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Nach Insolvenz und Abstieg: Dem TV liegen Beispiele für gravierende buchhalterische Fehler bei der TBB Trier vor

Nach Insolvenz und Abstieg: Dem TV liegen Beispiele für gravierende buchhalterische Fehler bei der TBB Trier vor

Viel ist in den vergangenen Wochen über die Insolvenz der TBB Trier gemutmaßt worden. Bekannt ist allerdings nur wenig. Der Trierische Volksfreund klärt nun einige Geschehnisse hinter der Pleite auf. In zahlreichen Hintergrundgesprächen sind dabei zum Teil haarsträubende Erkenntnisse ans Tageslicht gekommen.

Seit dem 24. April ist es amtlich: Der Basketball-Bundesliga wird künftig etwas fehlen. Etwas Elementares. Ein riesiges Stück Tradition: Die TBB Trier steigt zum ersten Mal in ihrer Geschichte aus der Basketball-Bundesliga ab . Das gallische Basketballdorf aus dem Südwesten verabschiedet sich von der Erstliga-Landkarte.

25 Jahre haben sich die Grünen in der Bundesliga festgekrallt. Haben für berauschende Abende im Mäusheckerweg gesorgt. So wie damals, 1998, als Charly die Albatrosse im Alleingang aus der Halle schoss und seine Trierer an die Tabellenspitze katapultierte. Oder so wie damals, im Dezember 2014, als die Rödl-Jungs die hoch dekorierten Münchner Bayern nach überragendem Spiel niederrangen und der Jubel bei 6000 Zuschauern in der Arena auf den Rängen keine Grenzen mehr kannte.

Schluss, aus, vorbei - so hart es klingt, aber die Trierer Basketball-Bundesligageschichte ist vorerst beendet. Ob eine Fortsetzung folgt, ist ungewiss. Der Hauptgrund sind die Folgen der Hiobsbotschaft, die am 19. März auf der Pressekonferenz in der Arena Trier verkündet wurde : Die TBB Trier meldet Insolvenz an!

Es folgt ein Acht-Punkte-Abzug, der später auf sechs Zähler reduziert wird . Doch es ist zu viel für den Club - die verlorenen Punkte lassen sich nicht kompensieren, der Abstieg ist die logische Folge.

Viel ist seitdem in der Stadt und der Basketballszene darüber spekuliert worden, wie der Niedergang dieses so traditionsreichen Vereins möglich werden konnte. Es gab Gerüchte, Falschmeldungen und böse Worte. Was wirklich passiert ist, bleibt unklar.

Der Trierische Volksfreund bringt nun Licht ins Dunkel. In zahlreichen Gesprächen mit Menschen, die eng mit dem Verein verbunden sind oder waren, hat der TV nun Erkenntnisse gewonnen, die in Ansätzen erklären, wie der Club in die Insolvenz rutschen konnte.

Was bisher bekannt war: Finanziell ist es bei der TBB und ihren Vorgängervereinen schon immer eng gewesen. So rutscht Herzogtel Trier Anfang der 2000er in die Insolvenz. Die neugegründete Trierer Basketball GmbH (TBB) übernimmt ab 2002 die Bundesligalizenz. Trier bleibt erstklassig. Das ist heute, 13 Jahre danach, anders: Die aktuellen finanziellen Probleme, die nun den Abstieg zur Folge haben, treten schon lange vor Saisonbeginn im Sommer 2014 auf.
Anfang Juni 2014 wird bekannt, dass der Verein die Lizenz für die Saison 2014/15 nur dann erhalten wird, wenn er mehrere Bedingungen erfüllt. Unter anderem verlangt die BBL eine Kapitalerhöhung in Höhe von 200.000 Euro. Auf einer außerordentlichen Aktionärsversammlung wird diese beschlossen. Die Liga kündigt allerdings an, den Verein verstärkt im Auge zu behalten.

Das nächste Problem tritt Ende September auf. Auf TV-Anfrage bestätigt der Verein, dass die Zusammenarbeit mit Trikotsponsor ExtraReisen kurz vor Saisonbeginn beendet wurde. Dazu erklärt TBB-Geschäftsführer Sebastian Merten damals: Die ExtraHolding als Mutterkonzern, zu der neben der Reise- auch noch eine Energie- sowie eine Telekommunikationssparte gehörte, habe sich entschieden, "ihre Reisesparte neu auszurichten und andere Marken durch die TBB Trier bewerben zu lassen". Für die TBB sei das allerdings unmöglich: "Diese anderen Produkte der ExtraHolding kommen für uns aufgrund vereinbarter Branchenexklusivitäten für andere TBB-Partner nicht infrage." Daher sei es zur Trennung gekommen. Damals wurde vereinbart, dass Extra-Reisen-Geschäftsführer Samuel Schmidt die noch ausstehende Summe in sechsstelliger Höhe an die TBB zahlen werde.

Sportlich läuft es durchschnittlich, von finanziellen Problemen ist allerdings keine Rede. Erst Ende Februar wird es wieder laut um die TBB. Es wird bekannt, dass der langjährige Geschäftsstellenleiter Bernd Haasenritter entlassen worden ist. Zu den Gründen macht Vorstand Sascha Beitzel damals auf TV-Anfrage keine Angaben, auch Haasenritter selbst äußert sich nicht.

In der Liga läuft es Anfang März extrem schlecht. Das Team verliert fünf Spiele hintereinander. Darunter deftige Klatschen in Bamberg (44:88) und in München (51:92) sowie eine bittere Heimpleite gegen den Tabellenletzten Crailsheim (67:82). Offiziell wird eine Grippewelle als Begründung für die schlechten Leistungen genannt.

Wie sich allerdings wenige Wochen später herausstellt, haben Spieler, Trainer und sämtliche Vereinsangestellte seit Anfang des Jahres kein Gehalt mehr bekommen. Der Verein steckt in einer schweren finanziellen Krise. Dies bleibt allerdings lange unter Verschluss. Kein TBB-Angestellter redet, nichts dringt an die Öffentlichkeit.

Erst am 19. März platzt auf einer Pressekonferenz die Bombe: Die TBB ist insolvent . Es fehlen 800 000 Euro - rund ein Drittel des 2,3-Millionen-Etats - bis zum Saisonende. Ab sofort übernimmt der Insolvenzverwalter Thomas B. Schmidt die Geschäfte. Die Saison kann zu Ende gespielt werden.

Was neu ist: Wie der Trierische Volksfreund aus Vereinskreisen erfahren hat, soll der Club bereits im Jahr 2014 Probleme gehabt haben, die Gehälter seiner Angestellten pünktlich zu bezahlen. So haben Spieler dem TV berichtet, dass sie ihr November-Gehalt erst nach Weihnachten 2014 erhalten haben. Ein Spieler sagt: "Mein Dezember-Gehalt kam dann wieder pünktlich, doch es gab Teamkollegen, die auch ihr Dezember-Gehalt verspätet bekommen haben."

Ein Spieler berichtet zudem davon, dass es bereits in der Saison 2013/2014 oft der Fall gewesen sei, dass der Lohn erst Mitte des Monats auf dem Konto zu finden war. "Für mich war das nicht unnormal, da ich das aus meinem Heimatland nicht anders kannte, aber einige andere Spieler im Team fanden das schon seltsam." Solange der Lohn allerdings überwiesen worden sei, habe niemand etwas gesagt, so der Spieler.

Besonders hart seien die Monate Januar, Februar und März (2015) gewesen, heißt es aus Spielerkreisen, in denen der Verein den Angestellten keine Gehälter zahlte. Viele hätten ihr Erspartes anzapfen müssen, berichten einige Akteure. "Uns wurde jede Woche von der Vereinsführung gesagt, dass es finanziell momentan eng sei, doch man sei in Gesprächen mit Sponsoren, und nächste Woche werde es auf jeden Fall Geld geben. Das hörten wir immer wieder." Ein Spieler wird besonders deutlich. Er sagt: "Die haben uns die ganze Zeit angelogen."

Ein anderer TBBler erklärt: "Viele von uns dachten, wir kommen nach Deutschland in ein Land, in dem die Gehälter immer gezahlt werden. Und dann so etwas." In zahlreichen Gesprächen mit Vereinsangestellten wird immer wieder eine Frage gestellt: "Warum ist man nicht mal früher auf uns zugekommen und hat deutlich gesagt, wie es wirklich aussieht? Vielleicht hätten wir eine gemeinsame Lösung gefunden." Ein Spieler berichtet, wie sich die Mannschaft zu Anfang der Saison über das Verschwinden des Trikotsponsors ExtraReisen gewundert habe: "Wir haben uns gefragt: Was ist denn mit dem Sponsor auf dem Trikot? Warum ist da plötzlich kein Hauptsponsor mehr und jetzt auf einmal so viele kleine Sponsoren, bei jedem Spiel ein anderer - wie soll das funktionieren?" Antworten habe es nicht gegeben.

Mittlerweile, so ist zu hören, ist das Tischtuch zwischen Vereinsführung und Mannschaft zerschnitten - sogar von "Hass" ist die Rede. Die Gehälter von Februar bis April wurden von der Arbeitsagentur bis zu einer Bemessungsgrenze von 6050 Euro brutto mittlerweile ausgezahlt. "Das Januar-Gehalt werden wir aber wohl niemals sehen", sagt ein Spieler resigniert.

Besonders emotional sei es vor dem Spiel in Oldenburg zugegangen (das Spiel in Oldenburg fand zwei Tage nach der Pressekonferenz statt, auf der die Insolvenz verkündet wurde, Anm. d. Red.). "Wir hatten eine Stunde, um zu entscheiden, ob wir die Saison zu Ende spielen oder nicht", erinnert sich ein Spieler. "Dann haben wir uns dafür entschieden, nach Oldenburg zu fahren und gewinnen dort ohne jegliche Spielvorbereitung - das war unglaublich." Immer wieder wird in Spielerkreisen die "überragende Arbeit" von TBB-Coach Henrik Rödl, Co-Trainer Thomas Päch und dem Sportlichen Leiter Frank Baum genannt. "Die haben uns immer wieder motiviert", berichtet ein TBBler. "Nachdem die Insolvenz im März öffentlich geworden war, hat Henrik zu uns gesagt, dass er versteht, wenn jemand wechseln wird. Er werde definitiv bis zum Saisonende bleiben und weiter Training anbieten. Er war wie ein echter Kapitän, der sein Schiff zuletzt verlässt", sagt der Spieler.

Wie aus Mannschaftskreisen zu hören ist, sind die Chancen gering, dass Stammspieler aus der Saison 2014/15 auch in der kommenden Spielzeit noch in Trier spielen werden. Angesprochen auf die 800.000 Euro, die auf der Pressekonferenz am 19. März als Lücke im Etat bestätigt wurden, erklärt ein Spieler: "Wo sind die 800.000 Euro? Wo kommen die her? Ich habe mir die Frage oft gestellt, aber ich weiß es nicht." Auch der Trierische Volksfreund kann diese Frage nicht endgültig beantworten.

Um klären zu können, wer in der Vereinsführung welche genauen Aufgabenbereiche innehatte, hat sich der TV schriftlich mit einem Fragenkatalog an Vorstand Sascha Beitzel, Geschäftsführer Sebastian Merten, den ehemaligen Geschäftsstellenleiter Bernd Haasenritter und Insolvenzverwalter Thomas B. Schmidt gewendet. Geäußert haben sich Sascha Beitzel und Geschäftsführer Sebastian Merten .

Aus Vereinskreisen ist zu vernehmen, dass bereits im Dezember 2014 eine Liquiditätslücke in sechsstelligem Bereich bekannt ist. Wie diese zustande gekommen ist, bleibt unklar. Klar ist, dass die TBB der BBL am 15. Januar einen Finanzplan vorlegt, der einen Überschuss von 90 000 Euro plus ausweist.

Sebastian Merten erklärt gegenüber dem TV dazu Folgendes: "Die Meldung der Datensätze an die Liga erfolgt in jeder Saison zum 15. Januar des Jahres, mit einem Stand zum 31. Dezember des Vorjahres. Zu diesem Zeitpunkt wurden unsererseits erste Liquiditätsprobleme registriert und man ist noch davon ausgegangen, die vor der Saison eingereichte Planung sei weiterhin stimmig, die Liquiditätsprobleme könnten ausgeglichen werden." Inhaltlich seien im Verhältnis zum Saisonbeginn keine gravierenden Änderungen aufgetreten, sagt Merten. "So lagen wir in den Bereichen Ticketing und Sponsoring zu diesem Zeitpunkt klar im Plan. Wie es dann derart schnell zur Eskalation der finanziellen Situation kommen konnte, wird nun in aller Tiefe aufgearbeitet werden. Hiermit ist ja auch der vorläufige Insolvenzverwalter bereits befasst." Was in der Folgezeit bis zur Insolvenzanmeldung genau passiert ist, bleibt das Geheimnis der Vereinsführung. Fakt ist nur, dass im März rund 800.000 Euro im Saisonetat der TBB fehlen.

Nach TV-Informationen herrschten in Teilen der Geschäftsstelle chaotische Zustände. Es soll zu "gravierenden buchhalterischen Fehlern" gekommen sein. Wie zu hören ist, soll für die Saison 14/15 versäumt worden sein, die Heimspiele als Veranstaltungen bei der GEMA (Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte, Anm. d. Red.) anzumelden, sodass sich die Kosten verdoppelt haben und mehrere Tausend Euro an Kontrollzuschlägen extra anfielen. Andere Quellen berichten davon, dass mehrere Tausend Euro zusammengekommen seien, weil der Verein jahrelang die Spielerversicherung für Maik Zirbes weiter gezahlt habe, obwohl der gebürtige Traben-Trarbacher bereits seit 2012 nicht mehr für die TBB aktiv ist.

Wie es nun weitergeht: Die Chancen stehen sehr gut, dass ein Trierer Basketballverein in der kommenden Saison in der Pro A antreten wird. Unter welchem Namen steht noch nicht fest. Nach TV-Informationen soll die TBB AG zerschlagen werden. Eine neue Gesellschaft hat sich bereits konstituiert und ist in das Pro-A-Lizenzierungsverfahren involviert.

Kommentar

Das war fahrlässig

Von Marek Fritzen

Jetzt ist es tatsächlich passiert. Die TBB Trier ist aus der Basketball-Bundesliga abgestiegen - ausgerechnet im Jubiläumsjahr. Haarsträubende Fehler in der Vereinsführung haben den Club in die Insolvenz taumeln lassen. Die Führungsebene um Vorstand Sascha Beitzel, Geschäftsführer Sebastian Merten und den ehemaligen Geschäftsstellenleiter Bernd Haasenritter hat den Niedergang zu verantworten. Es geht dabei nicht um Vorsatz, sondern um Fahrlässigkeit. Die drei haben den Überblick verloren.

Hätten sie früher mit offenen Karten gespielt und öffentlich gemacht, wie schlecht es dem Verein tatsächlich geht, wäre eine Rettung vielleicht möglich gewesen. Sicher ist: Mitarbeiter und Mannschaft hätten diese Ehrlichkeit verdient gehabt. Doch auch sie wurden lange nicht über die Schieflage des Vereins informiert. Jetzt allerdings muss der Blick nach vorne gerichtet werden. Neue, professionelle Leute müssen das Ruder übernehmen, um dem Club in der Pro A eine solide Basis zu schaffen. m.fritzen@volksfreund.de
Extra

Der TV hat bei der für Wirtschaftsstrafsachen zuständigen Staatsanwaltschaft Koblenz nachgehört, ob gegen Mitarbeiter der TBB Trier im Zuge der Insolvenz ermittelt wird. Daraufhin teilt die Behörde mit: "Ein Ermittlungsverfahren ist hier nicht anhängig. Wird Insolvenz angemeldet, sind die Gerichte verpflichtet, diesen Umstand der Staatsanwaltschaft mitzuteilen. Es wird dann ein sogenanntes Prüfverfahren eingeleitet. In diesem Verfahren wird geprüft, ob der Anfangsverdacht einer Straftat besteht." Ein solches Verfahren laufe derzeit auch im Fall der TBB. mfr