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| 12:46 Uhr

Fußball-Moderator Arnd Zeigler im Interview
„Ich finde so eine Frage einfach ungehörig“

Arnd Zeigler im Studio seiner Sendung „Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs“.
Arnd Zeigler im Studio seiner Sendung „Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs“. FOTO: Ben Knabe / picture alliance / Ben Knabe/WDR
Trier. Mit seiner Sendung „Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs“ ist Moderator Arnd Zeigler jeden Sonntag im WDR zu sehen. Im Interview mit Sportredakteur Marek Fritzen hat der Stadionsprecher von Werder Bremen nun über den Konflikt zwischen Eintracht Frankfurt und der AfD, ungehörige Journalistenfragen, Kacktore und gähnende Langeweile in der Bundesliga gesprochen. Von Marek Fritzen
Marek Fritzen

Herr Zeigler, Sie als Werder-Experte, können Sie sich noch an das letzte Spiel zwischen Eintracht Trier und Werder Bremen erinnern?

Arnd Zeigler: Oh, da muss ich mal überlegen. Das müsste ein Pokalspiel gewesen sein.

Stimmt, es war ein Bremer Heimspiel.

Zeigler: In Bremen, echt? (Schweigen) Wow, da bin ich gerade völlig überfragt.

Soll ich es auflösen?

Zeigler: Ja, bitte.

Es war am 9. November 2004, Werder empfing die Eintracht im Pokal-Achtelfinale. Während der regulären Spielzeit trafen Antun Labak für Trier und Daniel Jensen für Bremen, mit 1:1 ging’s in die Nachspielzeit, in der Werder schließlich 3:1 gewann.

Zeigler: Stimmt, da war ich ja schon Stadionsprecher bei Werder. Umso schlimmer, dass ich mich jetzt nicht direkt erinnern konnte (lacht).

Was verbinden Sie denn sonst mit Eintracht Trier?

Zeigler: Im Wesentlichen zwei Dinge: Zum einen bin ich in den 70er Jahren in Sachen Fußball sozialisiert worden, da habe ich die Eintracht in der 2. Bundesliga mitbekommen. Zum anderen natürlich die Pokal-Sensations-Saison 1997/1998 mit Rudi Thömmes.

Seit dem letzten Duell zwischen Bremen und Trier im Jahr 2004 ging’s stetig bergab für die Eintracht, sie spielt heute in der Oberliga. Inwieweit trifft Sie solch ein Niedergang eines Traditionsclubs?

Zeigler: „Trifft“ wäre jetzt ein zu großes Wort, aber ich bedaure das schon sehr, weil es viele Clubs gibt, die diesen Weg gehen und es für viele schwer ist, nochmal den Rückweg einzuschlagen. Für mich ist gerade so ein Schicksal wie das von Eintracht Trier immer etwas sehr Bedauerliches und eigentlich auch ein Grund dafür, warum ich jeden Sonntagabend einmal alle Regionalliga- und Oberliga-Tabellen durchklicke, um zu sehen, wer wie gespielt hat.

Sehen Sie denn eine realistische Chance, dass Traditionsclubs wie Eintracht Trier, Waldhof Mannheim, der 1. FC Saarbrücken oder Kickers Offenbach auf Dauer den Weg zurück in die 1. oder 2. Bundesliga schaffen können, oder ist der Zug abgefahren?

Zeigler: Das ist schwierig zu sagen. Was man als Verein grundsätzlich braucht, ist eine Art Geschäftsmodell. Eine Vision, eine Haltung, eine eigene Identität. Man muss sich im Klaren sein: Wer sind wir eigentlich? Für was soll unser Verein stehen? Du musst eine Idee haben, wie man sich mit anderen Teams messen kann, ohne dass jemand kommen muss, der dir Millionen zuschiebt und den Verein auf links zieht. Das heißt: Ein Traditionsclub wie Eintracht Trier muss es, nur als ein mögliches Beispiel, hinkriegen, gute Nachwuchsspieler für sich zu begeistern, sie davon überzeugen, dass es ein lohnendes Ziel ist, für einen Club wie die Eintracht in der E-, C- und D-Jugend zu spielen.

Aber ohne Geld geht’s auch nicht …

Zeigler: Nein, das stimmt. Das Ding ist eben, und das ist auch das Schlimme, dass man als Verein mittlerweile ohne einen externen Geldgeber im Profibereich keine große Rolle mehr spielen kann. Vor 30, 40 Jahren konntest du als Verein mal etwas aufbauen, weil du vielleicht einen tollen Cheftrainer hattest, einen super guten Jugendjahrgang, einen seriösen Plan, eine treue Fan-Schar. Das ist unwiederbringlich vorbei. Wenn man sich anschaut, wer in den vergangenen Jahren mehrfach aufgestiegen ist, waren das keine Vereine, die das nur geschafft haben, weil sie besonders gute Trainer hatten oder sportlich gut gewirtschaftet haben. Das waren Clubs, bei denen plötzlich Geld da war.

In Ihrer Sendung „Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs“ sammeln sie zahllose Fan-Sammlerstücke von allen möglichen Clubs. Besitzen Sie auch etwas von Eintracht Trier?

Zeigler: (Überlegt) Einen Schal oder ähnliches nicht, nein. Was ich allerdings habe, ist das alte Wappen der Eintracht aus den 70ern. Es gehört zu Magnettabellen der 1. und 2. Liga, die ich noch von früher besitze. Diese alten Wappen früher mal größerer Vereine, also als Beispiel die von Hessen Kassel, Union Solingen oder dem VfR Bürstadt – sind etwas, das ich einfach schön finde.

Das heißt, wenn ein Eintracht-Fan das hier liest, kann er Ihnen etwas vorbeischicken und das findet dann seinen Platz im Studio?

Zeigler: Klar, auf jeden Fall, sehr gerne. Wie groß ist eigentlich derzeit noch das Fan-Aufkommen bei Eintracht-Heimspielen in der Oberliga?

Zuletzt waren es immer noch so um die 800 Zuschauer.

Zeigler: Oh, es wird einfach Zeit, dass die Eintracht wieder weiter oben spielt, auf lange Sicht zumindest mal wieder in der 3. Liga.

Schauen wir mal auf Ihre Sendung: Seit mehr als zehn Jahren sind Sie mit „Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs“ jeden Sonntag im WDR zu sehen. Wie kam es eigentlich zur Idee für dieses etwas andere Format?

Zeigler: Ich mache das schon sehr viel länger im Radio. Dort heißt die Serie auch „Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs“, und läuft bereits seit über 20 Jahren. Die Idee für das Format entstand so: Das alte, nächtliche WDR-Format „Sport im Westen“ hatte nicht mehr viele Zuschauer, daher wollte der Sender etwas ändern. Das neue Format sollte mit Fußball zu tun haben, aber nicht mit der konventionellen Berichterstattung. Daraufhin hatte WDR-Redakteur Christian Wagner die Idee: „Lasst uns doch mal den Zeigler fragen, ob er Lust hat, ein schräges Fernsehformat daraus zu machen.“ So kam das.

Stimmt es, dass Sie aus den eigenen vier Wänden senden?

Zeigler: Ja, das stimmt. Die Sendung wurde ursprünglich in der Wohnung produziert, in der ich mit meiner Familie lebte. Als wir die Wohnung aufgrund von Eigenbedarf verlassen mussten, hatte ich echt Bammel, dass der WDR sagt: „Nein umziehen ist nicht, das ist uns zu aufwendig, dafür ist uns die Sendung nicht wichtig genug.“ Aber glücklicherweise haben sie das nicht gesagt und stattdessen gemeint: „Nein komm, das machen wir jetzt richtig.“

Und wie sah das dann aus?

Zeigler: Wir haben um die Ecke ein Haus gefunden, in dem sich oben nicht nur die Wohnung befindet, in der ich heute mit meiner Familie wohne, sondern auch noch zwei weitere Etagen frei wurden, die wir für die Sendung nutzen können.

Sie leben also die ganze Woche über dem Studio?

Zeigler: Genau. Der Wohnbereich ist über dem Sendebereich.

Wie groß ist das Team, das da jeden Sonntag durchs Haus stapft?

Zeigler: Wir sind ein sehr kleines Team, wie eine Familie. Ein Redakteur reist jeden Sonntag vom WDR aus Köln an, außerdem kommt ein Techniker dazu. Alles sehr kumpelig.

Was sagt denn Ihre Familie dazu, dass Sie jeden Sonntagabend im Studio verbringen?

Zeigler: Für die ist das nach so langer Zeit völlig normal. Als mein Sohn eingeschult worden ist – heute ist er 17 – ist er davon ausgegangen, dass jeder Vater zu Hause eine Fernsehsendung produziert. Er hat seine Freunde gefragt: „Was macht dein Vater denn für eine Sendung?“ Der kennt das einfach nicht anders, meiner fünfjährigen Tochter geht’s genauso. Die kommt sonntags vor der Sendung immer nochmal runter, läuft im Studio rum, versteckt sich. Die Sendung ist ins Familienleben integriert.

In Ihrer Sendung vom 4. Februar haben Sie an den kürzlich verstorbenen Trainer Rolf Schafstall erinnert. Warum haben Typen wie er, die auch mal einen markigen Spruch raushauen, im heutigen Fußball so gut wie keinen Platz mehr?

Zeigler: Es gibt solche Typen auch heute noch, so ist das nicht. Ich weiß nur nicht, ob die Medienlandschaft auch noch so ist, dass sie diese Typen leben lässt. Ich denke, wenn einer wie Rolf Schafstall heute permanent vor Kameras stehen müsste, dann wäre das auch nicht mehr seine Welt.

Aktuell sorgt ein Interview von RB-Sportdirektor Ralf Rangnick für Aufregung, das er dem Playboy gegeben hat, das das Magazin allerdings nicht abgedruckt hat, weil es von RB „kaputtautorisiert“ worden sei. Der Interviewer Thilo Komma-Pöllath kritisiert nun den Umgang mit den Medien im Profifußball. Er sagt: „Übervorsichtige Spieler und Akteure lassen nur noch systemkonforme Journalistenfreunde an sich heran, denen sie oft nur Banalitäten anvertrauen. Die aber exklusiv." Inwiefern hat er Recht?

Zeigler: In dem Zusammenhang ist es schön, beide Seiten zu kennen – für Werder zu arbeiten und auch in den Medien.

Das heißt?

Zeigler: Ich kann einerseits sehr gut verstehen, dass dieses Interview nicht gedruckt worden ist – und finde das auch gut! Ich denke, man muss sich als Verein der Verantwortung bewusst sein, dass man kein reines Marketing- und Kunstobjekt ist, sondern auch die Verpflichtung hat, den Medien fair gegenüberzutreten. Es sollte schon so sein, dass man im Stande ist, ein Interview zu geben, das hinterher auch gedruckt werden kann, ohne dass es die Presseabteilung des Clubs total umschreibt. Ralf Rangnick ist schließlich kein dummer Mensch, den man vor sich selbst schützen muss. In diesem Fall geht‘s um totales Glattbügeln der Antworten durch die Presseabteilung, das finde ich echt unschön.

Klingt so, als käme noch ein „Aber“ …

Zeigler: Ja, denn auf der anderen Seite ist es so, dass ich auch an vielen Medien Kritik üben muss. Denn wenn ich auf einer Pressekonferenz merke, dass es Journalisten gibt, die ihren Job in meinen Augen verfehlt haben, weil sie Fragen stellen, von denen sie die Antworten eigentlich schon kennen, einfach nur, um ihr Gegenüber vorzuführen. Dann kann ich schon verstehen, dass man da als Verein ein Auge drauf haben muss, um nicht ausgetrickst zu werden.

Haben Sie ein Beispiel?

Zeigler: Ein gutes Beispiel in diesem Zusammenhang ist das ZDF-Sportstudio vom vergangenen Samstagabend. Da war der Präsident von Eintracht Frankfurt Peter Fischer zu Gast, der gerade unter Beschuss steht, weil er keine AfD-Mitglieder in seinem Verein haben möchte.

Fischer sagt, AfD-Mitglieder könnten keine Eintracht-Mitglieder sein, weil es unvereinbar mit den Werten und Idealen des Vereins sei, gleichzeitig die AfD zu wählen …

Zeigler: Genau, und Fischer ist vom Moderator unter anderem gefragt worden, ob er diese Aussagen nicht einfach nur als populistische Aktion benutzt habe, um im Rahmen der Eintracht-Vorstandswahlen wiedergewählt zu werden. Dazu muss man wissen: Fischer hatte bei den Vorstandswahlen gar keinen Gegenkandidaten und wurde am Ende mit 99 Prozent der Stimmen gewählt. Und die Frage ist alleine deshalb schon Unfug, weil Fischer damit ja keinen bequemen populistischen, sondern einen unbequemen polarisierenden Weg gewählt hat. Ich finde so eine Frage deshalb einfach ungehörig. Man wusste genau, dass es nicht so ist, aber der Moderator wollte nur schauen, ob Fischer zuckt. Da finde ich es halt auch verständlich, wenn Vereine wachsam sind, und sich nicht verarschen lassen wollen. Aber nochmal: Die Medien verstehe ich auch, wenn sie sagen: „Wir wollen ein authentisches Interview haben und nichts, was von der Medienabteilung des Vereins glattgebügelt und chemisch gereinigt wurde.“ Beide Seiten müssen zusehen, dass sie sich nicht zu weit voneinander entfernen.

Wie stehen Sie denn zu Fischers Aussagen bezüglich der AfD und einer Eintracht-Mitgliedschaft?

Zeigler: Die sind zunächst mal ungewöhnlich und problematisch in der Hinsicht, dass man natürlich keine Gesinnungsschnüffelei betreiben kann. Ein Fußballclub kann nicht sagen, wenn ihr in unseren Verein eintreten wollt, sagt mir erst mal, welche Partei ihr wählt. Allerdings sollte man sich schon selbst überprüfen, ob man Positionen vertritt, die mit der Haltung eines Fußballvereins, in dem es um Integration, Weltoffenheit und Miteinander geht, vereinbar sind. Es ist eben so, dass man aufgrund vieler Erfahrungen der letzten Monate die Vermutung hat, dass es den Leuten, die die AfD aus Überzeugung wählen, um diese Faktoren eben nicht in erster Linie geht. Das sind ja Leute, die wählen nicht die AfD, weil sie sagen, ich bin ein total weltoffener Mensch und Integration ist mir ganz wichtig. Eher das Gegenteil. Deswegen finde ich wie gesagt: Es ist schwierig, die Mitgliedschaft in einem Fußballverein von der Zugehörigkeit in einer bestimmten Partei abhängig zu machen, aber ich finde es ganz wichtig, dass man als Verein eine Haltung hat, und die auch offen propagiert.

Stichwort Haltung: Neben Peter Fischer und Freiburgs Coach Christian Streich gibt’s nicht viele Trainer, Profis oder Funktionäre, die sich offen zu politischen Themen äußern. Wieso glauben Sie, ist das so?

Zeigler: Das ist eine Wechselbeziehung. Wenn man sieht, wie das Interview mit Peter Fischer im Sportstudio gelaufen ist, kann ich verstehen, dass viele Vereinsvertreter sagen: „Wenn es so läuft, habe ich darauf keinen Bock.“ Aber ich würde mir schon wünschen, dass sich mehr Sportler wie Christian Streich zu Themen äußern, die sie gerade sehr bewegen. Man sollte es grundsätzlich honorieren, wenn Leute sich öffentlich auch unbequeme Rollen suchen, diese auch erfüllen und ihnen anzumerken ist, dass sie das aus Überzeugung tun.

Die Zuschauer würde das sicher freuen.

Zeigler: Ja, das kann sein. Nur es ist dann auch wichtig, dass die Medien diese offenen Äußerungen honorieren, ohne sich mit den jeweiligen Personen gemein zu machen und gleichzeitig auch nicht sagen: „Das ist aber verdächtig. Schauen wir doch mal, ob das wirklich so gemeint war, oder doch vielleicht nur eine PR-Aktion dahintersteckt.“

Also Politik und Fußball sollten Ihrer Meinung nicht getrennt werden?

Zeigler: Man kann das nicht trennen. Klar, es geht gar nicht, als Verein zu sagen: „Wir würden es total gut finden, wenn ihr alle bei der nächsten Bundestagswahl die SPD wählt.“ Aber ein Bundesligaclub kann effektiv für gesellschaftliche Dinge eintreten. So ist es in meinen Augen sehr wichtig, homophoben oder rassistischen Tendenzen in Stadien entschieden entgegenzutreten. Ich finde, es gibt Werte, die wir schützen müssen. Auch wenn es ein altmodisches Wort ist: Anstand ist wichtig und der vereinbart sich nicht mit Ausgrenzung, Hass und Rassismus. Das sollte ein Fußballverein vorleben.

Machen wir mal einen Schnitt und schauen auf den Bundesliga-Abstiegskampf: Wie sehr würden Sie als Werder-Fan eigentlich dem HSV den Abstieg gönnen?
Zeigler: Oh, das ist eine ganz schwierige Frage (lacht). Ich habe viele Freunde, die HSV-Fans sind, mit denen ich auch leide, weil ich weiß, wie beschissen es denen gerade geht. Auf der anderen Seite sage ich aber auch: Der HSV hat es jetzt aber langsam echt mal mit allen Fasern verdient abzusteigen. Das meine ich ganz ohne Häme. Es darf nicht über so viele Jahre immer wieder gutgehen, was die machen.

Die Frage, was die da in der Hansestadt machen, stellen sich viele Außenstehende seit Jahren …

Zeigler: Ja, und das zurecht. Der HSV hat in den vergangenen Jahren fast so viel Geld für Spielertransfers ausgegeben wie RB Leipzig. Da muss man schon verdammt konsequent ganz viel falsch machen, um nicht wenigstens im Mittelfeld der Tabelle zu landen. Mittlerweile muss sich jeder Spieler, der zum HSV wechselt, bewusst sein, dass er sich damit potenziell seine Karriere zerschießt. Lewis Holtby war mal ein richtig toller Fußballer, auf seiner Position einer der wirklich Guten in Deutschland. Den wollen sie beim HSV jetzt loswerden, weil er zu viel Geld verdient und nichts mehr auf die Reihe kriegt. Bobby Wood war mal ein Top-Stürmer, dem haben sie beim HSV im Sommer einen unfassbaren Vertrag gegeben. Auch der kriegt seitdem keinen Fuß mehr vor den anderen. André Hahn haben sie aus Gladbach geholt – es passiert genau dasselbe wie mit Wood und Holtby. Sie verpflichten teure Brasilianer als Statusobjekte, die in Rekordzeit zu Mitläufern schrumpfen. Da frage ich mich schon: Was passiert da eigentlich?

Einem Verein, dem es aktuell sportlich noch schlechter geht als dem HSV ist der 1. FC Köln. Vor Weihnachten haben Sie Ihre Sendung im roten FC-Weihnachtspulli moderiert. Heißt das, Sie tragen neben Werder auch den 1. FC Köln im Herzen?

Zeigler: Es kann nur einen Lieblingsverein geben und das ist für mich Werder Bremen. Da kann nicht mal annähernd ein anderer Verein herankommen. Aber natürlich mag man als Fußballfan neben seinem Lieblingsverein auch noch andere Clubs. Durch meine Sendung habe ich Kontakt zu vielen Vereinen, so auch zum FC. Bei den Kölnern kommt noch hinzu, dass mein Sohn in Köln geboren ist und die Redaktion meiner Sendung dort sitzt.

Wir haben viele FC-Fans im Verbreitungsgebiet: Glauben Sie, die Anhänger können sich noch realistische Hoffnungen auf den Klassenerhalt machen?

Zeigler: Ich glaube, die Chance ist gar nicht mal so winzig. Was mich allerdings ein bisschen überfordert ist die Tatsache, dass ich wie viele Menschen im Dezember der Meinung war, die Entlassung von Peter Stöger sei ein ganz großer Fehler gewesen. Doch wenn es der Club nun tatsächlich noch schaffen sollte, in der Liga zu bleiben, dann muss ich zugeben: Auch wenn das mit Stöger vielleicht nicht sympathisch war, war es dennoch die richtige Entscheidung. Ich habe das auch in meiner Sendung damals angeprangert und mich für sehr schlau gehalten. Wenn sie es schaffen, werde ich Abbitte leisten (lacht).

Schauen wir mal zehn Jahre nach vorne: Wird es bis 2028 auch mal wieder einen anderen Meister geben als den FC Bayern München oder verkommt die Bundesliga zur Gähn-Veranstaltung?

Zeigler: Ich finde, es ist eine der negativen Erscheinungen der letzten zehn Jahre, dass die Spannung in der Bundesligaspitze komplett verloren gegangen ist. Man braucht nur mal einen Blick aufs erste Jahrzehnt dieses Jahrtausends zu werfen: Da wurde mal Bremen Meister, mal der BVB, mal Wolfsburg oder Stuttgart. Es stand fest: Wenn die Bayern in einem Jahr mal nicht so gut drauf sind, dann sind andere Teams da, die sich den Titel holen können.

Das kann jetzt nicht mehr passieren in Ihren Augen? Was ist denn mit den finanzstarken Leipzigern?

Zeigler: Ein Club wie RB mit seinen scheinbar unbegrenzten finanziellen Mitteln wird auf Dauer auch merken, dass es schwer wird, den Bayern auf Strecke das Wasser abzugraben. Die Bayern haben sich in den vergangenen Jahren einen uneinholbaren finanziellen Vorsprung erarbeitet. Daher befürchte ich in den kommenden Jahren eine ganz schlimme Langeweile.

Das sind ja unschöne Aussichten …

Zeigler: Moment mal, das bedeutet ja nicht, dass wir den Spaß am Fußball verlieren. Dann bringt eben der Abstiegskampf oder der Kampf um die Europa-League-Plätze die Spannung– das werden dann die kleinen Meisterschaften.

Oder man geht in die Oberliga oder Regionalliga und schaut sich da spannende Partien an …

Zeigler: Genau. Ich gehe zum Beispiel regelmäßig zu den Spielen von Werder II in der 3. Liga. Fußball muss nicht unbedingt Champions-League-Format haben, um Spaß zu machen.

Glauben Sie denn, dass die Spannung im Oberhaus zurückkehrt, wenn die 50+1-Regel doch noch kippt?

Zeigler: Nein, das glaube ich nicht, bei dem Vorsprung, den die Bayern haben. Was würde denn passieren, wenn Martin Kind dieses Tor nun doch geöffnet hätte und Hannover 96 – was komplett utopisch ist – 300 Millionen Euro ausgeben könnte? Dann würden sie dennoch kein Bayern-Jäger, weil der FCB noch mehr Geld ausgeben könnte. Das würde vielleicht punktuell etwas ändern, aber nicht dazu führen, dass plötzlich drei, vier Mannschaften große Meisterschaftsanwärter werden würden. Das ist das, was alle vergessen, die verstärktes Engagement von Investoren für einen guten Weg halten: Diese Investoren dürfen dann überall einsteigen. Es hat nicht nur der eigene Verein andere Möglichkeiten, sondern alle Vereine. Und dadurch wird nichts Nachhaltiges verbessert. Es ist einfach mehr Geld im Topf und wir werden dann Verhältnisse haben wie in England, wo jeder Popelverein Spieler für zweistellige Millionenbeträge verpflichten kann und muss, weil der Markt aufgepustet wird.

Herr Zeigler, zum Abschluss müssen Sie unbedingt noch eins erklären: In Ihrer Sendung küren Sie regelmäßig das „Kacktor des Jahres“. Was braucht es bitte für ein richtig gutes Kacktor?

Zeigler: Die schönsten Kacktore zeichnen sich dadurch aus, dass man zwar versuchen könnte, sie nachzustellen, es aber niemals hinbekommen würde, weil sie so nicht geplant waren. Der Körper tut Dinge, die kein Gehirn denken kann. Dadurch entsteht so eine Art Bewegungs-Poesie, die man sich einfach nicht ausdenken kann (lacht).