Interview: Deutschland startet in die Basketball-WM mit Spiel gegen Frankreich

Kostenpflichtiger Inhalt: Interview Hansi Gnad : Deutschland startet in die Basketball-WM mit Spiel gegen Frankreich: „Das Halbfinale traue ich dem Team definitiv zu“

Der Europameister von 1993 und heutige Trainer von Triers Ligakonkurrent Bayer Leverkusen verrät, warum die deutsche Nationalmannschaft für ihn die Beste seit langem ist, wieso er sich auf den Trierer Weihnachtsmarkt freut und welches Bundesligaspiel an der Mosel er nie vergessen wird.

(mfr) Der Mann hat im Basketball so gut wie alles erlebt: 1993 Europameister mit der deutschen Nationalmannschaft – als Kapitän. Spiele für Real Madrid, Bayer Leverkusen, Alba Berlin oder BSC Saturn Köln, 181 Länderspiele. Korac Cup eingefahren, Deutsche Meisterschaft gleich mehrfach und bei Olympia zweimal dabei gewesen – einmal als Spieler, einmal als Co-Trainer. Kurz gesagt: Hans-Jürgen – genannt Hansi – Gnad gehört zu den bedeutendsten Basketballern, die Deutschland je gesehen hat. Seit 2018 arbeitet der 56-Jährige als Cheftrainer für die Bayer Giants Leverkusen. Holte mit dem mehrmaligen Deutschen Meister im Frühjahr den Titel in der 3. Liga und trifft mit den Rheinländern in der neuen ProA-Saison auch auf die Römerstrom Gladiators Trier.

Vor Beginn der Basketball-Weltmeisterschaft hat Gnad sich mit Volksfreund-Redakteur Marek Fritzen über die Stärken der deutschen Mannschaft, Erinnerungen an Bundesligapartien in der Halle am Mäushecker­weg, verschwundene Traditionsclubs und den Trierer Weihnachtsmarkt unterhalten. Achja, und dann wäre da noch eine Begegnung bei Olympia 1992, die Gnads Leben für immer veränderte.

Herr Gnad, ich weiß, was Sie am 21. April 2001 getan haben – Sie auch?

Hansi Gnad: Nö (lacht). Geben Sie mir mal einen Tipp …

Okay: Es geht um ein Pokal-Halbfinale …

Gnad: Ah, jetzt weiß ich’s – mit Bayer Leverkusen in Frankfurt gegen Trier. Klar, ich erinnere mich.

Was wissen Sie noch?

Gnad: Oh Mann, das war total ärgerlich. Wir hatten schon mit 20 Punkten geführt und das Ding dann noch sehr fahrlässig abgegeben. Charly Brown und Bernard Thompson haben uns die Hütte ganz schön voll gehauen.

Dabei sind Sie mit Leverkusen doch damals als Favorit ins Spiel gegangen …

Gnad: Tja, wie das halt so ist mit den Favoriten. Durch die hohe Führung haben wir das einfach zu leicht genommen und dann den Rhythmus verloren. Trier war eine sehr gefährliche Mannschaft mit sehr prägnanten Spielern, die schnell heiß laufen und dir gerne mal 30 Punkte einschenken konnten.

Klingt nach schmerzhaften Erinnerungen an Trier …

Gnad: Nein, gar nicht, das sind schöne Erinnerungen. Aber es waren immer sehr schwere und harte Spiele gegen Trier. Wir bekamen dort nie etwas geschenkt. Besonders gut kann ich mich noch an ein Spiel mit Bayer Leverkusen dort erinnern. Das muss 1999 gewesen sein, es war mein erstes Spiel für Bayer nach meiner Rückkehr von Real Madrid …

Erzählen Sie, was machte das Spiel so besonders?

Gnad: Es war eine unglaubliche Partie in der kleinen Halle am Mäusheckerweg, unglaublich eng, und mit dreimaliger Verlängerung. Am Ende haben wir dann knapp gewonnen.

Bayer Giants Leverkusen Saison 2019_2020 Basketballtag 2019 Bayer Giants Leverkusen vs Fast-Break Leverkusen. Foto: mf/Michael Fleschenberg

Stimmt, ich habe das Spiel jetzt auch hier im Volksfreund-Online-Archiv gefunden: Sie gewannen mit Bayer am Ende 133:128. Sie erzielten 15, Charly Brown 41, Keith Gray 33 Punkte. Ihr Trainer Calvin Oldham sprach damals in unserer Zeitung „von einem der besten und spannendsten Spiele, die ich als Spieler und Trainer je erlebt habe“ …

Gnad: War echt verrückt. Das Spiel ist wie gesagt noch sehr präsent bei mir. Auch, weil es die Zeit war, in der einer meiner Söhne geboren wurde und es dabei ein paar Probleme gab.

Sie haben die Halle am Mäushecker­weg erwähnt: Gerade dort wurde Trier immer wieder zum Favoritenschreck …

Gnad: Auf jeden Fall. Das Publikum war überragend. Die Stimmung war immer sehr gut und fair. Aber auch die Jungs waren charakterlich top! Auch, wenn sie immer hart gespielt haben, kann ich mich nicht an einen einzigen Trierer Spieler erinnern, von dem ich sagen würde: „Boah, war das ´ne Atze, der ging gar nicht“. Nein, vor und nach dem Spiel konnte man mit den Trierern immer gut reden.

Hatten Sie eigentlich auch mal Gelegenheit, sich die Stadt ein wenig näher anzusehen?

Gnad: Leider viel zu wenig, wenn ich ehrlich bin. Wir waren schon mal in der Stadt unterwegs, klar, haben auch mal das eine oder andere Eis gegessen und Bierchen getrunken. Und auch die Porta Nigra kenne ich natürlich. Aber sonst blieb da oft nur wenig Zeit für Sightseeing.

Na da passt es ja perfekt, dass Sie mit Bayer Leverkusen am 23. November in Trier spielen ...

Gnad: Wieso?

Einen Tag vorher, am 22. November, öffnet der Trierer Weihnachtsmarkt, einer der schönsten in Deutschland. Das wäre doch die ideale Möglichkeit, die Stadt mit Ihrem Team ein bisschen besser kennenzulernen, oder?

Gnad: (lacht) Auf jeden Fall, das machen wir, da trinken wir schön ein paar Glühwein. Oder ich frage Aggy, ob er mir eine Flasche warm machen kann.

Wir haben gerade über die gute alte Trierer und Leverkusener Bundesliga-Zeit gesprochen: Mittlerweile heißt der Alltag sowohl für Ihr Team als auch für Trier nur noch 2. Liga – wie sehr schmerzt Sie das?

Gnad: Puh, das ist schon hart. Speziell, wenn ich nach NRW schaue, das bis vor ein paar Jahren noch das stärkste Basketball-Bundesland war, was ja auch nach Trier rüberschwappte. Hier im Westen wurde richtig guter Basketball geboten, der Unterhaltungswert war groß, die Begeisterung rund um die Clubs erst recht. Wenn man dann heute sieht, was mit Köln, Trier, Leverkusen oder Hagen passiert ist, dann tut das schon weh. Das sind alles Traditionsclubs, mit denen so viel Basketball-Herzblut in der 1. Bundesliga verloren gegangen ist. Das Publikum ist nach wie vor da, das sieht man bei uns und auch in Trier. Aber es liegt halt eben an der finanziellen Infrastruktur der Clubs.

Muss man vor diesem Hintergrund denn dann bei diesen Vereinen nicht ehrlicherweise sagen: Okay, BBL können wir uns abschminken, aber ProA ist ja auch was Schönes?

Gnad: Für Leverkusen kann ich auf jeden Fall sagen, dass das so ist, ja. Aber ich weiß nicht, wie die Ziele in Trier sind. Ich kann mich sehr gut damit anfreunden, wenn wir mit Bayer in den nächsten Jahren in der ProA eine gute Rolle spielen.

Was halten Sie denn von der Entwicklung der BBL, Stück für Stück hin zur Eliteliga, in der es für kleinere Clubs zunehmend schwerer wird?

Gnad: Ich weiß nicht, ob ich das beurteilen kann. Dazu habe ich mit der BBL zu wenig zu tun. Aber die Auflagen sind schon immens. Ich finde es auch sehr schade, dass ein ProA-Team wie Nürnberg, das den Aufstieg in die BBL in der vergangenen Saison sportlich gepackt hatte, nicht hochgehen kann aufgrund von ein paar Auflagen. Aber diese Auflagen existieren halt. Das hätte man vor den Playoffs auch schon wissen können.

Sie haben mit Leverkusen eine beeindruckende Saison hingelegt, sind Meister der ProB geworden. Auf was müssen sich Trier und die anderen ProA-Teams denn da gefasst machen?

Gnad: Auf ein Team, das an seiner Spielweise festhalten wird.

Die wie aussieht?

Gnad: Ich habe im vergangenen Jahr großen Wert darauf gelegt, mannschaftsdienlich zu spielen. Ich brauche keinen Superstar. Bei mir ist die Mannschaft der Superstar. Das haben alle Spieler kapiert, und deswegen lief es auch so gut. Basketball ist eine Mannschaftssportart, jedenfalls hier in Europa, und das lebe und coache ich.

Und wie lautet Ihr Saisonziel mit Bayer?

Gnad: Klassenerhalt, ganz klar.Sie haben schon mehrere Neuzugänge, mit Luca Kahl auch einen ProA-Erfahrenen.

Trier hat dagegen erst einen neuen Spieler präsentiert, bei gleichzeitig drei Abgängen. Überrascht Sie das?

Gnad: Vielleicht kommen ja noch ein paar Spieler dazu.

Nein, laut Club-Aussagen war’s das, der Kader soll vollständig sein …

Gnad: Okay, dann ist das so. Zu- und Abgänge hängen natürlich immer damit zusammen, was finanziell möglich ist. Ich kann über Bayer sagen: Unser Budget ist überschaubar. Ich kann kein Geld ausgeben, was ich nicht hab.

Sie haben als Spieler fast alles erlebt: Haben am College gespielt, standen bei Alba Berlin, Real Madrid und Bayer Leverkusen unter Vertrag, haben mehrere Meistertitel geholt und in der Nationalmannschaft gespielt – ist die ProA für Sie als Trainer nicht ein bisschen zu wenig?

Gnad: Wenn ich danach schielen würde, könnte ich lange warten. Es hat lange genug gedauert, bis ich mal einen Job in der ProB und ab Herbst nun in der ProA bekommen habe, nachdem Achim (Achim Kuczmann, Gnads Vorgänger auf der Bayer-Trainerbank, Anm. d. Red.) gesagt hatte, dass er in Rente geht und er mir den Job übergeben hatte, wofür ich ihm sehr dankbar bin. Ich bin dem Club sehr verbunden und gehe nicht für 300 Euro irgendwo anders hin. Ich möchte den Basketball hier neu starten. Wenn wir das hier in den kommenden Jahren auf solide Beine stellen könnten, wäre ich sehr zufrieden.

Kommen wir mal zum Nationalteam: Haben Sie noch im Kopf, wie oft Sie für Deutschland gespielt haben?

Gnad: Tatsächlich, ja. Das müssten 181 Spiele gewesen sein, aber es könnten auch 183 gewesen sein.

Nein, die Statistik besagt 181 Partien, und alle von Beginn an …

Gnad: Ach echt? Das hätte ich jetzt nicht mehr gewusst.

Eines von diesen 181 Spielen – das sicherlich größte – war das EM-Finale 1993 gegen Russland, bei dem Sie das Team als Kapitän anführten. Mal ehrlich: Wie oft denken Sie daran zurück?

Gnad: Schon noch das eine oder andere Mal, klar. Aber wo Sie das gerade ansprechen: Wir hatten im Juli ein Treffen mit einigen Jungs aus der EM-Mannschaft von 1993 in Köln.

Und, wie viele kamen?

Gnad: Acht waren dabei, und auch unser damaliger Bundestrainer Svetislav Pesic kam dazu. Eigentlich wollten wir uns im vergangenen Jahr treffen zum 25. Jahrestag des EM-Titelgewinns, aber das fiel dann ins Wasser.

Wie sieht denn so ein Basketball-Klassentreffen aus – die Herren sind ja auch nicht jünger geworden, wird da noch ordentlich gefeiert?

Gnad: (lacht) Ach, wir hatten eine tolle Location in Köln gefunden mit Hotel, Biergarten und Restaurant in einem. Abends sind wir schön essen gewesen – und zwei, drei Bierchen gab’s auch dazu. Aber feiern gehen, das brauchen wir dann doch nicht mehr.

Aber ein gemeinsames Essen klingt ja auch schon mal ganz ordentlich ...

Gnad: Auf jeden Fall. Und am nächsten Tag haben wir uns Köln angesehen, waren im Dom und im Brauhaus. Abends saßen wir mit unseren Familien zusammen und haben über das Leben und die alten Zeiten gesprochen.

Apropos alte Zeiten: Erzählen Sie mal, wie war das damals bei der EM 1993 eigentlich möglich, dass Sie  als krasser Außenseiter den Titel holen konnten?

Gnad: Ja, da  haben wir ein echtes Überraschungs-Ei gelegt – das war einfach à la Bonheur. Der Erfolg ist nicht auf dem Mist eines einzelnen Spielers gewachsen. Dort ist eine Mannschaft zusammengewachsen, jeder hat sich für jeden eingesetzt. So kam der Erfolg. Das hat mich bis heute geprägt.

Trauen Sie dem aktuellen Team denn auch solch einen Coup zu?

Gnad: Ach, die können doch nur Weltmeister werden – das ist gar nicht zu vergleichen (lacht).

Da haben Sie natürlich recht …

Gnad: Nein, mal im Ernst. Ich fände es sehr cool, wenn die Jungs ins Halbfinale kommen würden und sich vielleicht sogar eine Medaille erspielen könnten. Ich traue es dem Team definitiv zu. Das Potenzial ist da. Wir haben sehr gute Jungs dabei und mit Henrik Rödl einen Trainer, der weiß, wie wichtig das mannschaftsdienliche Spiel ist.

Es wird oft gesagt, das Team sei die beste deutsche Nationalmannschaft seit langem. Teilen Sie diese Einschätzung?

Gnad: Ja, auf jeden Fall. Auch wenn Dirk Nowitzki nicht mehr dabei ist. Allein fünf Spieler mit NBA-Verträgen im vorläufigen Kader, drei nun im endgültigen WM-Team. So viele Talente, die gezeigt haben, dass sie in den Staaten Fuß fassen können – das gab’s noch nie!

Wir erklären Sie sich das?

Gnad: Es zeigt, dass in der Jugend in den vergangenen Jahren vieles richtig gelaufen ist. Die Jungs entstammen dem System der Jugend-Basketball-Bundesligen (U16) und Nachwuchs-Basketball-Bundesligen (U18). Das ist was, worauf der deutsche Basketball stolz sein kann. Man sieht, dass es die richtige Entscheidung war, diese Ligen-Struktur einzurichten.

Was das Nationalteam bei der WM auch im Blick hat, ist die Olympia-Quali: Sie selbst haben das Erlebnis Olympia mitmachen dürfen – inwiefern hat Sie das geprägt?

Gnad: Ich hatte sogar das Glück, zweimal bei Olympia dabei zu sein. Einmal als Spieler 1992 in Barcelona und einmal als Co-Trainer des Nationalteams 2008 in Peking. Ohne Frage: Das ist das größte Highlight, das man sich als Sportler vorstellen kann. Für mich steht es auf derselben Ebene wie der EM-Titel 1993. Außerdem hatte ich da 1992 noch ein ganz richtungsweisendes Erlebnis.

Was meinen Sie?

Gnad: (lacht) Ich habe 1992 in Barcelona meine jetzige Frau kennengelernt, die damals mit der Handballnationalmannschaft dort war.

Ist ja verrückt ... vielleicht noch ein Ansporn mehr für die Jungs von Henrik Rödl, die Olympia-Quali einzutüten ...