Frankreichs vergessener Superstar Wie N’Golo Kanté mit seinem Comeback bei der EM begeistert

München · N’Golo Kanté feiert bei der EM ein überraschendes Comeback. Der 33-Jährige ist Herz und Lunge der französischen Mannschaft.

Staubsauger vor der Abwehr: Der französische Nationalspieler N’Golo Kanté (l.) im Duell mit Portugals Pepe beim EM-Viertelfinale.

Staubsauger vor der Abwehr: Der französische Nationalspieler N’Golo Kanté (l.) im Duell mit Portugals Pepe beim EM-Viertelfinale.

Foto: AP/Frank Augstein

Es wundert nicht, dass die Fußballwelt ihn vergessen hatte – denn im Grunde wurde N’Golo Kanté seine gesamte Karriere übersehen und unterschätzt. Der 168 Zentimeter kleine Franzose war nie jemand, der groß aufgefallen ist – weder auf noch neben dem Platz. Dabei war er als Staubsauger vor der Abwehr eine wichtige Säule bei der englischen Sensationsmeisterschaft von Leicester City und holte im Nachgang als unangefochtene Stammkraft im Mittelfeld des FC Chelsea einen weiteren Meistertitel und gewann mit den Blues zudem die Champions-League. Im großen Rampenlicht standen dabei stets andere, Kanté blieb der „unauffälligste Weltklassespieler des Planeten“ – wie ihn die Frankfurter Rundschau nach dem WM-Sieg 2018 taufte.

Als der häufig für sein bescheidenes Auftreten gelobte Kanté London im Sommer 2023 ausgerechnet in Richtung Saudi-Arabien verließ, verschwand er vollends von der Bildfläche. Bis jetzt.

Denn nun ist er wieder da – und wie. Etwas überraschend nominierte Didier Deschamps den französischen Mittelfeldspieler nach zwei Jahren ohne Länderspiel in seinen EM-Kader. Mit seinem laufintensiven und defensivstarken Auftreten vor der Abwehr ist Kanté ein Grund dafür, dass Frankreich vor dem Halbfinale gegen Spanien am Dienstag (21 Uhr) erst einen Gegentreffer kassiert hat.

Für „Defensivtrainer“ Deschamps, wie sich der französische Coach nach dem gewonnenen Viertelfinale gegen Portugal selbst nannte, ist N’Golo Kanté eines der wichtigsten Puzzlestücke auf dem Weg in das nächste Finale eines Großturniers. „Wir haben eine Stabilität, die beispielhaft und in einem Wettbewerb unerlässlich ist“, sagte Deschamps vor dem Kracher gegen Spanien in München: „Wenn man wenige Tore schießt, ist es besser, keine zu kassieren.“ Diese defensive und risikoarme Herangehensweise ist bislang vollends aufgegangen. Mit lediglich drei Toren – darunter zwei Eigentoren und einem verwandelten Elfmeter – hat sich die französische Nationalmannschaft in dieses Halbfinale verteidigt.

Um dort gegen den attraktiven Offensivfußball der Spanier rund um die beiden Flügelflitzer Lamine Yamal und Nico Williams, die mit elf Toren neben Deutschland den besten Angriff der EM stellen, zu bestehen, wird es auch auf N’Golo Kanté ankommen. Er ist gegen den Ball das Herz – und vor allem die Lunge – des französischen Teams. Elf Kilometer läuft der 33-Jährige bei dieser EM im Schnitt, erobert Bälle, gewinnt Zweikämpfe und macht Räume zu. „70 Prozent der Erde sind von Wasser bedeckt, der Rest von N‘Golo Kanté“, hieß es zu seiner Zeit in England, bei der EM in Deutschland lässt er diese Qualitäten wieder aufleben.

Wie wichtig Kanté für das auf Sicherheit bedachte Spiel Deschamps’ ist, zeigt ein Rekord, den er bei diesem Turnier aufgestellt hat. In 20 Einsätzen bei Großturnieren hat Kanté mit Frankreich keine einzige Niederlage in der regulären Spielzeit einstecken müssen, 13 Siege und sieben Remis verbuchte die Équipe Tricolor bei EM und WM in Serie, wenn Kanté auf dem Feld stand. Damit löste der Franzose Spanies Xavi ab. Ohne dabei groß aufzufallen – wie immer in Kantés Karriere.