Nowitzkis „Ziehvater“: Ein Genie nah am Wahnsinn

Nowitzkis „Ziehvater“: Ein Genie nah am Wahnsinn

Als Dirk Nowitzki beim Galaabend ins Rampenlicht tritt und seine Dankesrede für einen transatlantischen Preis hält, steht Holger Geschwindner am Ausgang des Großen Ballsaals.

Nicht nur Anfang Oktober in einem Berliner Nobelhotel auf der Huldigungstour für den Superstar bleibt sein Mentor im Hintergrund und ist doch nah dabei. Kaum eine deutsche Sportkarriere wurde so stark von einer Person beeinflusst wie der Aufstieg des Würzburgers zum besten europäischen Basketballer der Geschichte.

Geschwindner hat das Konzept der außergewöhnlichen Beziehung nun „In 82 Brocken und 41 Bildern“ anekdotenhaft als Plädoyer für kreative Sport- und Lebenslehre aufgezeichnet. „Nowitzki. Die Geschichte“ gibt sich dabei ähnlich unorthodox wie das Training selbst. „Der Holger ist für mich ein Genie“, sagt Nowitzki über seinen „Ziehvater“. „Und Genies sind ja teilweise dem Wahnsinn nahe.“

1994 schreibt Geschwindner über ein 16 Jahre altes Talent in sein Tagebuch: „Heute ist mir ein Schlaks aufgefallen, der instinktiv fast alles richtig macht, was man in unserem Sport so selten sieht. Mit einer Supertechnik könnte er ein richtig guter Spieler werden.“

Um dieses Ziel zu erreichen, bedient sich der frühere Kapitän des deutschen Basketball-Nationalteams, studierter Mathematiker und Physiker, eigenwilliger Methoden. Statt gewöhnlichen Krafttrainings geht der junge Nowitzki einmal pro Jahr in ein Ruder-Camp, nimmt Anleihen bei Boxern und Fechtern, lernt im Handstand zu laufen. „Der Holger war immer schon ein bisschen anders, er hat einen anderen Ansatz. Da ist nichts normal“, berichtet Nowitzki rückblickend im Interview dem Deutschlandradio.

Abseits der sportlichen Ausbildung will Geschwindner auch dazu beitragen, dass aus seinem Schützling „ein ganzer Kerl wurde, der mehr kann als Körbe werfen und die Arme hochreißen“. Als Nowitzki das erste Mal verliebt ist, empfiehlt Geschwindner die Novelle „Dshamilja“ des Schriftstellers Tschingis Aitmatow, lässt Vorlesungen von Carl Friedrich von Weizsäcker studieren. Er verordnet Gymnastik zu Jazzklängen, weckt Interesse an Richard Wagner. „Ohne Literatur, Kunst und Musik ist das Leben ein Irrtum“, predigt Geschwindner in Anlehnung an Nietzsche.

Das Verhältnis geht weit über eine gewöhnliche Trainer-Schüler- Allianz hinaus. Gemeinsam mit seinem persönlichen Coach unternimmt Nowitzki in der Sommerpause Reisen nach Australien oder Malaysia. Wenn sein Wurf über die Saison ungenauer wird, lässt der derzeit verletzte NBA-Star der Dallas Mavericks auch heute noch den 66-Jährigen einfliegen.

Einzeln gelesen mögen die Episoden des Buches erklären, warum sich Geschwindner die ironische Selbstbeschreibung als „Eigenbrötler“, „vermeintlicher Sonderling“ oder „Kauz“ verpasst. Als Gesamtbild ergibt sich jedoch ein starkes Plädoyer für mehr Vielseitigkeit, mehr Selbstverantwortung im häufig starren Sport-System. „Wenn du es in der NBA schaffen willst, dann musst du was können, was keiner kann“, erinnert Nowitzki die Worte seines Lehrmeisters. „Wir machen alles etwas anders, aber es hat sich durchgesetzt.“

Buchinfos beim Murmann-Verlag

Nowitzki-Interview bei dradio