Ex-Nationalspieler Jimmy Hartwig über das Rentenalter, Rassismus und die Bühne

Kostenpflichtiger Inhalt: TV-Interview : Früherer Fußball-Nationalspieler Jimmy Hartwig: „Der Rassismus war täglich präsent“

Der frühere Fußball-Nationalspieler über Verletzungen jenseits des Rasens und seine neue Begeisterung für die Theaterbühne.

Wer mit Mitte 50 schon seine zweite Autobiografie herausbringt, hat entweder den Drang, viel zu erzählen – oder wirklich jede Menge erlebt. Für den früheren Fußball-Nationalspieler Jimmy Hartwig gilt definitiv Letzteres:

Im TV-Interview spricht Hartwig darüber, wie Krebsdiagnosen sein Leben verändert haben, er erzählt vom alltäglichen Rassismus in der Kindheit und Jugend, von der vergleichsweise neuen Liebe zum Theater und der Bedeutung des Fußballs für die Integration. Am 5. Oktober wird Hartwig – dreimaliger Deutscher Meister und Cup-der-Landesmeister-Sieger 1983 mit dem HSV – 65 Jahre alt.

Herr Hartwig, wie weit fühlen Sie sich eigentlich vom Rentnerdasein  entfernt?

Jimmy Hartwig: So 40 Jahre, weil ich noch gar nicht daran denke, dass ich schon 65 Jahre bin. Ich erlebe jeden Tag etwas Neues und habe gar keine Zeit, daran zu denken – und das wird auch noch so weitergehen. Erst mal gehe auch ich noch nicht mit 65 Jahren in die Rente, sondern muss noch ein bisschen durchhalten. Aber das meine ich eigentlich nicht ernst, denn ich fühle mich nach wie vor wie ein junger Mann und setze mich noch lange nicht zur Ruhe. Meine kleine Tochter und meine Frau halten mich viel zu sehr auf Trab, so dass ich gar nicht dazukomme, mir irgendwelche Gedanken zum Rentnerdasein zu machen. Außerdem machen mir meine vielen Jobs, zum Beispiel als Gesundheitsbotschafter der AOK Nordost und als DFB Integrationsbotschafter viel zu viel Spass, um ans Aufhören zu denken. Ich darf dabei durch ganz Deutschland reisen und vielen interessanten und spannenden Menschen begegnen. Zwischendrin habe ich allerdings Pausen im Kalender, die ich früher nicht gebraucht hätte. Diese nutze ich für Trainings in meinem Lieblingsfitnessstudio, Bewegung an der frischen Luft und einfach nur ruhen.

Wenn Sie 40 Jahre jünger wären und Bundesliga-Profi mit Ihrem Talent von damals – wären Sie eher der Typ, der klare Kante zeigt? Oder ist das heute im Zeitalter von Social Media schwieriger geworden, deutlich Stellung zu beziehen?

Hartwig: Die Frage verstehe ich nicht ganz. Ist Social Media gleichzusetzen mit Zensur? Ich wäre sicherlich der Typ, der ich immer war. Der Typ mit Ecken und Kanten, der Typ, der keinen Maulkorb trägt. Vielleicht hätte ich als junger Fußballer den einen oder anderen Satz vorher überdenken sollen, aber im Großen und Ganzen hatte und habe ich immer den gebührenden Respekt gegenüber meinen Mitmenschen. Ich glaube nicht, dass Social Media die Charaktere der Fußball-Profis in irgendeiner Form beeinflusst. Und wenn Social Media die Tatsachen verfälscht oder dramatisiert, dann wäre es umso wichtiger, klare Kante zu zeigen.

Was hat den Ausschlag gegeben, dass Sie es damals zum Profi geschafft haben, zum Meister und Königsklassen-Sieger – Talent, unbedingter Wille, ein bisschen Glück? Oder von allem etwas?

Hartwig: Von allem etwas. Aber eines muss ich klar herausheben: Der permanente Wille, etwas zu erreichen. Jeder sollte Ziele vor Augen haben, und dann kann man alles im Leben bekommen, denke ich. Gott sei Dank hatte ich vielleicht auch etwas Talent zum Fußballspielen, denn eines hatte ich nicht: Förderung aus dem Elternhaus und noch nicht einmal Fußballschuhe. Ich kann von Glück sagen, dass die damaligen Fußballtrainer wachsam waren, was meine Person betrifft.

Wenn Sie an den 25. Mai 1983 zurückdenken – ist das ein bitterer Tag oder ein glücklicher? Sie waren im Landesmeister-Cup-Finale gegen Juventus Turin gesperrt, konnten beim größten Erfolg der HSV-Geschichte zumindest im Endspiel nicht helfen …

Hartwig: Logisch war es ein sehr bitterer Tag in meiner Fußballkarriere, aber auch ein sehr glücklicher, weil meine Mannschaft den Pokal geholt hat. Ich hatte bis zum Endspiel alle Spiele mitgemacht und mit meinen Toren helfen können, ins Endspiel zu kommen. Insgesamt war es also ein großes Glücksgefühl.

Nach der Fußballbühne ging es für Sie unter anderem auf der Theaterbühne weiter – Sie spielten in Brechts „Baal“, auch Büchners „Woyzeck“, später auch ein Stück im Luxemburger Grand Théâtre. Wie wohl fühlen Sie sich auf der Theaterbühne? Ist das Lampenfieber ein anderes als seinerzeit im vollen Stadion?

Hartwig: Das Lampenfieber auf der Bühne ist viel viel schlimmer als im Fußballstadion. Im Stadion war ich seit meinem achten Lebensjahr, und ich war es gewohnt, auf dem Rasen zu stehen. Als Schauspieler bin ich ja ein Quereinsteiger und musste alles neu lernen. Was mich aber beruhigt ist, dass die gelernten Schauspieler ebenfalls vom Lampenfieber geplagt werden. Ich konnte mir vorher nicht vorstellen, was ich durchmachen muss, wenn ich kurz vor Beginn im Hintergrund stehe und kurz danach alleine auf die Bühne muss. Bei ‚Woyzeck’ in Leipzig, bei ‚Spiel ohne Ball’ in Luxemburg und zuletzt bei ‚Roxy und ihr Wunderteam’ in Augsburg musste ich ganz alleine das Stück starten. In Luxemburg hatte ich sogar eine Monolog­rolle, war also der einzige sprechende Schauspieler im Stück.

Haben Sie dadurch auch als Zuschauer ein Faible fürs Theater entwickelt? Oder hatten Sie das vorher schon?

Hartwig: Ich hatte kein Faible für das Theater der Zuschauersicht. Ich hatte aber immer Lust, Theater zu spielen. Ich bin mit Leib und Seele Entertainer und fühle mich auf der Bühne wohl. Und natürlich war auch der Fußballrasen meine Bühne, das können die Fans von damals sicher bestätigen. Inzwischen bin ich aber auch fleißiger Theatergänger und großer Fan von den Stücken Albert Ostermaiers, der mir auch in Luxemburg die Chance gegeben hat, den Uwe in „Spiel ohne Ball“ zu spielen.

Sie haben in den 90ern zwei Mal gegen Krebs angekämpft – und zwei Mal gewonnen. Hat das den Blick aufs Leben dauerhaft verändert?

Hartwig: Ja, nach dieser Zeit bin ich erst mal ein kleiner Hypochonder geworden. Mich beunruhigt jeder kleine Huster und deswegen versuche ich, mich selbst gesund und fit zu halten. Aber daraus hat sich auch meine Tätigkeit als Gesundheitsbotschafter ergeben. Ich möchte insbesondere andere Männer dazu bringen, die Vorsorgeangebote zu nutzen. Damit sie nicht in dieselbe Falle wie ich tappen. Mich hat damals niemand aufgeklärt.

Sie waren nach Erwin Kostedde der zweite deutsche Nationalspieler der 70er mit afroamerikanischen Wurzeln. Wie präsent war der Rassismus in der Kindheit und Jugend?

Hartwig: Der Rassismus war täglich präsent. In der Schule, auf dem Fußballplatz und auch im Privatleben. Immer fiel den Menschen meine Hautfarbe auf. Sie wollten wissen, wo ich herkomme, wer mein Vater sei und so weiter. Ich bin Deutscher und wuchs in Offenbach auf. Es war also auffällig, dass ich mit meinem breiten hessischen Dialekt eine dunklere Hautfarbe als die anderen hatte. Mein afroamerikanische Vater hatte meine Mutter als amerikanischer Soldat während seiner Stationierung in Wiesbaden kennengelernt.

Und wie sind Sie damit umgegangen? Gab es Situationen, die sie besonders verletzt haben?

Hartwig: Dieses Interview reicht nicht, um diese Verletzungen aufzuzählen. Sie stecken auch heute noch ganz tief in mir drin. Heute erlebe ich keine direkten Angriffe mehr auf meine Person. Als Einzelperson geht es mir soweit gut, aber das ist ja nicht das, was zählt. Daher bin ich auch sehr dankbar, dass ich für den DFB als Integrationsbotschafter unterwegs sein kann und meinen Beitrag dafür leiste, Vorurteile und Intoleranzen abzubauen.

Wie sehen Sie die Situation aktuell im Fußball, in der Bundesliga aber auch in der Gesellschaft allgemein?

Hartwig: Natürlich hat sich die Arbeit seit der Flüchtlingskrise verändert, denn die Integrationsarbeit in den Amateurfußballvereinen ist massiv gestiegen, und anfangs standen alle vor großen Herausforderungen, die allerdings mit dem unglaublichen Einsatz der Ehrenämtler in den Vereinen und mit Rückendeckung der Fußballlandesverbände und des DFB bewältigt werden konnten. Ich kann natürlich nur über den Fußballsport reden. Es gibt keinen besseren Integrationsmotor als die weltweit beliebteste Teamsportart. Fußball genießt sehr hohe mediale Präsenz und große gesellschaftliche Bedeutung, Potenziale sind gleichzeitig Verpflichtung und Chance. Fußball verbindet Menschen egal welcher Herkunft. Die Zahlen sprechen doch für sich: Fast ein Fünftel der rund sieben Millionen DFB-Mitglieder haben einen Migrationshintergrund. Und wir hatten in den letzten zwei Jahren mehr 40 000 Anträge von Ausländern für einen Spielerpass. Das zeigt auch, dass sehr viele geflüchtete Menschen sehr gerne Fußball spielen, gerne auch im Wettbewerb. Denn Fußball kann das Vertraute in der Fremde darstellen.

Zum Abschluss was Regionales: In den 70ern spielten sie als junger 1860-Profi auch in Trier, die Eintracht spielt inzwischen nur noch fünftklassig. Haben Sie noch irgendwelche Erinnerungen an Trier und das Moselstadion?

Hartwig: Bei meinem letzten Besuch in Trier in diesem Monat wurde ich von vielen Personen daran erinnert. Ich muss aber um Verständnis bitten, dass ich mich leider nicht mehr daran erinnern kann. Als Fußballer ist man ununterbrochen unterwegs, und meine Konzentration lag immer auf dem Spiel, so dass ich alles Weitere ausgeblendet habe. Aber Trier ist eine wunderbare Stadt und immer einen Besuch wert.

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