2:1-Sieg gegen die Slowakei So emotional war für die Ukraine das zweite Gruppenspiel

Düsseldorf · Mit dem Krieg in der Heimat lastet auf der Ukraine bei der EM besonders viel Druck. In Düsseldorf gelingt der erste Sieg.

Ukrainische Spieler und Fans feiern gemeinsam nach dem 2:1-Sieg über die Slowakei und skandieren „U-kra-ina!“.

Ukrainische Spieler und Fans feiern gemeinsam nach dem 2:1-Sieg über die Slowakei und skandieren „U-kra-ina!“.

Foto: AP/Martin Meissner

Der Krieg fährt stets mit – und das nicht nur in den Köpfen – sondern auch symbolisch. Vor dem zweiten Gruppenspiel der Ukrainer gegen die Slowakei in Düsseldorf wurden am Rathaus Trümmerteile einer von Russland zerstörten Tribüne aus dem ehemaligen EM-Ort Charkiw aufgebaut. Als Mahnmal, wie Ex-Profi und Verbandspräsident Andriy Shevchenko sagte. Die Mannschaft der Ukraine spiele in Deutschland immer auch für „Millionen von Soldaten“.

Für das vor mehr als zwei Jahren von Russland überfallene Land geht die Bedeutung der EM über den Fußball hinaus. Dass dies mit einem großen emotionalen Druck einhergeht, sah man bei der überraschenden 0:3-Pleite zum Auftakt gegen Rumänien. „Für uns ist es schwierig, uns zu motivieren. Es ist wie ein Albtraum, den wir vergessen müssen“, gab Arsenal-Profi Oleksandr Zinchenko zu.

Der emotionale Brustlöser, er gelang am Freitag dank einer starken zweiten Halbzeit beim 2:1-Sieg über die Slowakei. Mykola Shaparenko (54.) und Joker Roman Yaremchuk (80.) hatten die Partie mit ihren Treffern nach schönen Kombinationen zugunsten der Ukraine gedreht, nachdem die Slowakei durch Ivan Schanz (17.) in Führung gegangen war. „Das ist emotional natürlich ein Pfund, auch für die Menschen in der Heimat. Man hat den Spirit gespürt“, sagte Ukraine-Coach Serhiy Rebrov.

EM 2024: So emotional war für die Ukraine das zweite Gruppenspiel​
Foto: dpa/Christoph Reichwein

In den ersten 25 Minuten sah es allerdings nicht nach diesem Brustlöser aus. Die Ukrainer trafen auf gut eingestellte Slowaken, die mit dem 1:0-Sieg über Belgien bereits für eine Überraschung im Turnier gesorgt hatten. Der für Real-Keeper Andriy Lunin ins Tor gekommene Anatoliy Trubin musste nach elf Minuten gleich zweimal in höchster Not gegen Lukas Haraslin und Belgien-Siegtorschütze Schranz retten, und parierte in der 17. Minute auch einen scharf getretenen Freistoß von Juraj Kucka. Kurz danach ging die Slowakei aber doch in Führung. Bei einem Einwurf auf der linken Seite ließ Ukraine-Kapitän Andrey Yarmolenko im Rücken Haraslin entkommen, der mit einer hohen Hereingabe den einköpfenden Schranz fand.

Die emotionale Last, die diese ukrainische Nationalmannschaft mit nach Düsseldorf gebracht hatte, sie schien das Team erneut zu übermannen. So gut wie alle vielversprechende Umschaltmomente, die von den lautstarken Rufen der Fans begleitet wurden, liefen durch ungenaue Abspiele ins Leere. Insbesondere Chelsea-Star Mykhailo Mudryk vergab einige dieser guten Konter. Die beste Chance zum Ausgleich verbuchte Oleksandr Tymchyk mit seinem Schuss an den Pfosten (34.).

Im zweiten Durchgang kamen die Ukrainer, die auch von vielen neutralen Fans im Stadion unterstützt wurden, immer besser in die Partie und zeigten nun auch ihre spielerische Qualität. Nach einer tollen Kombination über die linke Seite fand eine Zinchenko-Hereingabe den mitgelaufenen Shaparenko, der die Kugel zum verdienten Ausgleich über die Linie drückte. Ekstase in der ukrainischen Fankurve und der schlussendliche Brustlöser für die Mannschaft von Coach Rebrov.

Zehn Minuten vor dem Ende war es der eingewechselte Roman Yaremchuk, der ein Anspiel von Shaparenko kunstvoll annahm und dann zum 2:1 traf. Mit Schlusspfiff sank der Siegtorschütze auf die Knie, hämmerte vor Erleichterung mit den Fäusten auf den Rasen und wurde umgehend von seinen Mitspielern in den Arm geschlossen. Ein Sieg, der so viel mehr bedeutete als nur drei Punkte in der Gruppenphase einer EM. Kurz darauf zogen die Spieler mit Tränen in den Augen vor die ukrainische Kurve, die mit blau-gelben Flaggen übersät war, und schickten mit dem gemeinsamen „U-kra-ina!“ ein Signal in die Heimat. Am Mittwoch geht es für die Ukrainer in Stuttgart gegen Belgien weiter. Dann wird auch der Krieg wieder mitfahren. In den Köpfen und mit den symbolischen Trümmerteilen des Stadions. Nach dem Brustlöser in Düsseldorf könnte das Team dort die EM-Reise verlängern.