Ein Vulkan wider Willen

Wer sich mit Freiburgs Trainer Christian Streich unterhält, erlebt einen eher ruhigen, besonnenen Menschen. Doch der Coach des Fußball-Bundesligisten kann auch anders, wenn er an der Seitenlinie steht. Dann brodelt es zuweilen in dem 49-Jährigen. Dem Pokalgegner am Sonntag, Eintracht Trier, zollt er Respekt.

In den Vorjahren musste der SC Freiburg in den Auftaktrunden des DFB-Pokals mehrfach kämpfen. Trainer Christian Streich erachtet auch die Aufgabe am Sonntag bei Eintracht Trier (16 Uhr, Moselstadion) als nicht einfach. TV-Redakteur Mirko Blahak sprach mit dem Charakterkopf, der eine Institution bei den Breisgauern ist.

Einst gab es die Breisgau-Brasilianer. Nun bewirbt Eintracht Trier das Pokalspiel auch als Duell zwischen Ihnen, dem Breisgau-Vulkan, und dem feurigen Eintracht-Coach Peter Rubeck. Nerven Sie solche Vergleiche?
Streich (seufzt): Sie nerven mich nicht. Aber sie sind unerheblich. Es geht nur um die beiden Mannschaften.

Da darf ich Ihnen liebe Grüße von Erich Sautner übermitteln…
Streich: Ah, vielen Dank!

Er hat bei Ihnen in der Freiburger Jugend gespielt und stand später bei Ihnen ein Mal im Kader für ein Bundesligaspiel. Warum reicht es bei ihm derzeit nur für die vierte Liga in Trier?
Streich: Wenn du in der dritten oder vierten Liga spielst, bist du auch ein sehr guter Fußballer. Es schaffen nur sehr wenige, über Jahre hinweg in der Bundesliga aktiv zu sein. Es gibt halt viele talentierte Fußballer.

Sautner freut sich auf das Wiedersehen mit Ihnen. Gleichzeitig soll ich Ihnen von ihm ausrichten, dass den SC Freiburg am Sonntag ein 90- oder 120-minütiges Kampfspiel erwartet. Trier werde Ihren Spielern keinen Zentimeter Platz lassen …
Streich: Wir wissen, dass die Eintracht alles geben wird. Aber das macht sie auch in jedem Meisterschaftsspiel. Wir werden uns genauso vorbereiten wie auf ein Bundesligaspiel. Wir haben Trier mehrmals beobachtet. Wir beschäftigen uns akribisch mit dem Gegner. Wir wissen, dass es wahrscheinlich ein ganz, ganz enges Spiel werden wird.

In der ersten DFB-Pokalrunde der Vorsaison musste Freiburg beim Nord-Regionalligisten TSG Neustrelitz in die Verlängerung. In den Jahren davor gab's zum Auftakt nur sehr knappe Erfolge bei den Regionalligisten Victoria Hamburg und FC Oberneuland sowie eine Niederlage beim Drittligisten Spvgg Unterhaching. Droht in Trier ähnliches Ungemach?
Streich: Wir brauchen nicht gewarnt werden. Wir wissen, was auf uns zukommt. Wir gehen mit allem Respekt in diese Partie gegen eine Mannschaft, die schon mehrere Meisterschaftsspiele absolviert hat und die bekannt dafür ist, dass sie im Pokal in den vergangenen Jahren sehr, sehr gute Ergebnisse erzielt hat.

Welchen Eindruck haben Sie von Eintracht Trier?
Streich: Es ist eine starke, hochmotivierte Regionalligamannschaft.

Mit Torhüter Oliver Baumann (zu 1899 Hoffenheim) und Verteidiger Matthias Ginter (zu Borussia Dortmund) haben auch in diesem Sommer wieder zwei Leistungsträger den SC Freiburg verlassen. Andererseits fällt der Umbruch beim SC in diesem Jahr kleiner aus als zwölf Monate zuvor…
Streich: Ja, im Jahr vorher war es extremer. Oliver Baumann und Matthias Ginter kommen auch aus unserer Fußballschule. Dort waren sie schon seit der D-Jugend. Dass sie wechseln, ist ein Beleg für unsere gute Arbeit. Andererseits ist es schade, dass wir die Jungs nicht noch länger halten können. Um das zu ändern, müssen wir uns weiterentwickeln.

Der Konkurrenzkampf in Ihrem Kader erscheint sehr groß. Täuscht der Eindruck?
Streich: Ich finde schon, dass der Konkurrenzkampf da ist. Aber schauen sie sich die Kader anderer Bundesligisten an. Dann sehen sie, was dort für Konkurrenz herrscht. Durch die inzwischen hervorragende Ausbildung drängen immer mehr junge Spieler nach. Die Leistungsdichte wird in den einzelnen Kadern immer größer. Die richtig guten jungen Spieler können teilweise schon mit 18, 19 oder 20 Jahren in der Bundesliga spielen.

Ein Gegenpol zum Jugendstil bildet Sascha Riether. Er spielte bei Ihnen im Nachwuchs, jetzt kehrt er als 31-jähriger Routinier zurück. Mit welchem Jobprofil - auf und neben dem Platz?
Streich: Ich würde da nicht von einem Gegenpol sprechen, nur weil er 31 Jahre alt ist. Die Jungen und Älteren sollen Kollegen sein und sich gegenseitig unterstützen und respektieren. Natürlich hat Sascha Riether schon ein paar Sachen erlebt. Es wäre schön, wenn er den Jüngeren etwas von seiner Erfahrung mitgibt. Das wird er tun.

Viele Spieler nutzen Freiburg als Sprungbrett. Sie nicht. Sie sind seit 19 Jahren im Verein. Welche Reize brauchen Sie, um sich jeden Sommer aufs Neue für die nächste Saison zu motivieren?
Streich: Ich brauche keine Reize. Ich brauche Ruhe, Urlaub, die Natur. Danach freue ich mich, wieder meinem Job nachgehen zu können und die Leute zu sehen, mit denen ich zusammenarbeite. Das ist für mich Motivation genug.

Bei der Eintracht wurde zuletzt die Torwartfrage heiß diskutiert. Auch bei Ihnen scheint sie offen. Dennoch haben Sie sich bereits festgelegt, dass Sebastian Mielitz in Trier spielt. Warum?
Streich: Unsere Torhüter haben gut trainiert. Roman Bürki hat während unserer Saisoneröffnung gegen Stoke City gespielt. Deshalb steht jetzt Mielitz gegen Trier im Tor. Danach sehen wir weiter. bl

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Extra:

Christian Streich: Der Metzgersohn aus Eimeldingen bei Weil am Rhein wurde am 11. Juni 1965 geboren. Als Jugendlicher kickte er bei der SpVgg Märkt-Eimeldingen und beim FV Lörrach. Später spielte er für den Freiburger FC, die Stuttgarter Kickers, den SC Freiburg und den FC Homburg. Bei den Saarländern kam er auf zehn Bundesligaeinsätze (Saison 1989/90).
Als Trainer betreute Streich von 1995 bis 2011 die A-Junioren des SC Freiburg, mit denen er 2006, 2009 und 2011 Pokalsieger sowie 2008 deutscher Meister wurde. Seit Jahresbeginn 2012 ist der Südbadener Cheftrainer des Erstligateams. red