Borussia Mönchengladbach: Teamarzt Andreas Schlumberger will für fast jeden Profi einen eigenen Arzt

Borussias Teamarzt blickt in die Zukunft : Jedem Profi sein eigener Vereinsarzt

Über Erfolg im Fußball der Zukunft entscheidet immer stärker die medizinische Betreuung, findet Andreas Schlumberger. Borussias leitender Teamarzt regt im Rahmen unserer Serie „Der Fußball in zehn Jahren“ dann auch für fast jeden Profi eine 1:1-Betreuung an.

Auch aus medizinischer Sicht hat sich der Fußball in den vergangenen Jahren besonders schnell entwickelt, und so wird es auch in den kommenden zehn Jahren sein. Die zunehmende Schnelligkeit und Intensität des Spiels ist ein Resultat der besseren körperlichen Verfassung der Spieler, hat aber zeitgleich den Effekt, dass die Verschleißerscheinungen häufiger und früher auftreten.

Dieser Herausforderung stellt sich Borussia Mönchengladbach mit einer Neuerung: Ab diesem Jahr sind alle Mannschaftsärzte mit Praxen im Borussia-Park vertreten. Damit sind nicht nur Teamarzt Ralf Doyscher und Andreas Schlumberger, Leiter der medizinischen Abteilung der Gladbacher, vor Ort, sondern auch der Internist Heribert Ditzel, der Orthopäde Stefan Hertl und die Urologie Kay Peters und Kollegen. „Das ist fantastisch für den Verein, weil dadurch alle Wege deutlich verkürzt werden – räumlich und vor allem in der Kommunikation. Man muss nicht mehr alles per Telefon besprechen, sondern kann das persönlich machen“, sagt Doyscher.

Bei Borussia hat man spätestens nach der Rückrunde der vergangenen Saison, in der Trainer Dieter Hecking fast bei jedem Spiele einige Spieler verletzt fehlten, Handlungsbedarf gesehen und das neue medizinische Konzept unter der Führung von Schlumberger etabliert. Dennoch ist man sich auch in Mönchengladbach klar darüber, dass die Entwicklung der medizinischen Abteilungen der Fußballvereine noch lange nicht beendet ist. „In zehn Jahren, unabhängig von Borussia, wird es so sein, dass mehr medizinisches Personal vonnöten sein wird, dort wird es deutliche Veränderungen geben“, prognostiziert Schlumberger. „Der Trend geht zu mehr Individualität, und da ist der Leitsatz ‚Je besser man besetzt ist desto mehr Individualität kann herrschen‘. Dabei geht es um Themen wie Trainingssteuerung, Reha, Aussagen über die Belastbarkeit und vieles mehr. Und um Gesundheitsoptimierung, gesunde Menschen noch gesünder zu machen.“

Künftig wird es laut dem Leiter der medizinischen Abteilung der Borussen darum gehen, das Ärzteteam so sehr zu erweitern, dass fast jeder Spieler einen eigenen Arzt hat. Denn die Anforderungen an die „Männer in Weiß“ werden immer größer und sind mit einer geringen Anzahl an Mitarbeitern nicht zu leisten. Zumal finanzielle Aspekte im Fußball immer entscheidender werden. Dafür sprechen die steigenden Ablösesummen und Einnahmen sowie Preisgelder beispielweise in der Champions League. „Der Sport wird physisch belastender, das finanzielle Interesse am Spieler immer größer, da ist jeder Ausfall für einen Verein teuer. Dadurch ist der Druck größer, und die Vereine müssen darüber nachdenken, wie sie sich im medizinischen Bereich verbessern können“, sagt Schlumberger.

„Die Intensität erhöht sich stetig, aber es wird auch Grenzen geben. Ein Mensch kann einfach nicht 90 Minuten lang sprinten. Dennoch werden die Muskulatur und der Bewegungsapparat immer mehr gefordert. Es ist unsere Aufgabe, auf einem hohen Niveau möglichst wenige Verletzte zu haben, das ist eine große Herausforderung. Die Kader werden größer, weil die Spielfrequenz höher wird. Entscheidend ist da, immer einschätzen zu können, ob jemand spielfit ist, und daher wird die Versorgung zwischen den Spielen immer wichtiger. Es gibt Trainingsinhalte, die man mit dem Team machen muss, aber der Spieler muss auch das Richtige für sich machen. Also Physiotherapie, Reha und andere Maßnahmen. Der Trend der Belastungssteuerung besteht ja schon lange und wird sich weiter ausbauen“, sagt Teamarzt Doyscher. Dem Borussia-Mediziner zufolge verbringen Profis zukünftig wohl weniger Zeit im Teamtraining, arbeiten dafür jedoch häufiger individuell. Weil es nicht mehr möglich sein wird, ein Spiel zu bestreiten, ohne hundertprozentig fit zu sein, da der Fußball dafür zu intensiv sein wird.

Demnach müssen die Spieler, mit der Unterstützung der Ärzte, immer mehr dafür sorgen, im perfekten körperlichen Zustand zu sein. Dafür werden die Profis geschult, sie müssen sich das medizinische Wissen, so gut es als Fußballer geht, aneignen, weil nur so die Aussichten auf Erfolg gegeben sind. „Der Spieler muss auf dem Platz selbst entscheiden, wie er sich verhält, um Verletzungen zu verhindern. Daher müssen wir die Spieler mit ins Boot holen und Hilfe zur Selbsthilfe leisten“, sagt Schlumberger. Der Mediziner verweist darauf, dass man es im Fußball noch immer mit Menschen zu tun hat und eben nicht mit Maschinen. Gefühle und Wahrnehmungen sind wichtig. Wenn etwas im Körper nicht stimmt, muss der Spieler das selbst erkennen, da gibt es keine Warnsignale. Einen Vergleich mit einer Maschine scheut Schlumberger in Anbetracht der künftigen Entwicklungen dennoch nicht: „Es ist vergleichbar mit einem Formel 1-Auto – das wird auch von sehr vielen Mechanikern immer wieder kontrolliert und verbessert.“

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