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Fußball
Der letzte Pfiff - Eine Schiri-Legende hört auf

„Ich höre jetzt wirklich auf!“: Martin Wagner ist eine Schiedsrichter-Legende. Der Mann aus der Eifel ist 87 Jahre alt und hat 44 Jahre lang Fußballspiele geleitet. Nun hängt er die Pfeife an den Nagel.
„Ich höre jetzt wirklich auf!“: Martin Wagner ist eine Schiedsrichter-Legende. Der Mann aus der Eifel ist 87 Jahre alt und hat 44 Jahre lang Fußballspiele geleitet. Nun hängt er die Pfeife an den Nagel.
Mettendorf. Ende September feiert Martin Wagner seinen 88. Geburtstag. Nach 44 Jahren beendet er an diesem Wochenende seine Karriere als Fußballschiedsrichter. Ein Gespräch über pöbelnde Zuschauer, das Vaterunser und ein ganz besonderes Geschenk. Von Marek Fritzen
Marek Fritzen

Das kleine schwarze Ledermäppchen, das mit dem goldenen Reißverschluss und dem orangefarbenen Aufkleber mit der Iveco-Pannen-Notrufnummer, es ist immer dabei, immer. Für Martin Wagner ist es so etwas wie für den Notarzt der Erste-Hilfe-Koffer. Kein Einsatz ohne Ledermäppchen. Rudolf Kreitlein, einer der größten deutschen Fußball-Schiedsrichter, hat es ihm einst geschenkt. „Das muss in den Achtzigern gewesen sein, so genau weiß ich das nicht mehr“, gesteht Wagner.

Der FC Mettendorf-Lahr, sein Heimatverein, eröffnet damals den neuen Hartplatz. Kreitlein, der WM-Schiedsrichter von 1966, reist eigens an, um ein Spielchen in der Eifel zu pfeifen. Wagners Augen leuchten, auch Jahrzehnte danach: „Der Kreitlein“, wie Wagner ihn nennt, sein großes Idol, von dem er sich so viel abgeschaut hat, der pfeift tatsächlich ein Spiel in Mettendorf – und Martin Wagner darf ihm als Linienrichter auch noch assistieren. „Das war etwas ganz Besonderes“, flüstert der Rentner ergriffen. Es wird noch besser: Nach dem Spiel kommt Kreitlein auf Wagner zu, schüttelt ihm die Hand und sagt: „Sie waren der beste Mann an der Linie – vielen Dank für Ihren Einsatz.“ Sagt’s und drückt Wagner das schwarze Ledermäppchen in die Hand.

„Hier“, sagt der Eifler, während er am Esstisch seines Hauses den goldenen Reißverschluss des Mäppchens behutsam öffnet. „Hier ist alles drin, was ein Schiedsrichter braucht.“ Kurz darauf liegen eine Rote und eine Gelbe Karte, zwei Pfeifen, ein Notizbuch und ein viereckiges, taschenrechner-ähnliches Gebilde vor ihm auf dem Esstisch: sein Zeitnehmer. Dieser – das will er mal eben klarstellen – habe nicht zur ursprünglichen Mäppchen-Ausstattung gehört. Den habe ihm sein Friseur aus Mettendorf nachträglich geschenkt. Er habe das Gerät daraufhin mitaufgenommen. „Der Zeitnehmer ist neben meiner Armbanduhr als Sicherheit auf dem Platz immer dabei – der piepst zur Halbzeit und zum Spielende.“ Wagner hält kurz inne, dann drückt er den dicken Knopf an der Seite. Piep, piep, piep, piep – funktioniert, Wagner nickt. Kurze Pause, dann schüttelt der Eifler den Kopf: „Ne wirklich, ich sag es noch mal: Es ist jetzt wirklich Schluss, das war’s, ich häng‘ kein Jahr mehr dran!“ Er packt alles wieder ein, die Karten, die Pfeifen, den Zeitnehmer, das Notizbuch, schließt den Reißverschluss und legt das kleine, schwarze Ledermäppchen zurück in die Schublade der weißen Kommode.

Martin Wagner feiert Ende September seinen 88. Geburtstag. Er fährt zweimal im Jahr mit seiner Lebensgefährtin Marianne Hecker mit dem Wohnmobil an die Costa Brava – „Eine Pause machen wir vor dem Tunnel bei Lyon, eine zweite an der spanischen Grenze. In 13 Stunden sind wir immer unten.“ Er radelt täglich zwölf Kilometer mit dem Fahrrad durch die Eifel – „Wenn es regnet oder schneit, setze ich mich auf den Heimtrainer im Wintergarten, ich muss mich bewegen, das hält fit“. Das allein macht den Schmiede- und Schlossermeister schon zum Phänomen.

Doch was ihn zur Legende macht, ist etwas anderes: Seit 44 Jahren leitet Martin Wagner als Schiedsrichter Fußballspiele in der Eifel. Mit seinen 87 Jahren ist er der älteste Referee im Fußballverband Rheinland und einer der ältesten in ganz Europa. Am Sonntag, beim Sportfest des FC Mettendorf-Lahr, wird der Senior sein letztes Spiel leiten. „Ganz sicher“ sei das, wie er immer wieder betont. „Es gibt kein Zurück mehr, ich höre wirklich auf, es ist nun genug.“

Kein Zurück mehr – so war das für ihn auch 1974. Damals, das WM-Finale zwischen Deutschland und Holland stand an, forderte ihn ein Kollege zu folgender Wette heraus: „Wenn Deutschland Weltmeister wird, musst du den Schiedsrichter­schein machen!“ Alles klar. So kommt es. Die Schön-Elf wird Weltmeister und Wagner wird Schiedsrichter.

„Ich hatte ja am Anfang überhaupt nicht damit gerechnet, dass ich so lange pfeifen würde“, erinnert sich Wagner. Doch er pfeift Jugendspiele, er pfeift Herrenspiele bis zur A-Klasse, er pfeift Damenspiele bis zur Bezirksliga – er pfeift und pfeift und pfeift und pfeift …

Was auf seine Pfiffe allerdings nur selten folgt, sind Verwarnungen oder Platzverweise. Wagner ist kein Schiri, der mit Karten um sich wirft, keiner, der Farbe ins Spiel bringt, um sich Respekt zu verschaffen. „Fünf oder sechs Rote Karten habe ich in meiner Karriere verteilt, mehr nicht“, sagt er stolz. Sein Motto: „Immer erst mal mit den Spielern reden, nicht direkt die Karten zücken – dann regelt sich das Meiste von selbst.“ Und ganz wichtig: „Stets ein bisschen spaßig bleiben – mit Humor geht’s meistens leichter.“ In den ersten 15 Spielminuten allerdings, betont der Pensionär, da sei wenig Platz für Witzchen. Denn: „In der Anfangsphase musst du denen zeigen, wer die Hosen anhat – danach wissen die, wie es läuft.“ Einen seiner Platzverweise, daran kann er sich noch ganz genau erinnern, den hat er im Januar 1988 verteilt. Wagner nimmt ein Mannschaftsbild von der Wand. Darauf: der belgische Erstligist VV St. Truiden. Anfang 1988 sind die Jungs aus der Kleinstadt aus der Nähe von Lüttich für ein Testspiel gegen den SV Oberweis in Mettendorf zu Gast. „Der hier“, sagt Wagner und deutet mit dem Zeigefinger auf einen blonden Spieler in der letzten Reihe, „der hat es einfach übertrieben. Den musste ich mal runterkühlen lassen und habe ihn für zehn Minuten vom Platz gestellt“. Wagner verhängt eine damals im Fußball übliche Zeitstrafe. „Als er wieder aufs Feld kam, ging es  ihm besser“, sagt der Mettendorfer und beginnt zu lachen.

Wagner lacht noch immer, als er beginnt, die nächste Anekdote zum Besten zu geben: Ein Jugendspiel, irgendwann in seinen Anfangsjahren als Schiedsrichter. Die Partie plätschert so vor sich hin. Viel Gerumpel, viel Gefoule, viel Gemeckere – besonders vom Spielfeldrand. „Da stand einer“, erzählt der 87-Jährige, „das war der Vater eines Spielers. Der war nur am Schreien. Jede Entscheidung hat der kommentiert“. Dann wird es Wagner zu bunt. „Ich bin zu dem hin, habe ihm das Zweimarkstück, das ich für die Seitenwahl in der Hosentasche hatte, in die Hand gedrückt und gesagt: ,Komm, geh dir ein Stubbi kaufen, aber bitte geh einfach‘.“ Gesagt, getan. Der Herr nimmt die zwei Mark und verbringt den Rest des Spiels am Bierstand – Wagner hat seine Ruhe. „Nach dem Spiel kam seine Frau zu mir und sagte: ,Vielen Dank, das haben Sie echt gut gemacht‘.“

Probleme mit der Puste, die habe er auf dem Platz auch im Herbst seiner Karriere übrigens nie gehabt. „Gut, in den ersten zehn Minuten habe ich den Puls immer ein bisschen gespürt, aber danach ging das gut.“ Und ohnehin: Jeden Weg, so gibt der Vater zweier Söhne und dreier Töchter zu, habe er auf dem Platz sowieso nicht mehr machen müssen. Das geschulte Auge mache es möglich, sagt er grinsend.

Von immenser Bedeutung, so betont der erfahrene Mann an der Pfeife, sei zudem eine optimale Spielvorbereitung. Nur wer konzentriert ins Spiel gehe, könne eine Partie ordentlich leiten. Er persönlich habe für sich da so einen ganz eigenen Weg gefunden: „Auf der Autofahrt zum Spiel“, erzählt der Senior, „da bete ich regelmäßig vier bis fünf Mal das Vaterunser. Das hilft mir sehr. Wenn ich dann am Spielort ankomme, bin ich ruhig und sehr konzentriert.“

In seinem schwarzen Ledermäppchen, das er einst von Rudolf Kreitlein geschenkt bekommen hat, gibt’s übrigens noch so ein kleines Detail, das nicht zur Original-Ausstattung zählt: die Platzwahl-Münze. Die alte hat er vor Jahren mal ausgetauscht. Er hat sie ersetzt durch einen Stein, den er am Strand der Costa Brava gefunden hat. Die eine Seite hat er rot eingefärbt, die andere weiß belassen. Der Stein hat ihn jahrelang über die Fußballplätze der Eifel begleitet, unzählige Platzwahlen entschieden.

Am Sonntagabend, wenn Martin Wagner sein letztes Spiel abgepfiffen hat, dann legt er ihn gemeinsam mit der Gelben und der Roten Karte, den beiden Pfeifen, dem Notizbuch und dem Zeitmesser zurück in sein Ledermäppchen. Dann schließt er den Reißverschluss und legt es ein letztes Mal in die Schublade der weißen Kommode.