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"Ich war schon genervt"
Kramer bei Diskussion mit Borussia-Fans mittendrin

Mönchengladbach. Borussia hat gegen Hertha BSC zum ersten Mal seit dem 1:0-Sieg gegen Hannover am 24. Februar gewonnen. Das Spiel war indes schlecht. Christoph Kramer sprach nach dem 2:1-Sieg über den Unmut der Fans und die Diskussion zwischen Profis und Anhängern. Karsten Kellermann

Borussia hat gegen Hertha BSC zum ersten Mal seit dem 1:0-Sieg gegen Hannover am 24. Februar gewonnen. Das Spiel war indes schlecht. Christoph Kramer sprach nach dem 2:1-Sieg über den Unmut der Fans und die Diskussion zwischen Profis und Anhängern.

Mann des Tages gegen Hertha war der eingewechselte Thorgan Hazard mit seinem Doppelpack. Bis zu seinem 1:1 in der 75. Minute sah es aber nach einem ganz üblen Tag für die Borussen aus, entsprechend war die Stimmung im Borussia-Park, es gab Pfiffe und auch "Hecking raus"-Rufe. Als es auch nach dem Spiel Unmut gab und offenbar auch verbale Attacken gegen Torhüter Yann Sommer, ließen sich die Spieler auf eine Diskussion mit einem Vorsänger ein, der es in den Innenraum geschafft hatte. Unter den Diskutanten vor der Nordkurve war auch Mittelfeldspieler Christoph Kramer.

Herr Kramer, nach dem 2:1-Sieg gegen Hertha BSC sah es nicht so aus, als ob Sie sich richtig freuen konnten. Bei der Diskussion mit einem Fan hinter dem Tor sahen Sie einigermaßen verärgert aus. Täuschte der Eindruck?

Kramer Ja, ich war schon genervt. Aber wo fange ich an? Wir haben in den letzten Wochen, in nicht allen, aber in vielen Spielen richtig gut gespielt und haben verloren. Jetzt gegen Hertha haben wir schlecht gespielt, aber gewonnen. Wenn man mich jetzt fragt, nehme ich lieber das schlechte Spiel mit dem Sieg, als das tolle Spiel mit der Niederlage. In zwei Tagen erinnert sich keiner mehr an die Leistung, dann steht nur noch das blanke Ergebnis da – so ist es im Moment einfach im Fußball.

Trotzdem: Können Sie die Kritik der Fans, denen laut Kapitän Lars Stindl die Art und Weise des Spiels gegen Hertha nicht gefallen hat, verstehen?

Kramer Natürlich. Aber man muss zwei Sachen unterscheiden: Entweder ich feiere Gladbach, wenn es gut spielt, oder ich feiere Gladbach, wenn es gewinnt. Am besten kommt natürlich beides zusammen, gut spielen und gewinnen, aber anders muss ich mich entscheiden, was wichtiger ist. Gegen Dortmund haben wir gut gespielt, da gab es leichten Unmut, weil wir verloren haben. Und jetzt gewinnen wir, und es gibt wieder Unmut. Ich habe Verständnis, dass es nach so einem Spiel wie jetzt gegen Hertha Pfiffe gibt – aber dann muss es nach einem Spiel wie gegen Dortmund stehende Ovationen geben.

Wie aufgeheizt war die Stimmung bei der Diskussion?

Kramer Es war ja nur ein kleiner Teil der Fans. Ich versuche mich immer in die Menschen hineinzuversetzen und verstehe auch, dass man seinen Unmut nach diesem Spiel äußert, wie gesagt. Aber nur, wenn man nach einem tollen Spiel, das verloren geht, nicht pfeift. Sonst kann ich es nicht nachvollziehen. Darüber haben wir mit dem Fan gesprochen. Dass man so kurz nach dem Spiel in wenigen Minuten in so einer Diskussion nicht zu einer richtigen Lösung kommt, ist aber auch klar. Aber es ist ja insgesamt im Fußball so, nicht nur in Gladbach: Die Fans sind gegen den Videobeweis, kämpfen um 50 +1, da gerät das Spiel an sich ein wenig zum Nebenschauplatz. So ist grundsätzlich schon mal eine negative Stimmung da – und davon darf man sich als Spieler nicht beeinflussen lassen. Wenn man dann, wie wir in der ersten Halbzeit, viele lange Bälle spielt, bringt einen das nicht weiter. Das ist nicht unser Spiel, das war schlecht.

Wie schwer macht es die Situation für das Team?

Kramer Das geht sicher nicht spurlos an einem Team vorbei. Aber wenn wir so spielen wie in der ersten Halbzeit, darf sich keiner über Pfiffe beschweren. Es gehört zum Anforderungsprofil eines Leistungssportlers in der Bundesliga, dass er mit solchen Situationen klar kommt.

Zum Spiel: Passt es zum Tag, dass ausgerechnet Thorgan Hazard, der erst draußen saß, das Spiel gedreht hat?

Kramer Vielleicht schon. Man muss auch mal so ein Spiel haben, in dem man Glück hat. Es war oft umgekehrt in dieser Saison - (grinst) wenn wir jetzt noch drei-, viermal Glück haben, dann hat es sich ausgeglichen.

Wie ordnen Sie den Sieg ein? War es ein Auftakt für irgendetwas oder einfach nur ein Sieg?

Kramer Es war einfach ein Sieg, nicht weniger, aber auch nicht mehr. Ich möchte nicht von irgendwelchen Ambitionen sprechen. Das haben wir zu oft getan in dieser Saison - immer diese Aufbruchsstimmung, das macht mich wahnsinnig. Nehmen wir einfach den Sieg und am Ende können wir dann darüber sprechen, was rausgekommen ist.

Der nächste Gegner ist der deutsche Meister - ist es ein Vorteil, dass die Bayern schon alles geklärt haben?

Kramer Das ist egal, die Bayern sind die Bayern.

Was nehmen Sie aus dem Hertha-Spiel neben den drei Punkten mit für die nächsten Wochen?

Kramer Den Videobeweis für uns und das Glück. Das Spielglück wird im Fußball total unterschätzt, gerade in der Bundesliga, in der alles so extrem eng ist, ist Glück ein großer Faktor. Aber das will ja keiner hören, es geht ja immer darum, alles bis ins Detail zu erklären.