Vanille-Plunder nach dem Pokal-Triumph Nach dem Aus: Katzenjammer bei den Kiez-Kickern

Vanille-Plunder nach dem Pokal-Triumph Nach dem Aus: Katzenjammer bei den Kiez-Kickern

Eintracht Trier steht im DFB-Pokal einmal mehr im Blickpunkt. Diesmal mussten die Zweitliga-Profis des FC St. Pauli beim Pokalschreck die Segel streichen.

Tête-à-Tête: Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus und Eintracht-Rechtsverteidiger Cataldo Cozza im Dialog. TV-Foto: Hans Krämer.

Trier. Langsamen Schrittes kommt Torge Hollmann am Sonntag um 9.25 Uhr aufs Moselstadion-Gelände. In den Händen ein Becher mit heißem Kaffee und eine Tüte vom Bäcker. Der Inhalt: Vanille-Plunder. "Normalerweise frühstücke ich gesünder. Heute ist mal eine Ausnahme", sagt er. Der phänomenale Pokalerfolg am Samstag gegen den Erstliga-Absteiger FC St. Pauli hat seine Spuren hinterlassen.
Spieler und Trainer sind gestern früh auch 16 Stunden nach dem Triumph noch immer davon beeindruckt, was sich vor allem in den dramatischen Schlussminuten zugetragen hatte. Die Egalisierung des Trierer Führungstors (Ahmet Kulabas, 16.) durch Mahir Saglik in der 88. Minute, als die Köpfe im Eintracht-Lager gen Boden sanken. Der 2:1-Siegtreffer von Martin Hauswald 60 Sekunden später nach klugem Antritt auf der linken Seite, der beim SVE die Glückshormone in großer Zahl freisetzte. Der Lattenknaller von Jan-Philipp Kalla in der Nachspielzeit — eine von mehreren Chancen, die der Gast am Ende liegen ließ. Hollmanns Bilanz: "Der Druck hatte von Minute zu Minute zugenommen, während bei uns die Kräfte schwanden. Ich dachte, so viel Glück hast Du normal nur in drei, vier Spielen zusammen. Jeder hatte mit sich selbst zu kämpfen. Uns flogen die Bälle um die Ohren. Nach dem 1:1 dann so zurückzuschlagen, war umso schöner."
75 Minuten lang hatte die Eintracht das Geschehen dank einer konzentrierten und engagierten Defensivleistung aller Akteure kontrolliert. "Der Sieg ist super für uns, für die Fans, für die Stadt", frohlockt Hollmann.
Trainer Roland Seitz zeigte am Samstag nach dem Abpfiff bislang nicht gekannte Emotionen. Im Verbund mit dem Eintracht-Vorstand fällt es dem Oberpfälzer nun leichter, den Kader wie gewünscht noch um einen kopfballstarken Stürmer sowie einen U-23-Spieler mit deutschem Pass fürs zentrale Mittelfeld zu ergänzen. Für den Einzug in die zweite Pokalrunde, die am 25./26. Oktober ausgetragen und am 6. August beim Bezahlsender Sky im Rahmen der Sendung "Samstag Live" ausgelost wird, kassiert die Eintracht 287 000 Euro Zusatzeinnahmen aus der Fernsehrechte- und Werbevermarktung.
Auch wenn sich Seitz bei der Stürmer-Suche Zeit lassen will, könnte in die Angelegenheit recht fix Bewegung kommen. Der 46-Jährige bestätigt, dass Christian Erwig auf der Liste der Kandidaten steht. Der 27-Jährige hat Ende vergangener Woche in beiderseitigem Einvernehmen seinen Vertrag bei den Sportfreunden Lotte aufgelöst. Seitz: "Ich werde mit seinem Berater heute noch mal telefonieren." Nicht auszuschließen ist aber auch, dass Triers Trainer erneut eine Überraschung aus dem Hut zaubert. Nach eigenem Bekunden stehen auch "zwei, drei" drittliga-erprobte Angreifer auf der Wunschliste: "Sie konnten sich bis jetzt nicht vorstellen, in der Regionalliga zu spielen. Vielleicht ändert sich das jetzt."
Trier: Poggenborg - Cozza, Stang, Hollmann, Drescher - Herzig, Karikari - Kraus (82. Knartz), Kuduzovic (62. Pagenburg) Hauswald - Kulabas (90. Zittlau)
St. Pauli: Pliquett - Rothenbach, Thorandt, Sobiech, Kalla - Boll (70. Hennings) - Schachten (46. Bartels), Kruse, Ebbers, Bruns (58. Daube) - Saglik
Tore: 1:0 Kulabas (16.), 1:1 Saglik (88.), 2:1 Hauswald (89.)
Z: 8457, SR: Bibiana Steinhaus (Hannover)
Trier. Nach dem Erstrunden-K.o 2010 beim damaligen Regionalligisten Chemnitzer FC ereilte den FC St. Pauli auch in dieser Saison direkt zum Auftakt der DFB-Pokals das Aus gegen einen Viertligisten. "Die Eintracht hat sich den Erfolg verdient, weil sie um jeden Ball gekämpft hat. Wir sind maßlos enttäuscht. Wir wollten im Pokal etwas weiter zu kommen als zuletzt. Dafür musst du dich aber anders präsentieren", sagte Trainer André Schubert. Angefressen war auch Torwart Benedikt Pliquett, der für Stammkraft Philipp Tschauner zwischen den Pfosten stand: "Die Einstellung zum Spiel hat den Unterschied ausgemacht. Nach unserem 1:1 rufe ich noch: ,Dreht nicht durch.\' Doch was machen wir? Wir feiern! In solchen Situationen muss man einen klaren Kopf bewahren und die Emotionen im Griff haben." bl
Karikari hält durch: Normalerweise verbietet es sich, einzelne Spieler aus dem toll zusammenarbeitenden Eintracht-Kollektiv hervorzuheben. Und dennoch: Über Fahrudin Kuduzovic, der nach einer Stunde völlig platt ausgewechselt wurde, liefen in der ersten Halbzeit viele Offensivaktionen. Thomas Kraus war in seiner Spielweise effektiv wie selten. Ahmet Kulabas und Martin Hauswald stellten bei den Trierer Toren ihre schnelle Auffassungsgabe unter Beweis. Hinzu kommt Jeremy Karikari, Antreiber und ruhender Pol im defensiven Mittelfeld. Trotz einer abklingenden Erkältung gefiel er 90 Minuten lang mit Einsatzfreude. "Der Tag ist zu 100 Prozent so gelaufen, wie ich es mir erwünscht hatte. Meine beiden Brüder und zwei Cousins haben auf der Tribüne mitgefiebert. Es waren 90 intensive Spielminuten", sagte der 24-Jährige, der sich als gebürtiger Hamburger und Ex-St.-Pauli-Akteur besonders auf die Partie gefreut hatte. bl