| 08:42 Uhr

Pyeongchang
Eingebürgert

Südkorea will im Eishockey auch mal gewinnen. Gute Spieler fehlten, also mussten Ausländer her. Über Flaggenwechsel bei Olympia. Felix Lill

Es ist der Traum fast jedes Athleten: einmal sein Land bei Olympia vertreten. Für Brock Radunske ist er in Erfüllung gegangen, irgendwie. "Ich bin stolz, Kanadier zu sein", sagt der blonde, langgewachsene Profi, "aber wenn ich auf dem Eis bin, gebe ich alles für Korea." Eine ganze Mannschaft von Eishockeyspielern, die bis vor kurzem noch wenig Absichten hatten, Südkoreaner zu werden, geben dieser Tage ähnliche Statements ab. Denn für die Olympischen Spiele sind sie auf Söldnermission: Sie sind jetzt Koreaner, zumindest wenn sie ihre Schlittschuhe tragen.

Sogar für Gastgeber Südkorea bedeuten solche Einbürgerungen einen kulturellen Umbruch. Pro Jahr geben die restriktiven Behörden des ostasiatischen Industriestaats nur gut 13.000 Ausländern die Staatsbürgerschaft. Das ebenfalls strenge Deutschland bürgert im Jahr knapp achtmal so viele Ausländer ein, das bevölkerungsärmere Kanada gar zwanzigmal so viele. Für den koreanischen Pass muss man eigentlich mindestens fünf ununterbrochene Jahre im Land leben, die nationale Kultur kennen und die Sprache sprechen. Es sei denn: Man spielt gut Eishockey.

Bei Olympischen Spielen hat das Austragungsland in der Regel das Privileg, in jeder Disziplin eine Zahl von Athleten oder ein Team an den Start zu schicken. Zwar gibt es je nach Sportart zusätzliche Mindestvoraussetzungen, wie etwa einen bestimmten Platz in der Weltrangliste, aber generell gilt: der Gastgeber soll mitmachen können. Allerdings stand Südkorea gerade im Eishockey vor einem Problem: Im 50-Millionenstaat bertreiben laut dem internationalen Eishockeyverband weniger als 2700 Menschen den Sport, im ganzen Land gibt es auch nur 30 entsprechende Sporthallen.

So wäre es illusorisch gewesen, ein rein koreanisches Team an Athleten ins Rennen zu schicken. Stattdessen haben die Behörden des ansonsten ethnisch nicht gerade diversen Landes beschlossen, die Einwanderungsregelungen zu lockern. Seit 2011 dürfen Athleten, die die Wettbewerbsfähigkeit Südkoreas erhöhen, die Staatsbürgerschaft annehmen, ohne dabei ihre vorige Nationalität ablegen geschweige denn in Südkorea den Militärdienst absolvieren zu müssen. Zudem sollen viele Athleten mit Geld angeworben sein, das die Saläre koreanischstämmiger Athleten bei weitem übersteigt. Ein Argument dafür: In Südkorea, wo man sich schon für amerikanisch geprägte Disziplinen wie Baseball interessiert, soll Eishockey die nächste Boomsportart werden.

Es ist nicht das erste Mal, dass ein Land auf dem olympischen Wege seine Faszination für einen bestimmten Sport entdeckt, für das es vorher nie gebrannt hat. 2012 in London traten die Briten erstmals mit einer Auswahl von Handballern an. Der Sportverband trainierte ab der Erteilung des olympischen Austragungsrechts an London regelmäßig ein paar interessierte Sportler. Die Auftritte reichten am Ende nur für Applaus vor heimischem Publikum. Sowohl die Männer als auch die Frauen wurden zur Schießbude, schieden je ohne Punktgewinn in der Gruppe aus.

2016 in Rio durfte sich das brasilianische Hockey endlich mal mit anderen Ländern messen. Vorher hatte es den Sport in Brasilien im Prinzip nicht gegeben. Der Internationale Hockeyverband verlangte für die Teilnahme bei den Männern Platz 30 in der Weltrangliste. Weil den Brasilianern dies aber nicht gelang, durften sie 2015 bei einem panamerikanischen Entscheid noch einmal ihr Können beweisen. Sechster mussten sie werden, es reichte für Platz vier. Bei Olympia daheim wurden sie allerdings von den Gästen aus aller Welt überrollt.

Wird es den koreanischen Eishockeyspielern nun anders gehen? Immerhin ein bisschen koreanische Expertise hat die Truppe: Trainiert wird sie von Jim Paek, einem Koreaner, der als Kind nach Kanada zog und dort das Eishockeyhandwerk lernte. Mit den Pittsburgh Penguins gewann er Anfang der 1990er Jahre sogar zweimal den Stanley Cup, die größte Trophäe des Sports. Später arbeitete er als Trainer in den USA. Nur ist die Gruppe stark, in der sich die Südkoreaner bei den Spielen messen müssen. Kanada wartet, zudem die traditionell starken Nationen Schweiz und Tschechien. "Wir müssen einfach jedes Mal besser werden", sagte Trainer Paek.

Die eingebürgerten Eishockeyspieler sind in Pyeongchang 2018 keine Ausnahme. In einigen Sportarten gibt es die Nationen-Wechsler. Der Biathlet Michael Roesch startete bei den Spielen in Turin 2006 für Deutschland, ließ sich 2014 dann in Belgien einbürgern und ist in Südkorea für das belgische Team am Start. Rodlerin Aileen Frisch (25) etwa war ein deutsches Talent. Für ihren Traum von Olympischen Spielen ließ sie sich in Südkorea einbürgern - und änderte gleich ihren Namen. "Il Wi" heißt sie nun, was so viel bedeutet wie "Gewinnt den ersten Preis". Die Liste ließe sich weiterführen. Unumstritten ist die Internationalisierung einer Nationalmannschaft nicht.

Roger Park, Professor für Sportökonomie an der Hanyang Universität in Seoul, mahnte: "Die meisten Spieler gehen doch nach Olympia in ihre Länder zurück." Das sei gegen den olympischen Gedanken. Und: "Wenn wir Medaillen gewinnen, können wir diese dann koreanische Medaillen nennen?" Im vielerorts nationalstolzen Korea dürften mehrere Menschen so empfinden.