Arnd Zeigler über das "Monstrum" Videobeweis, Mesut Özil und die Trier-Premiere

Kostenpflichtiger Inhalt: Warum er den Fußball trotzdem noch liebt : Arnd Zeigler: „Der Videobeweis ist gescheitert!“

Der Moderator und Fußball-Autor ärgert sich im Interview über den Stimmungskiller Videobeweis, über irre Handspielregeln, den Autoritätsverlust beim Schiedsrichter, über völlig ungleiche Bedingungen. Aber seine Liebe lässt er sich nicht kaputt machen. Am 16. Januar ist er mit seiner Show in Trier.

Als Stadionsprecher von Werder Bremen hat Arnd Zeigler aktuell wenig Grund zur Euphorie. Der 54-Jährige, der mit seiner Fernsehsendung „Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs“ bekannt wurde, lässt sich aber weder von der aktuellen Werder-Situation noch von „Monstrositäten“ wie dem Videobeweis die Lust am Fußball nehmen. Vor seiner Trier-Premiere in der Europahalle (16. Januar) sprach Zeigler mit TV-Redakteur Andreas Feichtner auch über Mesut Özil, den nächsten Titel der Bayern und ein Eintracht-Trier-Spiel.

Es ist keine zwei Jahre her, da sagten Sie meinem Kollegen im Interview, dass sie sich auf absehbare Zeit eigentlich keinen Deutschen Meister außer den Bayern vorstellen können. Kurz vor Ende der Hinrunde 2019/20 ist es an der Spitze eng wie lange nicht mehr. Wer wird Meister?

Arnd Zeigler: Mit RB Leipzig ist ein starker Konkurrent herangewachsen, und ich würde auch in jedem Jahr Borussia Dortmund zum Kreis der Titelkandidaten zählen – aber man hat doch die eingebaute Vermutung: Am Ende werden es doch wieder die Bayern. Die letzte Saison hat da viel, wenn man so will, „kaputt gemacht“: Wenn es Borussia Dortmund selbst mit neun Punkten Vorsprung nicht schafft und am Ende doch wieder die Bayern auf dem Podest stehen, dann ist das sicher der Tatsache geschuldet, dass sie die höchste Qualität haben und am stabilsten sind. Das hat sich nicht geändert. Klar können Dortmund oder Leipzig in dieser Saison am Ende oben landen – am wahrscheinlichsten ist für mich aber der Titel für die Bayern. Ich bin dankbar, dass es wohl keine Meisterschaft wird, die schon im April entschieden wird.

Die Kluft ist groß geworden…

Zeigler: Ein Zahlenspiel: Werders Stammformation hat insgesamt 36 Millionen Euro gekostet –so viel wie Bayern-Spieler Benjamin Pavard alleine. Da kannst du als kleiner Verein nicht mehr beikommen – vor allem, wenn man dann noch sieht, wen die Bayern auf der Bank haben. Das hat sich über die Jahre geändert: Wenn die Bayern vor 20 Jahren drei Ausfälle hatten, mussten sie drei Ersatzspieler bringen. Jetzt kommen eben Müller oder Coutinho von der Bank. Das ist nicht mehr der selbe Sport wie bei Mannschaften wie Mönchengladbach oder Eintracht Frankfurt, die mit ihrem Geld haushalten müssen und versuchen müssen, besonders schlaue Lösungen zu finden. Die Bayern holen sich dann einfach fünf Spieler für 30 Millionen, die sie alle auch auf die Bank setzen können. Das ist eben das Ende des klassischen Rehhagel-Zitats „Geld schießt keine Tore“.

In Europa sind die Bayern von den finanziellen Möglichkeiten her dagegen längst überholt worden. Überrascht Sie die bisherige Bayern-Dominanz in der Champions-League-Gruppenphase?

Zeigler: Ja, schon etwas: Ich hatte erwartet, dass die Bayern auf Dauer Teams wie Manchester City oder Paris Saint Germain aus den Augen verlieren würden – aber das scheint momentan nicht der Fall zu sein. Das erstaunt mich sehr, und davor habe ich Hochachtung. Ich dachte, die Bayern sind verurteilt, dass sie in Deutschland zwar die Liga  langweilig machen, aber international gegen Vereine, die ein Vielfaches zur Verfügung haben und die notfalls von einem Scheich oder einem ganzen Staat finanziert werden, nicht mehr viel zu bestellen haben. Bislang können sie das ausgleichen.

Optimisten haben gehofft, dass der Videobeweis für ein Ende der ewigen Diskussionen sorgen wird, dass die krassen Fehlentscheidungen Vergangenheit sind. Gerade bei Handspielen gibt es aber weiterhin jede Menge Gesprächsbedarf. Was kann man aus Ihrer Sicht dagegen tun?

Zeigler: Für mich ist es unerlässlich, dass man den Faktor Absicht wieder einführt. Das Seltsame ist doch: Wir sind über Jahrzehnte mit einer ganz einfachen Handspielregel klar gekommen: Liegt eine Absicht vor? Geht der Ball zur Hand oder geht die Hand zum Ball? Mit dieser Regel hatte jeder Schiedsrichter eine Handhabe. Mittlerweile kommen Kriterien wie „über Schulterhöhe“, „unnatürliche Handbewegung“ hinzu oder wenn ein Ball von einem anderen Körperteil an die Hand prallt. Es sollte präzisiert werden, aber in Wirklichkeit ist es nur schlimmer gemacht worden. Auch viele Schiedsrichter fühlen sich allein gelassen. Sie haben ein Regelwerk vorgeknallt bekommen, das nicht mehr beherrschbar ist – das ist ein großes Problem. Wann hat der Schiedsrichter noch den Hut auf? Da stößt man mit der ganzen neuen Technologie auch an Grenzen.

Sie sind generell kein Fan des Videobeweises…

Zeigler: Man hat ein Monstrum erschaffen, das nicht beherrschbar ist. Auch in Köln (Anm.: dort befindet sich das Video Assist Center der DFL)  sitzen Menschen, die Fehler machen. Dann ist es nicht die größere Gerechtigkeit, die immer angeführt wird, sondern das Umgekehrte: Wenn man mit allen technischen Mitteln immer noch ein Abseitstor kassiert, weil nicht nachgeschaut wird, dann empfindet man das als viel größere Ungerechtigkeit als vorher. Ich glaube, der große Denkfehler von vornherein war, dass das Wort „Videobeweis“ Einzug gehalten hat. Das gaukelt den Leuten vor, man könnte mit dieser Technologie hieb- und stichfeste Beweise für die Klärung einer Szene liefern. Das kann es aber im Fußball nicht geben, weil es in vielen Situationen eine fließende Grenze gibt. Es gibt nicht nur schwarz und weiß. Es gibt einige Sachen, die mich grausen lassen: Da gewinnt Köln am vergangenen Wochenende im Derby ein ganz wichtiges Spiel – und das erste Tor wird dreieinhalb Minuten überprüft. Das ist der Moment, in dem normalerweise die Fans  vor Freude ausrasten würden – und was machen sie? Sie müssen minutenlang schauen, was der Schiedsrichter entscheidet. Es ist gar keine richtige Freude mehr da, das ganze Impulsive ist genommen – und das empfinde ich als viel größeren Verlust als man durch die eine oder andere korrigierte Fehlentscheidung dazugewinnt. Der Videobeweis ist für mich in dieser Form gescheitert. Dem Fußball wird dadurch ganz viel weggenommen.

Mal abseits der Emotionen – hat der Videobeweis das Spiel verändert?

Zeigler: Er hat im Bewusstsein der Spieler ganz viel verändert. Da ist nun eingepflanzt: Wenn ich nach einer Entscheidung ganz viel Theater mache, kann es sein, dass sie das noch mal nachprüfen. Dann sagen die Schiedsrichter zwar „nein, nein – wir  prüfen nur, was wir für richtig halten“, aber das stimmt nicht.

Heißt: Der Schiedsrichter hat an Autorität verloren?

Zeigler: Ganz sicher, das sehen viele Schiedsrichter auch so. Wenn du eine Situation hast, in der ein Schiedsrichter etwas entscheidet, dann wusstest du früher: Du kannst ihn nicht mehr umstimmen. Jetzt musst du ihn nur nerven, ihn umringen mit sechs Spielern und die Fortsetzung des Spiels mit allen Mitteln verhindern, dann kann es sein, dass Köln sagt, wir schauen uns das noch mal an. Du hast als Schiedsrichter längst nicht mehr so viel Autorität wie früher. Das ist ein großer Verlust – und es ist ein Fehler, weil du einer Respektsperson, die der Schiedsrichter zu sein hat, Autorität nimmst.

Sie können sich über den Videobeweis ordentlich aufregen. Gab es in Ihrem Leben schon mal Phasen, wo die Leidenschaft für den Fußball merklich abgekühlt ist?

Zeigler: Das werde ich oft gefragt. Es ist interessant, es gibt tatsächlich immer mehr Dinge, die einen stören. Aber auf der anderen Seite ist es das Faszinierende, dass Fußball einem immer noch so viel zurückgibt. Wenn ich mir gerade die jüngsten Berichte über die Übertragungsrechte in der Champions League anschaue und mir denke – soll ich jetzt für fünf Sender zahlen? Klar nervt das. Aber ich werde weiter schauen.

Mesut Özil macht sportlich derzeit wenig von sich reden, ein Thema ist er dennoch immer wieder. Vor ein paar Tagen hat er auf die Situation der Uiguren in China aufmerksam gemacht – und sich damit den Ärger Chinas zugezogen. Wie bewerten Sie seinen Einsatz?

Zeigler: Es ist die grundsätzliche Frage, ob Fußball und Politik zusammengehören. Gerade bei Mesut Özil ist das ein pikantes Thema wegen des Eklats um die Bilder mit Erdogan. Ich sehe das ganz komplex. Ich weiß nicht, ob man als Außenstehender befugt ist, ihm Ratschläge zu geben, wie er sich zu verhalten hat. Etwa bei der Erdogan-Geschichte: Ich finde, es ist für einen Nicht-Türken sehr einfach zu sagen, dass er ein solches Foto nicht machen darf. Ich will auch nicht den Eindruck erwecken, dass ich das Erdogan-Foto okay fand – aber man macht es sich leicht, wenn man nur mit dem Finger auf andere zeigt. Im aktuellen Fall hat Özil auf ein Problem hingewiesen, das sicher eines ist. Ich finde es gut, wenn jemand, der gehört wird, in einer Situation für Aufmerksamkeit sorgt, die ansonsten vielleicht unbeachtet bliebe. Natürlich kommen dann auch die notorischen Özil-Hasser, die sagen, er soll die Schnauze halten. Es gibt aber auch viele Leute, die mal nachgeguckt haben, wovon er denn spricht – was ist denn da los, was hat es auf sich mit den Uiguren in China? Und die erst durch ihn von einem Thema etwas gelesen haben, das sie sonst vielleicht gar nicht interessiert hätte. Grundsätzlich finde ich es gut, wenn ein Fußballer über seinen Tellerrand schaut – so wie Mesut Özil. Gerade vor dem Hintergrund, dass es ihn schon mal Kopf und Kragen gekostet hat, dass er sich politisch engagiert hat.

Mit Ihrer Show „Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs“ gastieren Sie am 16. Januar in der Europahalle. Was verbinden Sie eigentlich mit Trier?

Zeigler: Ich werde zum ersten Mal in meinem Leben in Trier sein. Als ich fünf war, das weiß ich noch,  habe ich von meiner älteren Schwester Postkarten aus Trier bekommen. Mit römischen Bauwerken in der Abenddämmerung und „Trier an der Mosel“ drauf. Die fand ich faszinierend und habe sie an die Wand gehängt. Aber es hat nicht gereicht, dass ich mal hingefahren wäre.

Ihr Herzensclub Werder Bremen ist im Moselstadion nicht gerade ein Stammgast.

Zeigler: Moment, das muss ich klären (sucht auf der Internetseite fussballdaten.de nach allen Partien zwischen Eintracht Trier und Werder Bremen). Oh, es gab es nur ein einziges Pflichtspiel: Im DFB-Achtelfinale 2004 im Weserstadion. Werder gewann nach Verlängerung 3:1. Damals war ich auch schon Stadionsprecher.

Lange her. Werder war damals Double-Sieger, Eintracht Trier Zweitligist.

Zeigler: Ach, das war noch eine Mannschaft – Micoud, Baumann, Borowski, Klose, Ismael… Und bei Trier spielte Patschinski?

Genau. Wie viel Eintracht Trier wird es denn in Ihre Show schaffen?

Zeigler: Ich versuche immer auch, lokale Bezüge reinzubekommen. Ich werde schauen, ob ich was zu Eintracht Trier finde, was ich zeigen kann.  „Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs – live“ war ursprünglich geplant als eine Bühnenausgabe meiner Fernsehsendung. Inzwischen sind diese Bühnenabende lange Liebeserklärungen an den Fußball und ich habe immer die Hoffnung, dass man heimgeht und sagt: Ja, Fußball ist wirklich toll.

Interview: Andreas Feichtner

DFB-Pokal, Achtelfinale : Werder Bremen - SV Eintracht Trier 05 am Dienstag (09.11.2004) im Weserstadion in Bremen. Der Trierer Miodrag Latinovic (l) kommt beim Kopfball gegen den Bremer Angelos Charisteas nicht an den Ball. Foto: Carmen Jaspersen dpa/lni |. Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb/Carmen Jaspersen

Zeigler live in Trier: 16.1., Europahalle