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Groundhopping-Bericht: Racing Club de Avellaneda gegen CA Independiente

So kickt die Welt: Lesergeschichten vom Fußball rund um den Globus - Teil 5 : Willkommen in der Nachbarschaft!

Kurioser Vorverkauf und 300 Meter voneinander entfernte Stadien: Was ein TV-Leser beim zweitwichtisgten Derby Argentiniens erlebt hat.

Fußballfans in Deutschland kennen es: das Derby des eigenen Vereins. Der Traum eines jeden Anhängers. Für manche bleibt es ein Leben lang nur ein Traum. Wochen, ach was, Monate vorher beginnt der Vorverkauf. Und selbst dann bleiben aufgrund von Fanclubs und Dauerkartenbesitzern für den freien Verkauf oft nur – verhältnismäßig – wenige Tickets. Der Kartenkauf wird zum Glücksspiel, wer ein Ticket ergattert, ist der Gewinner. Anderes erleben zwei Fußballfans aus der Region 2011 in Argentinien. Das Derby zwischen  Racing Club de Avellaneda und CA Independiente wird dort erst wenige Tage vor dem Spiel auf den Sonntag terminiert.

Der Vorverkauf startet erst am Donnerstag vor dem Spiel – und sieht komplett anders aus als in Deutschland. Während hier ein Großteil der Tickets über das Internet angeboten werden, heißt es in Buenos Aires: Schlangestehen wie in alten Zeiten. Und so stehen die zwei Deutschen in einer häuserblocklangen Schlange – und hoffen, nicht leer auszugehen.

Die zwei Deutschen sind Christoph Schneller (36) aus Wittlich und sein Begleiter. Schneller ist Groundhopper (Erklärung siehe Info) und hat 694 Stadien in 80 Ländern dieser Welt besucht. In der Serie „So kickt die Welt“, erzählt der TV heute eine seiner Geschichten. Es ist die eines der wichtigsten Derbys Südamerikas – das in einer Schlange beginnt.

Eins können sie laut Christoph Schneller, die Argentinier: Schlangestehen. Höchst diszipliniert stehen Tausende Menschen. Kein Vordrängeln, kein Meckern – jeder kommt ran. Und so erstehen auch die beiden Reisenden Tickets für Racing gegen Independiente. Das Spiel ist der „Clasico de Avellaneda“, die zweitwichtigste Rivalität in Argentinien – nur getoppt vom Superclasico zwischen Boca Junios und River Plate in Buenos Aires. Racing wurde bisher 18-Mal Meister, Independiente 16-Mal.

Wenn der Ausdruck „Derby“ sich mit einem „Nachbarschaftsduell“ übersetzen lässt, dann stimmt das bei diesem Spiel auch wortwörtlich. Die beiden Stadien liegen nur 300 Meter voneinander entfernt. Das Estadio Libertadores de América (Independiente) und das Estadio Presidente Juan Domingo Perón (Racing Club) fassen jeweils mehr als 50 000 Zuschauer. In Letzterem befinden sich Christoph Schneller an diesem Tag. Bereits eine Stunde vor dem Spiel ist das Stadion gut gefüllt und beide Seiten zelebrieren lautstarke Gesänge, in denen dem Gegner – wie in einem Derby üblich – nicht gerade das Beste gewünscht wird.

Für die Reisenden ist es ein Wahnsinn, mit welcher Leidenschaft und wie melodisch 50 000 Fans zusammen feiern können – aber auch wie sich etwa 3000 Gäste dennoch Gehör verschaffen können. Als die Spieler schließlich einlaufen, verschwinden alle Tribünen unter Konfetti, Luftballons, weißen und blauen Rauchbomben (die Vereinsfarben von Racing), Fahnen, Regenschirmen (ein in Argentinien sehr beliebtes Stilmittel) und das ganze Stadion singt, hüpft und klatscht.

Es wird noch besser: Nach drei Minuten führt Racing mit 1:0, das Stadion bebt. Bei all’ dem, was Christoph Schneller in den Stadien dieser Welt erlebt hat, bezeichnet er das als „einer der geilsten Momente“. Doch als Racing das Fußballspielen einstellt und das 1:1 kassiert, flacht auch die Stimmung ab.

Denn auch sie sind sie, die argentinischen Fans: äußerst spielabhängig. Wer bei einer fußballerisch schwachen Partie – wie diesem – erwartet, dass 90 Minuten lautstark von der ganzen Kurve mitgegangen wird, liegt falsch. Auch die Lieder- und Melodienauswahl ist recht überschaubar und bei fast allen Vereinen gleich. Wenn das Spiel allerdings gut läuft, kann es auch passieren, dass der 80-jährige Opa mit seinem 12-jährigen Enkel auf der Tribüne tanzt oder Diego Maradonna oberkörpferfrei und T-Shirt schwingend in seiner Loge bei den Boca Juniors steht. Alles schon passiert.

Schon vor dem Derby Racing Club de Avellaneda gegen CA Independiente feiern die Fans vor dem Stadion. Foto: Christoph Schneller

Fazit: Wenn’s auf dem Platzt läuft, wird es in der Kurve laut. Und leider läuft bei Racing gegen Independiente auf dem Rasen diesmal nicht viel. Deshalb sind von den Rängen auch fast nur die Gäste von Independiente, den „Diablos Rojos“ (roten Teufel) zu hören. Am Ende steht ein müdes 1:1. Nach dem Spiel erlauben sich die Independiente-Fans noch einen kleinen „Spaß“. Zunächst sei erklärt, dass die Gästefans das Stadion zuerst verlassen müssen. Wenn diese sich aber vornehmen, nicht zu gehen, dann warten die Heimfans in ihrem Block. So auch hier: Weil die Gäste in ihrem Bereich verharren, stehen Christoph Schneller, sein Begleiter und die Racing-Fans über eine Stunde lang im Stadion. Und so endet die Geschichte des Clasico de Avellaneda wie sie begonnen hat: mit Warten.