstehe so gut wie alles, aber selbst was zu sagen, ist dann noch mal etwas anderes. Ich muss zugeben, dass mir dann oft auch der Mut fehlt, einfach mal drauflos zu sprechen – aus Angst, mich irgendwie zu verheddern und am Ende dumm dazustehen. Ich möchte das einfach noch weiter perfektionieren und flüssiger sprechen können.

Und wenn Sie in Gießen in den Supermarkt gehen oder im Restaurant sitzen?

Bryant: Da mache ich alles auf Deutsch, das ist mir auch ganz wichtig.

In Trier werden Sie am Samstag auch Per Günther mal wieder treffen, einen Ihrer Teamkollegen aus Ihrer Ulmer Zeit – was bedeutet er Ihnen?

Bryant: Per ist einer meiner besseren Freunde hier in Deutschland. Ein klasse Typ. Er hat mir damals in Ulm sehr geholfen. Er hat mich in den deutschen Lifestyle integriert. Ich freue mich sehr, ihn in Trier zu sehen.

Und er hat genau wie Sie einen kleinen Sohn ...

Bryant: Ja, stimmt, wir sitzen im selben Boot und können uns am Samstag in Trier auch ein bisschen in Sachen Baby-Tipps austauschen.

Andreas Seiferth sagte vor einigen Tagen im Interview, er freue sich darauf, am Allstar-Day-Wochenende mal wieder nach Trier zu kommen. Er wolle dabei mehr sehen als nur die Arena, auch mal durch die Stadt schlendern, Restaurants und Bars testen – ist das bei Ihnen auch so?

Bryant: Auf jeden Fall. Normalerweise ist das bei Auswärtsspielen ja so, dass man überhaupt keine Zeit hat, sich die Städte näher anzusehen. Das ist beim Allstar-Day natürlich anders. Ich freue mich drauf, mir Trier und seine historischen Bauwerke mal ein bisschen näher anzusehen und natürlich auch mal ein Restaurant zu testen …

Das heißt: Die Chancen für alle Basketballfans, John Bryant am Wochenende durch Trier laufen zu sehen, stehen gut?

Bryant: (lacht) Na klar: Die Leute können mich gerne ansprechen und Hallo sagen, wenn sie mich sehen. Ich freue mich!

Interview: Marek Fritzen

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