Marta, das Mädchen für fast alles

Marta, das Mädchen für fast alles

Sie ist der Superstar in der brasilianischen Frauenfußball-Nationalmannschaft: Alle Augen sind auf Marta Vieira da Silva — kurz Marta — gerichtet. Wie geht die als beste Spielerin der Welt geltende Stürmerin damit um? Beobachtungen während ihres ersten WM-Auftritts in Mönchengladbach.

Mönchengladbach. Sie hat den Rhythmus im Blut. Marta spielt die Triangel traumwandlerisch sicher, als sich die Brasilianerinnen musizierend den Weg von der Kabine des Stadions zum Bus bahnen. Die 25-Jährige gibt den Takt vor, dem die Mitspielerinnen mit Tamburin und Trommeln folgen. Die Mannschaft als harmonisches Orchester.
Zuvor, in den 90 Fußball-Minuten gegen Australien, gibt es dagegen einige Misstöne. Beim Mitfavoriten auf den WM-Titel läuft nicht viel zusammen. Auch Marta hat keinen brillanten Abend. Sie ist phasenweise sichtlich unzufrieden. Misslingen ihr oder den Teamkolleginnen Pässe, lamentiert sie gestenreich.
Doch auch eine Marta, die sich nicht in Höchstform präsentiert, kann mehr als andere. Ihr Antritt, ihre Technik, ihr Auge, ihre Fähigkeit, Spielzüge über mehr als eine Station vorauszudenken: Das macht die 1,62 Meter kleine Stürmerin so wertvoll. Das macht sie so beliebt bei den Fans. Das machte sie in den vergangenen fünf Jahren stets zur Weltfußballerin des Jahres.
Begibt sich die brasilianische Auswahl damit in eine zu große Abhängigkeit? In jedem Gespräch wird Trainer Kleiton Lima mit dieser Frage konfrontiert. Er ist darauf vorbereitet und sagt: "Marta ist eine fantastische Spielerin. Sie ist herausragend. Wir können nicht ohne sie spielen, aber auch nicht nur mit ihr. Wir dürfen nicht alles auf ihren Schultern abladen. Die anderen Spielerinnen müssen sie unterstützen, aber auch Marta muss sich nach unserer Taktik richten. Wenn wir im Kollektiv gut sind, profitiert auch sie davon."
Die Ausrichtung des brasilianischen Teams wirkt antiquiert. In der Abwehr vertraut der Trainer mangels guten Außenverteidigerinnen auf eine Dreierreihe mit Libero. Ein steifes Korsett, dem Marta im Angriff Spielfreude, Esprit und Überraschungsmomente entgegensetzen soll.
Gegen Australien ist die Ausnahmespielerin, die in der amerikanischen Profiliga aktiv ist, Mädchen für fast alles. Bei nahezu jedem Angriff wird sie gesucht. Marta ist zuständig fürs Winken ins Publikum, Ansprechpartnerin Nummer eins für den Trainer und kurz vor Schluss Physiotherapeutin auf dem Rasen, als sie Mittelfeldspielerin Formiga hilft, einen Krampf im Bein loszuwerden. Eins ist sie an diesem Abend nicht: Torschützin. Doch sie ist die Erste, die Rosana nach deren Treffer zum entscheidenden 1:0 gratuliert.
Marta trägt viel Last, weil sie ein großes Ziel hat: Endlich Weltmeisterin werden. "Das ist mein Traum", sagt die aus einer armen Gemeinde im Westen Brasiliens stammende Angreiferin, die als 14-Jährige auszog, um trotz des Widerstands ihrer Verwandtschaft an einer Fußballerinnen-Karriere zu arbeiten. Der Stachel des verlorenen WM-Finals 2007 gegen Deutschland sitzt noch tief. Brasilien unterlag 0:2, Marta vergab gegen Nadine Angerer einen Strafstoß.
Umso erleichterter ist dietechnisch versierte Offensivspielerin nun, dass gegen Australien ein Fehlstart vermieden wurde. Brasiliens Nummer 10 wertet den Sieg im Journalistengespräch als glücklich. Dennoch gebe es Grund, zumindest ein bisschen zu feiern. Spricht\'s — und zieht mit der Triangel in der Hand von dannen.

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