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Fußball-Autor Christoph Ruf im TV-Interview

Fußball-Autor Christoph Ruf im Interview : „Der DFB musste wieder auf die Nase fallen“

Buch-Autor Ruf über die gefährliche Helene-Fischerisierung im Fußball, Eklats mit Ansage und eine überraschende FCK-Personalie.

(AF) Vereinstreue ist für Fußball-Profis längst kein Thema mehr, nur noch Folklore. Die Basis wird vernachlässigt, Traditionsvereine werden hängengelassen – in einem Geschäft, das nur Egoismen kennt und null Solidarität. Autor Christoph Ruf zeichnet in „Fieberwahn. Wie der Fußball seine Basis verkauft“ ein düsteres Bild. Im TV-Interview legt er nach.

Wenn wir nach vorne blicken – sagen wir mal auf die Bundesliga-Saison 2022/2023: Was wird anders sein als heute?

CHRISTOPH RUF Der Tabellenführer wird wohl der gleiche sein. Ein nicht unwahrscheinliches Szenario ist, dass sich Vereine wie Mainz, Freiburg oder Augsburg nicht mehr halten werden – also Vereine, die vom Etat her am Limit sind, aber denen man gute und nachhaltige Arbeit attestiert. Die Macht der Investoren wird zunehmen. Damit nimmt natürlich auch die Verlangweilungs-Spirale zu, die es jetzt schon gibt.

Spieler wie Dortmunds Pierre-Emerick Aubameyang oder Lamine Sané von Werder Bremen setzen durch gezielte Provokationen oder Streiks ihre Ziele durch. Illoyalität und Egoismus werden belohnt. Was können  die Vereine gegen diese Entwicklung tun?

RUF Für die Vereine ist es eine beschissene Situation. Eigentlich sitzen sie am längeren Hebel - sie können ja auf Einhaltung des Vertrags pochen. Dann haben sie einen schlecht gelaunten Spieler, der vielleicht die Leistung verweigert und der nicht zum Training kommt. Aber sie haben die Möglichkeit, ihn auf die Tribüne zu setzen. Das sollte ein Verein vielleicht auch einfach machen.

Damit geht der Marktwert runter – und die Transfersumme. Der Verein verliert Geld …

RUF Klar, aber das weiß der Spieler auch – wenn er ein halbes Jahr rumbockt und auf der Tribüne sitzt, wird er im Sommer vielleicht auch nicht wechseln können, wenn ihn keiner mehr will. Man müsste das einfach ein paar Wochen und Monate austesten. Grundsätzlich ist die Situation mit dem ganzen Geld, das auf dem Markt ist, paradiesisch für Spieler und Spielerberater. Alles, was an Fernseheinnahmen mehr eingenommen wird, landet ja nicht bei der Clubangestellten oder dem Jugendtrainer, sondern bei Spielern und Beratern.

Vereinstreue ist nur noch was für Fans und Exoten?

RUF Viele kaufen sich keine Trikots mehr mit Namen hintendrauf, weil die Spieler ohnehin in einem Jahr woanders sind. Die Fans haben sich schon seit Jahren daran gewöhnt. Die Zeiten der Vereinstreue sind vorbei. Da gibt es nur wenige Ausnahmen. Das gilt auch für die Trainer: Du wechselst zu dem, der besser zahlt – alles andere ist Folklore.

Auf dem Papier gibt’s noch die 50+1-Regel im deutschen Fußball, die es Investoren unmöglich machen soll, die Mehrheit bei Clubs zu übernehmen. De facto ist sie in den vergangenen Jahren mehrfach ausgehebelt worden – wie die Beispiele Hoffenheim und Leipzig zeigen. Wann wird die Regel endgültig fallen?

RUF Es ist wohl so, dass im schlimmsten Fall der Europäische Gerichtshof über die 50+1-Regel entscheiden wird – und wie der entscheiden würde, ist relativ unumstritten: Dann würde 50+1 fallen. Das könnte vor dem EuGH aber 15 Jahre dauern.

Wer alle Bundesligaspiele live im Fernsehen schauen will, braucht mittlerweile zwei Bezahl-Abos. Ist die Schraube langsam überdreht? Oder denken Sie, es gibt weiterhin genügend Leute, die das mitmachen werden?

RUF Das ist die spannende Frage. Ich bin skeptisch, dass in Deutschland noch mal ein so hoher Fernsehgeld-Abschluss zu generieren sein wird wie zuletzt die 4,64 Milliarden Euro für vier Jahre. Für Sky ist das Ende der Fahnenstange erreicht. Mein Bekanntenkreis ist sicher nicht repräsentativ – aber ich bin umgeben von Leuten, die ihre Decoder gerade kündigen.

Innerhalb der europäischen Topligen gibt es gewaltige Leistungsunterschiede, die immer größer geworden sind. In der Bundesliga kommt nach den Bayern lange nichts, in Spanien gibt es drei, vier Spitzenteams, in England fünf oder sechs. Läuft es darauf hinaus, dass die europäische Spitze mittelfristig in einer eigenen Topliga spielen wird und die nationalen Ligen ohne die Besten nur noch zweite Wahl sein werden?

RUF Die Überlegung gibt es bestimmt. Ich denke, das ist im Moment noch nicht so vermittelbar, weil gerade in Deutschland Fußballfans einen starken Bezug zu ihrer Liga haben. Auch wenn sich ein Bayern-Fan vielleicht langweilt, wenn sein Club wieder gegen Hannover gewinnt, so ist die Bundesliga für ihn doch noch die harte Währung. Ich glaube aber, dass eine Generation ranwächst, die schon lange den Internationalismus drin hat und die in Trier oder Karlsruhe eben im Real-Madrid- oder PSG-Trikot auf dem Schulhof kickt. Für die ist Hannover vollkommen irrelevant. Ich denke, dass das in zehn Jahren gesellschaftsfähig sein wird. Dann entspricht es auch der wirtschaftlichen Logik, wenn nur noch die europäischen Topclubs gegeneinander spielen.

Wie groß ist die Gefahr, dass mit Fußball Weltpolitik gemacht wird? Paris St. Germain gehört Qatar Sports International – und da gibt’s große Verbandlungen zum Staat. Saudi-Arabien hat sich gerade mit Spielern in die spanische erste Liga eingekauft, China hatte es über den DFB in der Regionalliga Südwest versucht ….

RUF Die Gefahr ist seit Jahren ja nicht mehr abstrakt. Das fing in Deutschland mit dem Engagement von Gazprom an, da geht es klar um russische Interessen. Beim China-Deal in der Regionalliga Südwest hat mich gewundert, dass die Menschenrechtslage in China überhaupt nicht vorher diskutiert wurde. Da ging es nur um die Öffnung von Märkten.

Da ist der DFB krachend gescheitert. Nach einem Spiel der chinesischen U20 – und begleitenden Protesten – war Feierabend.

RUF Der DFB musste mal wieder auf die Nase fallen, um zu sehen, was Leute mit größerer Nähe zur Basis prognostiziert haben. Es war klar, dass die Fanszenen von Trier über Saarbrücken bis Mannheim auf die Barrikaden gehen würden. Es war auch klar, dass das Menschenrechts-Aktivisten mitbekommen und das für Proteste nutzen. Und dann reicht China schon der erste Eklat, dass man sich zurückzieht. Der DFB hätte auch wissen können, dass weder Frankfurter noch Dortmunder Fans in der Halbzeitpause des DFB-Pokal-Finals Helene Fischer gebrauchen können.

In Ihrem Buch kommt unter anderem Martin Bader nicht besonders gut weg – so sei es unverständlich, dass ihn 96-Boss Martin Kind nach seiner Nürnberger Zeit nach Hannover geholt hat. Jetzt heuert Bader – wenn auch in etwas anderer Funktion – beim 1. FC Kaiserslautern an, wo die finanziellen Möglichkeiten komplett anders sind. Hat Sie die Verpflichtung überrascht?

RUF Die hat mich total überrascht. Ich bin davon ausgegangen, dass Bader nach dem Hannover-Engagement Schwierigkeiten haben würde, noch einen Job im bezahlten Fußball zu finden. Man muss ihm zugute halten, dass er in Nürnberg über Jahre wirtschaftlich gut gearbeitet hat. Aber er hatte aus sportlicher Sicht ganz schlechte Trainerentscheidungen und Spielerverpflichtungen zu verantworten. Von daher hat mich gewundert, dass man ihn beim FCK zum Vorstand Sport macht und nicht etwa zum Vorstand Finanzen.

Was empfehlen Sie eigentlich Traditionsclubs, die in der Regionalliga oder sogar – wie Eintracht Trier – in der Oberliga gestrandet sind?

RUF Die einzige Chance ist, mittelfristig Lobbyismus zu betreiben. Wenn mir der Präsident von Rot-Weiß Oberhausen sagt‚ dass bei ihm die Sektkorken knallen, wenn es bei einem Konkurrenten den Bach runter geht, dann ist das zwar ehrlich, zeigt aber auch das Dilemma. Man sieht sich als Konkurrent, als Rivale. Wenn sich die ganzen Traditionsvereine von Eintracht Trier über Alemannia Aachen, Rot-Weiss Essen oder Energie Cottbus zusammentun würden, stünden eine enorme Fanmasse und eine regionale Breite dahinter. Dann könnte man klarmachen, dass wir nicht von unterklassigem Fußball reden, der zu vernachlässigen ist, sondern von Vereinen, die nicht nur Tradition haben, sondern die auch in der Gegenwart Hunderttausende Menschen interessieren – und dass man die am langen Arm verhungern lässt. Wenn du seriös arbeitest, musst du ein Riesenglück haben, um aus der Regionalliga hochzukommen. Du bist quasi gezwungen, dich finanziell zu übernehmen – und dann kommen DFB und DFL und sagen: ‚Ätsch, hättet ihr mal vernünftig gewirtschaftet!’ Das ist zynisch.