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Interview mit Ex-FC-Spieler Matthias Scherz

Kostenpflichtiger Inhalt: Interview Matthias Scherz : „Mit Trainingsklamotten in die Disco“ – Erinnerungen an einen großen Kölner Fußball-Moment

Vor 20 Jahren feierte der 1. FC Köln den ersten Bundesliga-Wiederaufstieg seiner Geschichte: Matthias Scherz war damals mittendrin. Ein Gespräch über Friseurtermine, Kölner Partys, verbale Attacken von Zettel-Ewald und eine Besonderheit des Trierer Moselstadions.

Im Mai vor 20 Jahren ist die Fußball-Welt in Deutschland noch in Ordnung. Corona? Nie gehört. Der FC Bayern München sichert sich nach einem irren Meisterschaftsendspurt die Deutsche Meisterschaft vor Bayer Leverkusen. Der 1. FC Kaiserslautern zieht in den Uefa-Cup ein und in Liga zwei feiert ein Traditionsclub vom Rhein seine Wiederauferstehung: Nachdem der 1. FC Köln 1998 unter Tränen zum ersten Mal aus der 1. Liga abgestiegen war, in der darauffolgenden Spielzeit 98/99 eine miserable Runde in Liga 2 hingelegt und nur Rang zehn erreicht hatte, gelang dem FC im Jahr darauf endlich der Wiederaufstieg.

Als Zweitliga-Meister kehrte das Team von Trainer Ewald Lienen gemeinsam mit dem VfL Bochum und Energie Cottbus ins Fußball-Oberhaus zurück. Mittendrin damals: Matthias Scherz. Der Stürmer, der bis 2009 für den FC aktiv war und bei den Geißböcken zum Fanliebling avancierte, war im Sommer 1999 vom FC St. Pauli an den Rhein gewechselt und hatte erheblichen Anteil am 2000er Aufstieg.

20 Jahre danach spricht der mittlerweile 48-Jährige im Interview mit Volksfreund-Redakteur Marek Fritzen über verbale Attacken von Zettel-Ewald, einen ganz bestimmten Ort im Trierer Moselstadion, Friseurbesuche und sein neues Leben.

Herr Scherz, Deutschland atmet auf, seit Montag haben die Friseure wieder geöffnet, alle wollen sich die Haare schneiden lassen. Wie sieht‘s bei Ihnen aus: Sitzt die Frisur?

Matthias Scherz (lacht) Klar, die sitzt. Aber dafür brauche ich keinen Friseur. Ich gehe da den einfachen Weg. Für meine paar Haare reicht eine Maschine.

Mal ehrlich: Wann haben Sie zuletzt einen ganzen Tag lang nicht an Corona denken müssen?

So sehen Aufsteiger aus: Fans des 1. FC Köln feiern am 8. Mai den Bundesligaaufstieg ihres Clubs nach einem 5:3 bei Hannover 96. Foto: picture-alliance / dpa/Rainer_Jensen

Scherz Puh, ich glaube das war an Karneval. Schon einige Wochen her.

Wann war Ihnen klar, dass da was Gravierendes auf uns zukommt?

Scherz Ich hätte am Anfang ehrlich gesagt nicht gedacht, dass das so gravierend wird. Dass so viele Menschen in Kurzarbeit müssen, man die sozialen Kontakte so zurückfahren muss – das ist schon ein herber Einschlag in unser Leben. Ich muss auch echt sagen: So langsam nervt’s.

Wie hat sich Ihr Alltag in den vergangenen Wochen verändert?

Scherz Extrem. Wie alle Menschen können wir Familie und Freunde nicht mehr treffen, sie nicht mehr in den Arm nehmen. Wir haben das soziale Leben komplett zurückgefahren, auch keinen Kontakt mehr zu meinen Schwiegereltern, die hier im Ort wohnen. Auch wenn die Kinder auf der Straße spielen, haben wir immer ein Auge darauf, ob die Abstände eingehalten werden.

Am Mittwoch hat die Politik die Bahn frei gemacht für eine Bundesliga-Fortsetzung. Wenn Sie heute noch als Spieler aktiv wären: Würden Sie spielen wollen oder hätten Sie ein mulmiges Gefühl?

Scherz Nein, ich hätte überhaupt kein mulmiges Gefühl. Wenn sich die Mannschaften inklusive Betreuer in Hotels niederlassen, wie vorgesehen regelmäßig getestet werden – genau wie deren Partner und Kinder – dann sehe ich kein Ansteckungsrisiko. Auch wenn viele eine Bundesliga-Fortsetzung nun kritisieren, halte ich das für richtig. Schließlich hängen auch sehr viele Arbeitsplätze daran.

Beim 1. FC Köln gab es zuletzt mit Birger Verstraete einen Spieler, der Bedenken gegenüber des Neustarts öffentlich ausgesprochen hat – dann jedoch vom Club zum Rapport gebeten wurde und seine Äußerungen schließlich revidierte – was sagen Sie dazu?

Scherz Wenn ein Spieler, wie in dem Fall nun Birger Verstraete, im nahen familiären Umfeld jemanden hat, der durch Covid-19 besonders gefährdet ist (Anm. d. Red.: Die Lebensgefährtin Verstraetes ist herzkrank), dann kann ich seine Bedenken schon gut verstehen. Dann sollte man seine Meinung auch frei äußern dürfen. Auch wenn Club und Spieler in diesem Fall offiziell gemeinsam zurückgerudert sind, entsteht schon der Eindruck, dass der Spieler zurückgepfiffen wurde.

Auch gegen Eintracht Trier hat Matthias Scherz (l) mit dem FC mehrmals gespielt. Diese Aufnahme stammt aus dem Jahr 2005 und zeigt Scherz im Duell mit dem Ex-Trierer Jesus Sinisterra. Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb/Rolf Vennenbernd

Lassen wir das Thema Corona mal hinter uns und schauen auf Ihre aktive Zeit: Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie an Eintracht Trier denken?

Scherz Da fällt mir sofort Triers Trainer Paul Linz ein, zudem Nico Patschinski. Aber auch das Moselstadion habe ich noch gut in Erinnerung.

Aus welchem Grund?

Scherz Ach, das waren immer tolle Duelle dort, mit vielen Zweikämpfen und guter Stimmung. Und die Kabine, die war auch nicht schlecht.

Wieso?

Scherz Die war richtig klein und eng. Ich weiß noch, dass wir uns da mit unserem gesamten 18-Mann-Kader nie gleichzeitig umziehen konnten. Zuerst die erste Elf, dann die Ersatzspieler (lacht). Das war Fußball, wie man ihn gerne gesehen hat. Das war halt Trier. Ein kleiner toll geführter Club zu diesem Zeitpunkt, der das Maximum aus seinen Möglichkeiten gemacht hat. Ich habe in Trier auch mal getroffen …

Stimmt, am 8. Dezember 2002.

Scherz Das Datum hätte ich jetzt nicht mehr gewusst, aber wir haben 3:2 gewonnen, und ich habe das 1:0 geköpft nach einer Ecke.

Wow, nicht schlecht, korrekt.

Scherz Wer hat noch getroffen? Carsten Cullmann, oder?

Insgesamt vier Aufstiege hat Matthias Scherz mit dem 1. FC Köln geschafft. Hier duelliert sich der heute 48-Jährige im Mai 2000 mit Hannovers Altin Lala. Köln gewann 5:3 und stieg in die Bundesliga auf. Foto: picture-alliance / dpa/Holger_Hollemann

Genau, erst erzielte Roland Benschneider das 1:1 für Trier, dann brachten Cullmann und Markus Kreuz den FC 3:1 in Führung und gegen Ende konnte Danny Winkler noch mal auf 2:3 verkürzen.

Scherz Ja, ich erinnere mich. Das war echt ein verboten schweres Geläuf in Trier damals. Und wir hatten brutal schwere Beine, da wir gerade aus einer Englischen Woche kamen. Aber da muss ich noch was fragen …

Ja, bitte?

Scherz Wir haben ja glaube ich zwei gemeinsame Spielzeiten mit Trier in der 2. Liga gehabt: Haben wir da eigentlich beide Heimspiele in Köln gegen die Eintracht verloren?

Ja, genau.

Scherz Ohje, ich wusste es doch, da war was. Ein 1:3 und ein 1:2, oder?

Richtig.

Scherz Schade, dass Trier mittlerweile so abgestürzt ist – Regionalliga, oder?

Nein, Oberliga …

Scherz Traurig, echt, wenn Traditionsvereine so weit absinken. Trier ist ja nicht der einzige Club in Rheinland-Pfalz, dem es so ergangen ist.

Matthias Scherz im Jahr 2020. Foto: privat/Christian Hütz

Schauen wir mal ein Stück weiter zurück: 20 Jahre ist es in diesen Tagen her, dass der 1. FC Köln in der Saison 1999/2000 zum ersten Mal in seiner Geschichte den Wiederaufstieg in die 1. Bundesliga feiern konnte – Sie waren mittendrin. Was war das damals für ein Team?

Scherz Die Mannschaft war voller echter Kölner: Carsten Cullmann, Dirk Lottner, Markus Pröll, Markus Kurth, Alexander Voigt. Ich kam vor der Saison von St. Pauli zum FC, Ewald Lienen hatte mich geholt. Zwischen all den kölschen Jungs war ich schon ein echter „Immi“.

Gab es denn für Sie als Norddeutscher inmitten von so vielen Rheinländern Probleme zu Beginn?

Scherz Nein, überhaupt nicht. Die Mannschaft hat mich super aufgenommen. Rund um den Club, besonders in den Medien, war ich in meinem ersten Jahr allerdings immer der Prügelknabe. Ich musste schon herausragende Leistungen bringen, um in den Kölner Boulevardblättern wenigstens mal vernünftige Noten zu erhalten.

Beschreiben Sie mal, wie die Stimmung rund um den Club war vor der Saison 1999/2000, schließlich war die Spielzeit zuvor miserabel gelaufen  – war der Druck enorm?

Scherz Überraschenderweise nicht, nein. Es wurde gar nicht so offen kommuniziert, dass wir unbedingt hoch mussten. Die Mannschaft wurde vor der Saison stark verändert mit vielen jungen Spielen.

Okay. Die Saison lief ja dann super an, doch gerade nach der Winterpause stockte der Motor.

Scherz Ja, stimmt. Wir hatten damals eine fantastische Hinrunde gespielt, 39 Punkte geholt.

Das wissen Sie 20 Jahre danach noch so genau?

Scherz Hehe, ja, sowas kann ich mir merken. Aber in der Rückrunde hat sich dann leider so ein kleiner Schlendrian eingeschlichen.

Das kann man so sagen: Es setzte unter anderem eine bittere 1:4-Pleite im Stadtderby gegen Fortuna Köln …

Scherz Stimmt, ich erinnere mich. Obwohl, ich muss sagen, das war schon ein cooles Spiel.

Ein „cooles Spiel“, solch eine bittere Niederlage gegen den Rivalen aus der Südstadt?

Scherz Ja, doch, im Nachhinein kann ich das schon sagen. Einfach eine tolle Erinnerung: Stadtderby im alt-ehrwürdigen Müngersdorfer Stadion, der alten Schüssel. 40 000 Zuschauer vor Ort – war schon schön …

Aber danach gab es doch sicher ordentlich was auf die Mütze von Fans und Medien – oder sah der Kölner Boulevard das etwa entspannt?

Scherz Nene, der Boulevard war nie entspannt. Nach dem Spiel konnten wir uns schon was anhören. Ich glaube, die Boulevardblätter sind heute wesentlich entspannter als zu meiner Zeit. Die schwelgten damals noch mehr in der Vergangenheit, träumten von vergangenen Meistertiteln und Vize-Meisterschaften. Wir Spieler hatten keinen leichten Stand. Zu meiner aktiven Zeit war das System auch noch ein wenig anders.

Was meinen Sie?

Scherz Wenn ein Spieler heute ein Interview gibt, dann wird vom Club vor Erscheinen alles gegengelesen. Häufig werden Aussagen verändert, entschärft. Die großen Medienabteilungen der Clubs halten viel von den Profis ab. Wir hatten damals beim FC nur einen Pressesprecher. Bei uns wurden keine Texte gegengelesen. Wir haben mit den Journalisten telefoniert, das Interview geführt und am anderen Tag stand es immer anders in der Zeitung als man es gesagt hatte. (lacht)

Das wird hier nicht passieren, darauf können Sie sich verlassen!

Scherz Ich weiß, ich weiß, alles gut. Nein, aber es war natürlich auch eine wechselseitige Abhängigkeit zwischen Medien und Spielern. Es gab Teamkollegen, die haben jede Interviewanfrage angenommen. So war ich nicht, aber ab und an habe ich auch zugesagt und dann in den Gesprächen nicht nur „Ja und Amen“ gesagt.

Also auch mal ausgeteilt?

Scherz Klar, das ist ja auch ein Spiel, das gehört dazu, man muss sich zur Wehr setzen. Wenn man nur auf der Bank sitzt, dann muss man den Mitmenschen auch mal zeigen, dass man spielen will. Man kann das im Training machen, mal einen umgrätschen, aber es gehört auch dazu, medial mal zu poltern.

Einer, der auch heute noch ganz gut poltern kann, ist Ewald Lienen, Ihr Trainer in der Saison 1999/2000 – welchen Anteil hatte er am Aufstieg?

Scherz Einen riesigen. Das ganze Training war auf unser Spielsystem abgestimmt. Er hat viel Wert gelegt auf Umschaltspiel. Das hat schon immer Spaß gemacht, auch wenn er uns häufiger mal ein wenig gequält hat mit seinen Videoanalysen – nach den Spielen, vor den Spielen. Aber wir haben auch echt immer viel mit ihm gelacht.

Auch über seine Zettel?

Scherz Jaja, die Zettel. Da habe ich übrigens nie einen Blick drauf erhaschen können. Aber was ganz witzig war in diesem Zusammenhang: Wenn Ewald während des Spiels mal wieder was auf seinem Zettel notierte, dann verpasste er häufig, was in dem Moment auf dem Feld passierte. Wenn dort einer einen Bock schoss, bekam er das zu spät mit.  Er schaute hoch und sah einen anderen Spieler am Ball, der mit der jeweiligen Szene gar nichts zu tun hatte. Trotzdem wurde der daraufhin mal ganz ordentlich verbal attackiert von ihm.

Verbal attackiert hat er sicherlich auch den einen oder anderen zu Beginn des wohl verrücktesten Spiels der Saison 1999/2000: Am 30. Spieltag gastierten Sie mit dem FC bei Hannover 96, lagen schon nach sieben Minuten 0:2 hinten, gewannen aber trotzdem noch 5:3 und waren somit aufgestiegen – was war denn da los?

Scherz Das Spiel hatte es in sich. Es begann schon sehr turbulent für mich. Ich sollte gar nicht spielen, erst als Christian Timm verletzt ausfiel, erfuhr ich vier Minuten vor der Partie, dass ich dabei bin. Die Partie war dann ein Spiegelbild unserer Saison. In den entscheidenden Momenten haben wir uns immer wieder zusammengerissen und waren in der Lage, wichtige Spiele zu drehen.

Und danach gab es eine dicke Party, oder lief das unter Chef Lienen eher gediegen ab?

Scherz (lacht) Nene, also das war mal eine ganz dicke Party. Ich glaube wir kamen erst gegen drei oder vier Uhr wieder in Köln an. Dort sind wir dann auf den Ringen in einen Club – Mensch, wie hieß der nochmal – achja, Palm Beach. Genau, da sind wir in Trainingsklamotten rein, bis in den Morgen haben wir den Aufstieg gefeiert. Ich weiß jetzt wirklich nicht mehr genau, wann wir wieder zu Hause waren. Nur, dass wir nachmittags wieder trainieren mussten.

 Hätten Sie heute eigentlich nochmal Lust Profi zu sein oder hat sich der Fußball zu sehr verändert?

Scherz Also ich spiele immer noch sehr gerne Fußball, bin deswegen auch nach wie vor noch in der FC-Traditionself aktiv. Aber klar, das Profigeschäft ist heute schon etwas anderes. Muss man sich mal überlegen, ich war nie in einem Nachwuchsleistungszentrum, bin erst mit 22 Jahren zum FC St. Pauli II in die vierte Liga gewechselt und landete mit 24 im Profikader.

Und davor haben Sie eine Ausbildung gemacht?

Scherz Ja, genau, als Industriemechaniker.

Sie waren bis 2009 für den 1. FC Köln aktiv – haben danach auch noch für den Club gearbeitet. Nach einem kurzen Stopp bei Fortuna Köln sind Sie nun ganz raus aus dem Fußball – wie sieht denn Ihr neues Leben aus?

Scherz Ich arbeite für die EFG-Rheinland KG. Die drei Buchstaben EFG stehen für Elektro-Fachgroßhandel. Dort bin ich als Vertriebsmitarbeiter tätig – bedeutet: Ich habe Kundentermine, spreche Angebote durch, bin im Austausch mit unserem Vertriebsinnendienst.