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2:1! Eintracht Trier macht gegen St. Pauli Pokal-Sensation perfekt

FOTO: Hans Krämer
Trier. Fußball-Regionalligist Eintracht Trier bleibt seinem Ruf als Pokalschreck treu: Nach einer dramatischen Schlussphase hat der SVE am Samstag vor 8457 Zuschauern im Moselstadion Bundesliga-Absteiger FC St. Pauli besiegt und ist in die zweite DFB-Pokalrunde eingezogen. Björn Pazen

(bl) Wer immer auch Regie für diese Partie geführt hat - er hat alles richtig gemacht! Spannung, Dramatik. Vor allem am Ende. Der Ausgleich zwei Minuten vor Schluss, der Siegtreffer des Außenseiters eine Minute vor Schluss. Und dann noch ein Lattenknaller in der Nachspielzeit. Am Ende herrscht in den Reihen des Davids grenzenloser Jubel, beim Goliath dagegen enorme Niedergeschlagenheit.

Fußball-Regionalligist Eintracht Trier hat zum wiederholten Mal eine Überraschung im DFB-Pokal geschafft. Am Samstagnachmittag musste sich in der ersten Hauptrunde Erstliga-Absteiger FC St. Pauli vor knapp 8500 Zuschauern im Moselstadion mit 1:2 geschlagen geben. "Was in den letzten Minuten los war, war Wahnsinn. Solche Geschichten schreibt nur der Fußball", kommentierte Eintracht-Trainer Roland Seitz.

St. Pauli schaffte zwei Minuten vor Schluss durch Mahir Saglik den 1:1-Ausgleich. Als sich alle im Moselstadion bereits auf eine Verlängerung eingestellt hatten, schlug Eintracht-Neuzugang Martin Hauswald zurück. Ein Antritt über die linke Seite, ein überlegter Abschluss. Das 2:1.

Jetzt gab es kein Halten mehr. Und doch war Trier noch nicht durch. Jan-Philipp Kalla drosch den Ball in der Nachspielzeit an die Unterkante der Latte. Kurz danach der erlösende Abpfiff von Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus. Das Eintracht-Trainerteam tanzte im Kreis, die SVE-Spieler rannten zum Jubeln auf ihren Torwart André Poggenborg zu.

Weil die Gäste nicht konnten oder wollten, übernahm die Eintracht früh in der Partie das Kommando. Und wie! In der 16. Minute gab es für den Trierer Anhang den ersten Grund, die Arme hochzureißen. Ahmet Kulabas markierte das 1:0 für den Außenseiter. Nach einer Flanke von Thomas Kraus trat Markus Thorandt über den Ball. "Kula" am zweiten Pfosten war zwar überrascht, dennoch schob er den Ball überlegt gegen die Laufrichtung von Pauli-Torwart Benedikt Pliquett (er stand für Stammkraft Philipp Tschauner zwischen den Pfosten) ins lange Eck.

Die Spieler flippten aus, die Eintracht-Fans flippten aus, die Trierer Ersatzbank stand Kopf. Mit einer Ausnahme. Trainer Roland Seitz nahm den Führungstreffer äußerlich gelassen zur Kenntnis.

Wer nun eine wütende Reaktion des Zweitligisten erwartet hatte, sah sich getäuscht. Die Hamburger waren zwar um Spielkontrolle bemüht und erarbeiteten sich eine Vielzahl an Ecken. Diese jedoch verpufften allesamt.

Die Eintracht ließ dank einer starken Defensivleistung aller Akteure kaum etwas zu. Mit gutem und cleverem Körpereinsatz kaufte sie dem Gegner den Schneid ab. Die Hanseaten verbuchten zunächst nur wenige Torgelegenheiten.

Weil er zuletzt mit muskulären Problemen zu kämpfen hatte, blieb Stürmer Chhunly Pagenburg bei den Gastgebern zunächst auf der Ersatzbank. Rechtzeitig fit geworden war dagegen Jeremy Karikari (Erkältung), der auf den Einsatz gegen seinen Ex-Club wie kein anderer gebrannt hatte. Fahrudin Kuduzovic, über den in der Vorwärtsbewegung viel lief, pendelte zwischen Sturm und Mittelfeld hin- und her.

Pauli-Trainer André Schubert reagierte zur Halbzeit - Fin Bartels ersetzte im rechten Mittelfeld Sebastian Schachten. Kurz nach dem Wiederanpfiff vergaben die Hanseaten eine prächtige Kontergelegenheit. Doch statt seine mitgelaufenen Kollegen in Szene zu setzen, suchte Max Kruse selbst den Abschluss, und schoss Cataldo Cozza in die Beine (47.).

Der Zweitligist erhöhte sichtbar die Schlagzahl. Poggenborg rückte verstärkt in den Blickpunkt. Er hinterließ mit einer Ausnahme einen sicheren und souveränen Eindruck. In der 78. Minute kam er nicht entschieden genug raus - Kruse jedoch ballerte übers Tor. Zwei Minuten später verhinderte "Pogge" mit einer Riesenparade nach einem Kalla-Schuss den Ausgleich.

Während die stolze Zuschauerzahl (8457) durchgesagt wurde, schrammte Trier haarscharf am 2:0 vorbei. Einen Schuss von Martin Hauswald lenkte Pliquett zur Ecke (60.).

Um für Kontersituationen noch besser gewappnet zu sein, tauschte Eintracht-Trainer Roland Seitz nach 62 Minuten aus. Kuduzovic machte Platz für Pagenburg, der direkt ein belebendes Element wurde.

Der Boden war bereitet für die nervenaufreibende Schlussphase. Die letzten Minuten im Zeitraffer: 83. Minute: Marius Ebbers donnerte den Ball aus kurzer Distanz in den Himmel über dem Moselstadion. 84. Minute: Pagenburg scheiterte am Außenpfosten. 86. Minute: Ein Schuss von Jan-Philipp Kalla, der Glück hatte, nach einer Attacke gegen Kulabas nur mit Gelb verwarnt worden zu sein (66.), strich nur knapp am Pfosten vorbei. 87. Minute: Ebbers fälschte einen Schuss von Dennis Daube gefährlich ab. 88. Minute: der Ausgleich von Saglik, 89. Minute: das 2:1 von Hauswald, 92. Minute: der Lattenknaller von Kalla. Abpfiff!

"Eine Verlängerung hätten wir körperlich und mental nicht überstanden", sagte Siegtorschütze Hauswald, der mit seinen Mitspielern auf eine ausgedehnte Ehrenrunde ging. Wie ein Häufchen Elend kauerte dagegen Pauli-Torwart Pliquett am Zaun. "Die Einstellung von der ersten Minute an - das hat heute den Unterschied ausgemacht. Nach unserem 1:1 rufe ich noch: ,Dreht nicht durch.' Doch was machen wir? Wir feiern! In solchen Situationen muss man einen klaren Kopf bewahren und die Emotionen im Griff haben", sagte er.

Die Eintracht und ihre Fans durften dagegen ihren Gefühlen freien Lauf lassen. Trier steht in der zweiten Pokal-Runde, die Ende Oktober ausgetragen wird. Ausgelost wird sie am 6. August im Bezahlsender "sky". Mehr als ein netter Nebeneffekt für die Eintracht. Dank des Weiterkommens werden 287 000 Euro Zusatzeinnahmen aus der Fernseh- und Werbevermarktung in die nicht gerade üppig gefüllte Vereinskasse gespült.

Statistik

Eintracht Trier: Poggenborg - Cozza, Stang, Hollmann, Drescher - Herzig, Karikari - Kraus (82. Knartz), Kuduzovic (62. Pagenburg) Hauswald - Kulabas (90. Zittlau)

FC St. Pauli: Pliquett - Rothenbach, Thorandt, Sobiech, Kalla - Boll (70. Hennings) - Schachten (46. Bartels), Kruse, Ebbers, Bruns (58. Daube) - Saglik

Tore: 1:0 Kulabas (16.), 1:1 Saglik (88.), 2:1 Hauswald (89.)

Zuschauer: 8457

Schiedsrichterin: Bibiana Steinhaus (Hannover)

FOTO: Hans Krämer
FOTO: Hans Krämer