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Kommentar zu Joachim Löws Abschied: Ein Schritt, der überfällig ist

Kommentar : 15 Jahre Bundestrainer - Joachim Löws Abschied - Ein Schritt, der überfällig ist

Aus. Vorbei. Die Ära Joachim Löw wird nach der Europameisterschaft im Sommer 2021 enden. Der deutsche Bundestrainer mit den meisten Länderspielen hat dann 17 Jahre lang die Geschicke der Fußball-Nationalmannschaft maßgeblich beeinflusst.

Die ersten beiden Jahre als Co-Trainer von Jürgen Klinsmann, die im Sommermärchen 2006 ihren krönenden Abschluss fanden. Die folgenden 15 Jahre als Bundestrainer mit dem glanzvollen WM-Titel 2014 in Brasilien als absoluten Gipfelpunkt.

„Yogi“ Löw hat den deutschen Fußball in seinen ersten Schaffensjahren revolutioniert. Aus den früheren Kämpfern wurde ein Team aus Edeltechnikern – so viel Spaß wie in den Jahren von 2006 bis 2014 hat es nur selten zuvor gemacht, den deutschen Kickern zuzusehen. Schon 2010 war der Titel greifbar nah, doch die Generation um Lahm, Kroos, Klose, Podolski & Co. krönte sich erst vier Jahre später zum Weltmeister. Ein Verdienst von Löw, doch viele Kritiker sagen, dass es in diesen Jahren zu mehr Titeln hätte reichen müssen. Doch bei den Europameisterschaften 2008 und 2012 verzockte sich Löw in den entscheidenden Spielen, vertraute nicht den Stärken des eigenen Teams, sondern richtete die Taktik nach den Gegnern Spanien und Italien aus – und verlor.

Den richtigen Zeitpunkt zum Abschied verpasste Löw. WM-Kapitän Philipp Lahm ging 2014 auf dem Höhepunkt, doch Löw machte weiter. Aber die Mannschaft entwickelte sich nicht weiter. Mit vielen jungen Spielern gewann Löw 2017 den Confed-Cup, hatte aber zu diesem Zeitpunkt noch nicht den Mut zum Umbruch – einer seiner größten Fehler. Er vertraute bei der WM 2018 noch einmal den alten Helden von 2014 und wurde bitter enttäuscht. Das alte System war überholt, wirkte statisch, das Vertrauen der jungen Wilden hatte er verloren.

Was bleibt aus der Ära Löw neben dem WM-Titel 2014 haften? Zwei Dinge sind da zu nennen: Zum einen der schlechte zwischenmenschliche Umgang mit verdienten Spielern. Zuerst wurde der verletzte Kapitän Michael Ballack vor der WM 2010 eiskalt aussortiert, dann folgte völlig überraschend das Aus für das Weltmeister-Trio Thomas Müller, Mats Hummels und Jerome Boateng einige Monate nach dem peinlichen WM-Auftritt 2018. Ohne Not, und ohne Hintertür. Ein unverständlicher Schritt, eine Ausbootung auf Zeit wäre angesichts der personellen Problemzone in der Abwehr sinnvoller gewesen. Nun, da der Neuaufbau der DFB-Elf nach dem 0:6-Desaster in Spanien gescheitert erscheint, rudert Löw doch zurück und verliert damit an Glaubwürdigkeit.

Zum anderen bleibt Löws letzter Schritt haften, der Abschied nach der EM im Sommer 2021: Diese Aktion zeugt von Stärke. Löw hat erkannt, dass er keinen besseren Zeitpunkt mehr finden kann. Läuft die EM sportlich enttäuschend, ist er sowieso nicht mehr zu halten. Erreicht das deutsche Team das Halbfinale oder das Endspiel, kann er mit Stolz und einem Erfolgserlebnis abtreten. Es wäre ihm zu wünschen, erscheint derzeit aber unwahrscheinlich.

s.strohm@volksfreund.de