Interview mit Nia Künzer: „Das macht mich nachdenklich“

Interview mit Nia Künzer : „Das macht mich nachdenklich“

Vor Beginn der Frauen-Fußball-WM am Freitag in Frankreich spricht die Weltmeisterin von 2003 über die Chancen des deutschen Teams, Hass im Netz, fehlende Wertschätzung, eine besondere Beziehung zur Eifel sowie ihr afrikanisches Geburtsland.

Donnerstagvormittag, Christi Himmelfahrt: Nia Künzer sitzt im Auto, ist gerade irgendwo auf der A3 zwischen ihrem Wohnort in Hessen und Regensburg unterwegs. Dort, im Stadion des SSV Jahn, wird die 39-Jährige an diesem Abend beim letzten Testspiel der deutschen Frauen-Fußball-Nationalmannschaft vor der WM (7. Juni bis 7. Juli in Frankreich) als ARD-Expertin im Einsatz sein.  „Ich habe noch einige Kilometer vor mir“, berichtet die Weltmeisterin von 2003, als sie sich wie verabredet telefonisch bei Volksfreund-Redakteur Marek Fritzen zum Interview meldet. Genügend Zeit also, um in aller Ruhe über ihren wohl bekanntesten Treffer, die deutschen Chancen bei der WM, einen Sommer in der Eifel sowie über die Frage zu sprechen, wann die erste Frau einen Herren-Bundesligisten coachen wird.

Frau Künzer, ist Ihnen eigentlich bewusst, dass Sie einen ganz besonderen Bezug zur Region Trier haben?

Nia Künzer: Nein, nicht wirklich. Was soll das sein?

Ich gebe Ihnen einen Tipp …

Künzer: Ja, bitte!

Es hat mit Bitburg zu tun und dem Jahr 2003 …

Künzer: Oh Gott, ja klar (lacht) … die Vorbereitung auf die Weltmeisterschaft 2003 in der Sportschule Bitburg. Das war eine sehr intensive Zeit mit extrem langen Trainingseinheiten und ziemlich viel Muskelkater.

Klingt so, als sei das alles noch sehr präsent bei Ihnen?

Künzer: Auf jeden Fall, das ist es. Ich kann mich sehr gut daran erinnern. Es war ein unglaublich heißer Sommer, einer der heißesten überhaupt, glaube ich. Wir haben trainiert, trainiert und trainiert. Die Bundestrainerin hat uns ganz schön schwitzen lassen.

Wie kann man sich das vorstellen: Waren sie als Team einfach zu handlen, alle immer brav um 20 Uhr im Bett, oder musste Trainerin Tina Theune damals auch öfter mal lauter werden?

Künzer: Nein, nein, das war nicht nötig, an disziplinarische Maßnahmen kann ich mich ehrlich gesagt nicht erinnern. Wenn man es als Spielerin bis in die Nationalmannschaft geschafft hat, kennt man seine Grenzen. Wir hatten sehr viel Spaß, absolut, aber alles in Maßen. Außerdem: In Bitburg … (überlegt). Wie soll ich das jetzt am besten sagen?

Sie meinen: In Bitburg läuft man nicht unbedingt Gefahr, von zu vielen Dingen außerhalb des Fußballs abgelenkt zu werden?

26.03.2018, Berlin: Die früheren Profi-Fußballer Nia Künzer und Gerald Asamoah werden während der Verleihung des Integrationspreises von DFB und Mercedes-Benz interviewt. Nominiert waren aus insgesamt 162 Bewerbungen jeweils drei Bewerber aus den Kategorien Verein, Schule und kommunale/freie Träger. Foto: Soeren Stache/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Verwendung weltweit. Foto: picture alliance / Soeren Stache/Soeren Stache

Künzer: (lacht) Ja, genau, das trifft es ganz gut. Aber es war eine tolle Zeit dort: Wir sind in Bitburg als Team zusammengewachsen, was für die Turniervorbereitung und die folgende WM sehr wichtig war.

Die WM 2003 und Ihr Golden Goal im Finale gegen Schweden, das Deutschland den ersten WM-Titel bescherte: Haben Sie eigentlich noch Lust darüber zu sprechen, oder schlafen Ihnen bei Fragen dazu schon öfter mal die Füße ein?

Künzer: Ach, es gibt Schlimmeres, über das man sprechen kann. Das sind schöne Momente, an die ich mich sehr gerne zurückerinnere. Dazu gehört aber mehr als das Golden Goal: Das betrifft die Vorbereitung in Bitburg, die Erfolge während des Turniers. Wir hatten damals echt richtig viel Spaß – trotz des harten Trainings. Ich hatte in meinem Sportlerleben auch Tiefpunkte: Von daher spreche ich besonders gerne auch über die schönen Seiten meiner Karriere.

Für wie realistisch halten Sie es denn, dass die aktuelle DFB-Elf es Ihnen gleichtut, und bei der WM in Frankreich ebenfalls den Titel holt?

Künzer: Das wird ein ganz schweres Turnier: Gerade in der Gruppenphase muss man sich als Team erst noch finden. Und mit Spanien befindet sich eine sehr starke Mannschaft in der Gruppe. Aber bei allem Understatement muss man auch ganz ehrlich sein und sagen: Die Gruppe muss Deutschland schaffen.

Und was ist dann weiter möglich?

Künzer: Gut wäre es natürlich, wenn nicht schon im Achtelfinale ein großer Gegner wie die USA wartet. Denn da entscheidet dann die Tagesform. Die Mannschaft muss gut ins Turnier kommen und sich dort weiterentwickeln und steigern – denn die Vorbereitung war diesmal nicht sehr lang. Letztendlich gehört auch ein bisschen Glück dazu, die ersten 14 bis 15 Spielerinnen müssen gesund bleiben. Jedes Puzzleteil muss passen, dann kann das Team sehr weit kommen.

Wie weit?

Künzer: Ich denke, das Halbfinale wäre ein Erfolg. Und über allem steht natürlich die Qualifikation für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio, die dann erreicht ist, wenn man unter die drei letzten europäischen Mannschaften kommt. Das ist bei dem WM-Teilnehmerfeld auch schon nicht ganz einfach.

Ebenfalls in der Gruppe ist Südafrika. Das Land ist erstmals bei einer WM dabei. Wie schätzen Sie das Team ein?

Künzer: Da muss ich ehrlich gestehen: Zu Südafrika kann ich nicht viel sagen, da ich das Team eher selten spielen sehe. Generell spielen afrikanische Mannschaften sehr physisch. Technisch, taktisch und athletisch sehe ich aber die deutsche Mannschaft im Vorteil. Da ist ein Sieg Pflicht.

Sie sind in Botswana, einem Nachbarland Südafrikas, geboren: Wie eng sind Ihre Verbindungen dorthin eigentlich noch?

ARCHIV - Nia Künzer vor dem Fußball Länderspiel Frauen Deutschland - Niederlande am 07.06.2011 im Tivoli Stadion in Aachen. Foto: Rolf Vennenbernd (zu dpa ARD verlängert Vertrag mit Nia Künzer vom 17.07.2013) +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Verwendung weltweit. Foto: picture alliance / dpa/Rolf Vennenbernd

Künzer: Ja, ich bin in Botswana geboren, das stimmt – und habe daher auch einen besonderen Bezug zum südlichen Afrika. Aufgrund eines längeren Aufenthalts meiner Eltern in Namibia allerdings eher zu diesem Land. Dorthin pflege ich auch Kontakte zum Frauen- und Mädchenfußball.

Wie lange haben Sie selbst in Afrika gelebt?

Künzer: Nur ein paar Monate als Säugling. Meine Eltern waren aber in der Folge noch mehrere Male dort. Ich bin für Abitur und Studium allerdings in Deutschland geblieben und war dann häufiger zu Besuch. Die WM 2010 in Südafrika durfte ich mit dem ARD-Morgenmagazin begleiten. Das war natürlich schon etwas Besonderes für mich.

Was zog Ihre Eltern denn immer wieder nach Afrika?

Künzer: Sie waren dort in der Entwicklungszusammenarbeit tätig.

Zurück zum Fußball: Martina Voss-Tecklenburg ist seit Ende 2018 als Bundestrainerin im Amt: Inwieweit hat sie das Team bereits geprägt?

Künzer: Man muss zunächst mal sagen, dass die Mannschaft bereits unter Martinas Vorgänger Horst Hrubesch Sicherheit zurückgewonnen hatte. Martina arbeitet sehr zielorientiert und hat einen langfristigen Plan. Das sieht man an den bisherigen Testspielen, aber auch an den Nominierungen und den von ihr nicht mehr berücksichtigten Spielerinnen. Sie geht sehr strukturiert und klar vor, was natürlich in der Zusammenarbeit mit der Mannschaft sehr wichtig ist, weil die Spielerinnen so genau wissen, woran sie sind. Die Balance zwischen Lockerheit und klaren Ansagen bekommt sie momentan sehr gut hin. Sie hat den Spielerinnen das Gefühl zurückgegeben, auch die Großen schlagen zu können.

Sie haben mit Voss-Tecklenburg auch in der Nationalmannschaft zusammengespielt …

Künzer: Stimmt, allerdings nur ganz kurz.

Achso, okay. Erkennen Sie dennoch Parallelen zwischen der Spielerin Martina Voss-Tecklenburg von damals und der Trainerin von heute?

„Ich erinnere mich gerne daran zurück“: Das sagt Nia Künzer über ihr Golden Goal bei der WM 2003 (Bild links). Durch den Treffer sicherte sich Deutschland zum ersten Mal den WM-Titel, den die Mannschaft danach auf dem Frankfurter Römer (auf dem Bild ist Künzer mit Bettina Wiegmann zu sehen) mit Tausenden Fans feierte. Das Tor war nicht nur das letzte Golden Goal der Fußballgeschichte bis heute, es wurde später auch zum Tor des Jahres gekürt. Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb/Jack_Smith

Künzer: Sie war schon als Spielerin extrem ehrgeizig und meinungsstark. Sicherlich auch manchmal  polarisierend.  So habe ich sie damals erlebt. Ich war ja zu dieser Zeit noch eine sehr junge Spielerin. Diese Charaktereigenschaften von damals erkenne ich nun auch bei ihr als Trainerin wieder.

Eine weitere frühere Nationalmannschaftskollegin von Ihnen ist Inka Grings. Mit ihr haben Sie aber schon länger in einem Team gespielt, richtig?

Künzer: Ja, das stimmt.

Grings wurde im Frühjahr Trainerin beim Herren-Regionalligaclub SV Straelen und ist somit die erste Trainerin in Deutschland, die ein Herren-Team trainiert, das in einer der ersten vier Ligen spielt. Wieso ist das im Jahr 2019 noch solch eine Ausnahme?

Künzer: Grundsätzlich würde ich sagen, weil es einfach deutlich weniger Trainerinnen als Trainer gibt. Dann kommt hinzu, dass Trainerinnen in den vergangenen 15 Jahren – wenn sie eine entsprechende Qualifikation hatten – zunächst mal Frauenmannschaften trainiert haben. Letztendlich ist es die persönliche Entscheidung jeder Einzelnen, ob sie überhaupt in den Männerbereich möchte. Ich glaube schon, dass es nach und nach nun auch immer wieder Frauen geben wird, die Männerteams übernehmen werden.

Auch in den oberen Ligen?

Künzer: Ich denke schon, ja. Und zu Inka Grings: Ich finde ihren Schritt mutig und gut. Es sollte mittlerweile so sein, dass das auch gut funktioniert, wenn eine Frau ein Herren-Team trainiert. Fachlich sowieso, aber auch in der Zusammenarbeit mit den Spielern.

Und wie lange wird es noch dauern, bis die erste Frau ein Bundesligateam coacht?

Künzer: Das wird darauf ankommen, wie viele Frauen sich entscheiden, in den Bereich zu gehen. Nicht jede Ex-Fußballerin wird auch Trainerin. In meiner Wahrnehmung gibt’s aber zunehmend mehr Frauen, die sich für ein Traineramt entscheiden. Auch aus meiner Generation gibt’s immer mehr, die beispielsweise U-Mannschaften oder Co-Trainer-Jobs übernehmen. Da wird es dann auch immer mehr Frauen geben, die sich für den Herren-Bereich entscheiden. Man sieht es auch bei den Schiedsrichtern, wo Bibiana Steinhaus kürzlich als vierte Offizielle im Pokalfinale im Einsatz war. Daher gilt für Trainerinnen wie auch für Schiedsrichterinnen im Herren-Bereich: Wenn Leistung und Fachlichkeit stimmen, ist das möglich.

Ebenfalls eine Rarität: Kommentatorinnen bei Fußball-Länderspielen oder Champions-League-Partien.

Künzer: Das stimmt, ja.

Eine der wenigen ist Claudia Neumann im ZDF. Als sie bei der EM 2016 und der WM 2018 Spiele kommentierte, hagelte es im Internet teils übelste sexistische Beleidigungen gegen sie – wie haben Sie reagiert, als Sie das hörten?

Künzer: Ich kenne Claudia Neumann schon sehr lange. Ich finde es bewundernswert mit welch dickem Fell sie das erträgt und ertragen hat. Das war teilweise unterirdisch und feige, was dort in den Sozialen Medien über sie geschrieben wurde. Es macht einem noch mal klar, wie manche Menschen ticken. Ich habe kein Problem mit konstruktiver Kritik, über Geschmack lässt sich streiten. Ich habe auch bei männlichen Kommentatoren welche, die ich lieber höre und andere, die ich nicht so gerne höre. Warum man aber ins Persönliche gehen muss, ist mir nicht klar. Das ist schon Wahnsinn – es macht mich nachdenklich.

Glauben Sie denn, dass schon bald mehr Frauen Herren-Fußballspiele kommentieren werden?

Künzer: Claudia Neumann ist ja nicht die Einzige. Es gibt mit Sabine Töpperwien eine Frau, die schon seit Jahrzehnten eine feste Größe bei Radio-Übertragungen von Männer-Fußballspielen ist – um nur eine weitere zu nennen. Es wird vielleicht nicht 50:50 werden, aber ich bin davon überzeugt, dass sich dort eine natürliche Entwicklung ergeben wird.

Wie gehen Sie als ARD-Expertin mit Kritik in den Sozialen Medien um: Verfolgen Sie, was über Sie im Netz geschrieben wird?

Künzer: Nein, ich vermeide das. Ich habe gar nicht so viel Zeit, mich mit irgendwelchen Reaktionen online zu beschäftigen. Ich durchkämme auch nicht alle Sozialen Medien, nur um zu sehen, ob mich irgendjemand beleidigt hat. Nein, nein, ich versuche, einen guten Job zu machen, und wenn ich jemanden kritisiere in meiner Arbeit als Expertin, werde ich niemals persönlich.

Kommen wir noch mal zurück zum Fußball: In Spanien und England wird derzeit sehr viel in Frauen-Fußball investiert. Gerade Spanien sorgte zuletzt immer wieder mit Spielen vor riesigen Kulissen für Furore. So besuchten das Liga-Topspiel zwischen Atletico Madrid und dem FC Barcelona über 60 000 Zuschauer. Zahlen, von denen man in der Frauen-Bundesliga meilenweit entfernt ist. Droht Deutschland den Anschluss zu verlieren?

Künzer: Die Events in Spanien sind beeindruckend – so etwas braucht eine Sportart. Es relativiert sich jedoch auch wieder ein wenig, wenn man die durchschnittlichen Zuschauerzahlen im dortigen Liga-Alltag betrachtet. Aber fest steht auch: Bei den Bundesliga-Zuschauerzahlen kann sich Deutschland sicher noch weiterentwickeln. Man sieht den Willen und die Initiative in den anderen Ländern, die Sportart voranzutreiben. Von daher muss man ganz deutlich sagen: Es ist Vorsicht geboten, und der DFB und die Bundesligaclubs müssen schon zusammenarbeiten, um nicht den Anschluss zu verlieren.

Wie ist es denn zu verhindern, dass Deutschland den Anschluss verliert?

Künzer: Letztendlich hilft natürlich der sportliche Erfolg, insbesondere der der Nationalmannschaft, die immer noch das Zugpferd ist. Es ist außerdem gut, wenn sich Spielerinnen herauskristallisieren, die die Gesichter des Sports sind.

Stichwort sportlicher Erfolg: DFB-Torhüterin Almuth Schult hat kürzlich den vorhandenen Mangel an Wertschätzung dem Frauen-Fußball gegenüber – speziell innerhalb des DFB – beklagt. Zudem sprach sie von noch immer fehlender Gleichberechtigung. Hat sie Recht mit ihrer Kritik?

Künzer: Ja, es ging bei ihrer Aussage speziell um Wertschätzung innerhalb des Verbandes – und da ist sicherlich was dran. Aber Almuth hat auch betont, dass andere Sportarten gerne in unserer Situation wären. Denn die positive Entwicklung des Frauen-Fußballs darf man nicht beiseite wischen. Viele Bundesligaspiele werden live im Fernsehen übertragen, alle Partien der Nationalmannschaft werden in ARD und ZDF gezeigt. Zudem ist es normal geworden, dass Mädchen Fußball spielen. Oder schauen wir auf die Rahmenbedingungen der Nationalmannschaft: Wie das Team reist, wie es untergebracht wird, wie sich der DFB um die Mädels kümmert – das ist alles schon auf sehr hohem Niveau.  Dennoch muss man immer wieder wachrütteln, und hinterfragen: Was können wir noch tun, um die Stadien wieder zu füllen, die Begeisterung neu zu entfachen? Da muss Kritik auch möglich sein.

Schauen wir noch mal auf die am Freitag beginnende WM: Wie sieht Ihr Fahrplan aus – verbringen Sie die kompletten Wochen in Frankreich vor Ort?