| 19:24 Uhr

Disput zwischen Fans und Spielern
Erst wenig Fußball, dann Debattierklub im Borussia-Park

Mönchengladbach. Gelinde gesagt, hätte die Stimmung besser sein können nach Borussias erst drittem Sieg in der Rückrunde. 2:1 hieß es am Ende gegen Hertha BSC - doch der Erfolg kam so glücklich zustande wie kein anderer in dieser Saison. Jannik Sorgatz

Gelinde gesagt, hätte die Stimmung besser sein können nach Borussias erst drittem Sieg in der Rückrunde. 2:1 hieß es am Ende gegen Hertha BSC - doch der Erfolg kam so glücklich zustande wie kein anderer in dieser Saison.

Es knisterte gewaltig im Borussia-Park. Der erste Heimsieg seit dem 20. Januar und der erste Sieg überhaupt seit dem 24. Februar schien einzig und allein die Gladbacher Mannschaft und ihren Trainer zufriedenzustellen. Als Thorgan Hazard in der 75. Minute der Ausgleich gelang, war dies überhaupt erst der zweite Schuss aufs Tor der Berliner. Auch der dritte in der 79\. war drin – Hazard traf vom Elfmeterpunkt.

"Man bekommt das ja mit nach einem Sieg, ob sich die Fans direkt hinter dem Tor freuen", erklärte Matthias Ginter, wie es nach dem Abpfiff zu ungewöhnlichen Szenen vor der Nordkurve kam. "Und sie haben sich diesmal nicht gefreut." Allen voran Yann Sommer schien die Anhänger - größtenteils den Ultras zugehörig - verbal zu konfrontieren. Am Ende stand der Torwart mit mehreren Kollegen und dem Vorsänger an der Werbebande und diskutierte über die Art und Weise, wie dieser Sieg zustandegekommen war.

Sommer schwieg anschließend in der Interviewzone, dafür sagte Ginter: "Wir haben versucht, klarzumachen, dass wir Hertha in der jetzigen Situation nicht 4:0 aus dem Stadion schießen. Wir wissen auch, dass wir kein Fußballfest gefeiert haben. Letzten Endes zählt, dass wir gewonnen haben. Oft genug haben wir gut gespielt und nicht gewonnen. Ich glaube, jetzt war es zum ersten Mal andersherum." Einem Faktencheck halten Ginter Aussagen stand – doch beschwichtigen wird das die unzufriedenen Zuschauer wohl kaum. Früh hatte es die ersten Pfiffe gegeben, zur Pause ein saftiges Pfeifkonzert und im Verlauf der zweiten Hälfte sogar vereinzelte "Hecking raus"-Rufe.

Der Trainer zeigte zumindest für die Unmutsbekundungen beim Gang in die Kabine Verständnis. "Jeder im Stadion hat gesehen, dass die Mannschaft nicht vor Selbstvertrauen strotzt im Moment. Wir haben eine ganz schwache erste Halbzeit abgeliefert, was sicher auch daran lag, dass Hertha gut gespielt hat. Sie haben uns Probleme im Spielaufbau bereitet. Da waren wir viel zu langsam und zu behäbig. Ich konnte jeden Pfiff zur Pause verstehen", sagte Dieter Hecking.

Nach Salomon Kalous Führungstor für Hertha in der 40. Minute sah es lange so aus, als würden Borussia definitiv ungemütliche Wochen bevorstehen (gebannt ist die Gefahr nun keinesfalls). Auch eine Systemumstellung aufs altbekannte 4-4-2 brachte nicht mehr Dynamik und Torgefahr. Im Gegenteil: Sommer hielt Kalous Kopfball glänzend, hatte Glück, dass Davie Selke nicht traf, als der Keeper bei einer Flanke zu spät kam, und dann noch einmal, als Kalou völlig freistehend das Tor verfehlte. "Wenn Hertha in der Phase, in der sie drei, vier Chancen liegen lässt, das 2:0 macht, weiß ich genau, was hier nach dem Spiel los gewesen wäre", sagte Hecking – auch so war schließlich schon einiges los.

Innenverteidiger Ginter, der sich mit mehreren Patzern plötzlich einreihte in Phalanx der Verunsicherten, verortet das Problem nicht nur in Gladbach. "Generell ist die Situation im Fußball momentan sehr schwierig. Die Diskussionen um 50+1, um den Videobeweis – es gibt viele Konfliktpunkte", sagte der 24-Jährige. Zumindest der Videobeweis funktionierte diesmal einwandfrei, wenngleich die Borussia-Fans einmal umsonst jubelten und lange warten mussten, bis Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus nach einem Foul an Nico Elvedi doch auf den Elfmeterpunkt zeigte.

Hecking stellt sich schützend vor seine Mannschaft

Über den Disput vor der Kurve nach dem Spiel verlor Trainer Hecking keine guten Worte. "Wir werden diese Mannschaft immer schützen, weil sie eins immer hat: Charakter und Moral. Wenn ich höre, was nach dem Spiel passiert, weil einige wenige Fans meinen, unseren Torwart angehen zu müssen, dann finde ich das sehr bedenklich. Das hat bei Borussia nichts zu suchen", sagte er.

Mit Hazard wechselte Hecking den Sieg ein, eine Premiere in dieser Saison. Dass der Belgier erstmals auf der Bank gesessen hatte, wollte der Trainer aber nicht als pädagogische Maßnahme verstanden wissen. "Ich muss einen Toto Hazard nicht kitzeln. Er hat in jedem Spiel die höchste Laufleistung und die meisten Sprints. Er musste bislang immer spielen, weil wir diese nicht zufriedenstellende Personalsituation hatten", sagte er. "Heute war es mal möglich, ihm eine Pause zu geben, weil wir endlich eine Bank hatten, mit der ich reagieren konnte."

Stindl muss gegen Bayern pausieren

In der kommenden Woche beim FC Bayern bekommt Lars Stindl dann ebenfalls eine Pause – der Kapitän sah für ein rüdes Foul in der Nachspielzeit die fünfte Gelbe Karte, nachdem er zuvor schon den Ball weggeschlagen und mehrmals mit dem Schiedsrichter-Gespann debattiert hatte.

Statt aus der Zweistelligkeit der Tabelle heraus in den Saisonendspurt zu gehen, ist Borussia vor den verbleibenden Partien des Spieltages Achter und hat zwei Punkte Rücktand auf den Siebten aus Hoffenheim – die TSG spielt am Sonntag bei Eintracht Frankfurt. Die Borussen wollten vor allem die Punkte mitnehmen aus dem Duell mit Hertha. "Am Ende haben wir das Spiel gedreht und drei Punkte geholt. In drei, vier Wochen kräht kein Hahn mehr danach, wie wir gewonnen haben", sagte Patrick Herrmann Doch die schlechte Stimmung rund um Borussia dürfte sich so schnell nicht in Luft auflösen.