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Bayers Flügelspieler in der Formkrise
Karim Bellarabis langer Sinkflug

Karim Bellarabi klammert sich nach einer vergebenen Chance am Pfosten fest.
Karim Bellarabi klammert sich nach einer vergebenen Chance am Pfosten fest. FOTO: dpa, mb soe
Das DFB-Sportgericht hat gesprochen: Nach seinem groben Foulspiel gegen Bayern Münchens Rafinha wird Karim Bellarabi für vier Spiele gesperrt. Zudem muss der 28-Jährige 10.000 Euro Strafe zahlen. Ein Tiefpunkt in der Karriere des Flügelspielers. Von Dorian Audersch

Im Februar 2017 spielt die Werkself in Augsburg – und Karim Bellarabi gelingt Historisches: In der 23. Minute erzielt er das 1:0 für sein Team und damit das 50.000 Tor in der Bundesliga-Geschichte. Der pfeilschnelle Flügelspieler wird bejubelt, positive Schlagzeilen bestimmen die kommenden Tage. Sein Platz in etwaigen Sportalmanachen ist ihm sicher. Bellarabi ist ein gefeierter Held.

Etwa anderthalb Jahre später tritt Bayer 04 beim FC Bayern München an. Bellarabi wird eingewechselt, um beim Stand von 1:2 in der Schlussphase das arg lahmende Offensivspiel anzukurbeln. Die Rechnung von Trainer Heiko Herrlich geht nicht auf – im Gegenteil: Sein Schützling begeht nur wenige Minuten später ein rüdes Foulspiel an Rafinha, dessen Innenband am Sprunggelenk teilweise reißt. Schiedsrichter Tobias Welz hat keine Wahl: Er zeigt die Rote Karte. Leverkusen verliert mit 1:3 gegen den Rekordmeister.

Das Getöse nach dem Schlusspfiff ist groß. Uli Hoeneß lässt sich zu der Aussage hinreißen, Bellarabis Foul sei „geisteskrank“ sowie „vorsätzliche Körperverletzung“ gewesen und fordert eine dreimonatige Sperre – „wegen Dummheit“. Dem ist das DFB-Sportgericht freilich nicht gefolgt, doch die Strafe ist mit vier Spielen Sperre und 10.000 Euro Geldstrafe hart ausgefallen. „Wir werden keinen Einspruch einlegen“, sagt Bayer-Sprecher Dirk Mesch. Der Verein akzeptiert das Urteil. Bayers Sportgeschäftsführer Rudi Völler konterte in der „Bild“ die drastischen Aussagen von Uli Hoeneß mit Ironie. Damit habe der Bayer den Leverkusenern sogar einen Gefallen getan: „Dadurch wurden es nur vier statt fünf Spiele.“

Münchens Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge ist mit der Strafe dennoch zufrieden. „Das könnte ein Exempel sein, das man statuiert hat um zu zeigen, dass man bereit ist, durchzugreifen“, sagte er am Dienstag – nicht ohne einmal mehr einen besonderen Schutz für die Spieler des FC Bayern zu fordern, die seiner Ansicht nach zu hart angegangen werden. „Das ist etwas, das abgestellt werden muss in der Bundesliga, da sind der DFB und insbesondere die Schiedsrichter gefragt.“ Insofern setze er darauf, dass das Urteil gegen Bellarabi abschreckende Wirkung habe.

Die Karriere des 28-jährigen Flügelspielers, der im August 2014 nach nur neun Sekunden das damals schnellste Bundesligator in der Historie erzielte und bis vor der EM 2016 zum erweiterten Kreis der Nationalmannschaft gehörte, befindet sich seit einiger Zeit im Sinkflug. Seinen letzten großen Auftritt hatte er im Februar, als er beim 4:2-Pokalsieg gegen Werder Bremen in der Verlängerung das 3:2 erzielte sowie wenig später das 4:2 auflegte und damit den Einzug ins Halbfinale sicherte. Allerdings kam der einst unter Ex-Coach Roger Schmidt gesetzte Stammspieler auch in diesem winterlichen K.o.-Krimi nur von der Ersatzbank zum Einsatz.

Das ist längst zu Bellarabis Standardsituation geworden. Selten findet er sich in der Startelf wieder. Nicht erst seit Heiko Herrlichs Amtsantritt im Sommer 2017 verringern sich die Einsatzzeiten zunehmend. Der 21-jährige Positionskollege Leon Bailey scheint dem gebürtigen Berliner den Rang abgelaufen zu haben. Hinzu kommen Rückschläge wie etwa der hitzebedingte Kollaps bei einem Testspiel im Wuppertal in diesem Sommer, der für einige Schreckmomente im Lager der Werkself sorgte und ihn in der bis dahin guten Vorbereitung zurückwarf.

Nun hat er sich durch sein wohl nur durch Frust erklärbares, aber nicht entschuldbares Foulspiel an Rafinha vorerst selbst aus der Gleichung genommen – ausgerechnet in einer akuten Krisensituation seiner Mannschaft. Bayer 04 ist nach dem desaströsen Start in die Spielzeit punktlos Tabellenletzter mit 2:8 Toren. Am Donnerstag startet die Europa League mit dem Auswärtsspiel beim bulgarischen Topklub Ludogorez Rasgrad (21 Uhr), laut Herrlich „kein Gegner, den man mal eben im Vorbeigehen besiegt.“ Am Sonntag kommt dann der mehr als ordentlich in die Liga gestartete FSV Mainz in die BayArena (15.30 Uhr).

Obwohl alle Verantwortlichen um Völler und Sportdirektor Jonas Boldt Herrlich bislang demonstrativ den Rücken stärken, kommt der Partie gegen die Rheinhessen eine besondere Bedeutung zu – wohl auch für die Zukunft des Trainers. Eine vierte Niederlage in Folge würde aus dem bereits jetzt schon historischen Fehlstart ein Debakel machen, das die Werkself wohl zu einer frühen Korrektur des wie immer ambitionierten Saisonziels Champions League zwänge.

Karim Bellarabi wird in den kommenden vier Bundesligapartien keine Rolle spielen, weder auf dem Feld, noch auf der Bank. Dafür hat er nun reichlich Zeit, sich auf das rein Fußballerische zu besinnen: sein Talent, seine Schnelligkeit, seine explosiven Antritte und Dribblings, die zuletzt immer seltener zu sehen waren. Vielleicht denkt er dabei auch an den Februar 2017 und sein historisches Tor. Es wäre eine passende Orientierung, um vom sportlichen Sink- wieder in den Steilflug zu kommen und seinen inzwischen 168 Pflichtspieleinsätzen für Bayer 04 (35 Tore, 41 Vorlagen) noch einige weitere hinzuzufügen. Immerhin: Bereits am Sonntag entschuldigte er sich bei Rafinha für sein Foul. Ein guter erster Schritt.