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Pro und Contra
Darf Cristiano Ronaldo so jubeln?

Düsseldorf. Cristiano Ronaldo trifft im Hinspiel des Champions-League-Viertelfinales gegen Juventus per Fallrückzieher und bekommt sogar Anerkennung vom Gegner. Im Rückspiel trifft er den entscheidenden Elfmeter und jubelt ausgelassen. Darf er das? Gianni Costa und Karsten Kellermann

Cristiano Ronaldo trifft im Hinspiel des Champions-League-Viertelfinales gegen Juventus per Fallrückzieher und bekommt sogar Anerkennung vom Gegner. Im Rückspiel trifft er den entscheidenden Elfmeter und jubelt ausgelassen. Darf er das?

Ja, Ronaldo darf so jubeln, sagt Karsten Kellermann

Dass Cristiano Ronaldo die große Pose liebt und ganz nebenbei auch sich selbst, ist unbestritten. Dass sein Mach-den-gestählten-Oberkörper-frei-Jubel zuweilen befremdlich wirkt, ebenfalls. Doch das gehört zu Cristiano Ronaldo dazu, das hat er zu seinem Image gemacht. Und dass er dann, wenn er ein wichtiges und entscheidendes Tor in letzter Minute eines wichtigen und entscheidenden Spiels erzielt, ob nun per Elfmeter oder sonst wie, jubelt, wie er eben jubelt, ist menschlich. Wer Entscheidendes tut, hat zudem jedes Recht dazu.

Real Madrid ist in der Meisterschaft hinten dran, ist rausgeflogen aus dem Pokal – und nun drohte das Aus in der Champions League. Es wäre für die stolzen Madrilenen und ihren noch stolzeren portugiesischen Vorarbeiter ein peinliches Aus geworden nach dem 3:0 im Hinspiel bei Juventus Turin. Der Druck war also gigantisch. Ronaldo übernahm bei dem Elfmeter Verantwortung – und schoss den Ball in den Winkel.

Warum soll er in so einer Situation verhalten jubeln? Weil ihm die Italiener wegen seines Fallrückziehers im Hinspiel Applaus gespendet haben? Dass er mit seinem Jubel den Gegner verhöhnt, ist eine recht steile These. Ronaldo ist ehrgeizig und er liebt es, Tore zu schießen – seine Freude frei heraus.

Und die Pose gehört zu seinem Selbstverständnis. Dass er sich vor Freude die Kleider vom Leib reißt, war in diesem Fall fast symbolisch, war doch dieser Treffer eine extreme Befreiung für ihn und für ganz Madrid. Erfolg ist für Ronaldo eine persönliche Sache – und wenn er erfolgreich ist, ist es auch das Team. Das ist seine Art des Teamplayer-Seins. Abgesehen davon: Dass er ein echter Teamplayer ist, hat er spätestens im EM-Finale 2016 gezeigt.

Dass er sich mit seinem Jubel in den Mittelpunkt stellt, ist richtig, aber bitte schön: Ronaldo steht auch im Mittelpunkt. Drei der vier Tore, die Real gegen Juve erzielt hat, hat Ronaldo gemacht. Er macht immer wieder den Unterschied. Darum darf er auch herausragen.

Nein, Ronaldo darf so nicht jubeln, sagt Gianni Costa

Natürlich darf Ronaldo seine Tore feiern, wie er will. Natürlich muss man ihm zu Gute halten, dass es sich nicht um irgendein Tor bei einem Gurkenspiel in der Kreisliga handelte, sondern um den entscheidenden Elfmeter zum Einzug ins Halbfinale der Champions League. Bedrängt von unzähligen gegnerischen Akteuren, die versucht haben, ihn aus der Konzentration zu bringen. Und, liebe Ronaldo-Jünger, niemand, wirklich niemand stellt in Zweifel, dass der Portugiese ein herausragender Fußballer ist. Es ist eine vollkommen müßige Diskussion, herausfinden zu wollen, ob er oder Messi nun der vollkommenere Spieler ist.

Hier geht es schlicht um eine grundsätzliche Frage des Auftretens. Und um eine Vorgeschichte. Im Hinspiel ist Juventus Turin ziemlich übel von Real Madrid vorgeführt worden. Die Königlichen haben bei der "alten Dame" 3:0 gewonnen – das zweite Tor von Ronaldo war ein sehenswerter Fallrückzieher. Der war so spektakulär, dass sich ein Großteil der Tifosi von ihren Plätzen erhoben hatte, um ihm zu applaudieren. Gigi Buffon streckte den Daumen nach oben und gratulierte Ronaldo zu seiner Leistung.

Genau dieser Ronaldo also geht nach einem für seine Verhältnisse mehr als biederen Spiel ab wie Schmitz' Katze, nachdem er einen Elfmeter verwandelte. Nachdem Buffon mit Rot vom Platz geflogen war. Es geht ihm in diesem Moment, wie so oft in seiner Karriere, zu allererst nur um ihn. Um seine Inszenierung. Er feiert nicht mit der Mannschaft, er feiert sich. Seinen muskelbepackten Körper, eine Machtdemonstration: Seht her, ich bin der stärkste Spieler der Welt! Ja, Ronaldo, du bist vielleicht der stärkste Spieler der Welt – aber du bist nicht der größte Sportsmann der Welt. Diesen Titel kann man sich nicht erkaufen, nicht durch besonders trickreiche und wichtige Tore, durch internationale Titel verdienen – man muss dazu die Herzen des Publikums gewinnen.

Ronaldo hat in seinem Profileben fast alles erreicht. Er ist großartig. Ganz bestimmt. Ihm mangelt es halt nur an einer wichtigen Tugend: Stil.