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Analyse: Wo steht die Fußball-Nationalmannschaft nach einem Jahr Hansi Flick?

Fussball-Nationalmannschaft : Flick freut sich und sagt Danke ans Team

Endlich gelingt Deutschland der erste Sieg in der Nations League und beweist vor der WM in Katar sein enormes Potenzial.

Locker, gelöst, zufrieden und lachend – so zeigte sich Bundestrainer Hansi Flick auch schon vor dem von vielen Journalisten als „historisch“ eingeordneten 5:2 (2:0)-Erfolg am Dienstagabend in Mönchengladbach. Das ist die Art des 57-jährigen gebürtigen Heidelbergers – immer offen, sympathisch und kommunikativ. Er ist das, was man einen klassischen Menschenfänger nennt: Er gewinnt die Sympathien und die Anerkennung von Fans und Spielern durch seinen natürlichen, bescheidenen und geradlinigen Charakter. Eine Fähigkeit, die seinem Vorgänger Joachim Löw im Laufe der Jahre, insbesondere nach dem Gewinn des WM-Titels 2014, abhanden gekommen war. Das ist vielleicht der größte Unterschied, seitdem Hansi Flick vor knapp einem Jahr das Amt des Bundestrainers übernommen hat: Er sorgte mit seiner Mannschaftsführung für einen gewaltigen Stimmungsumschwung auf und neben dem Platz. Es ist zwar noch nicht alles Gold, was glänzt, aber gegen Italien konnte Flick die ersten Früchte seiner Arbeit ernten.

Auf dem Weg zur Weltmeisterschaft im November/Dezember in Katar geht Flick konsequent vor, fordert Leistung und Einsatzbereitschaft und schenkt Vertrauen. Vertrauen, das sich zum Beispiel im Fall Timo Werner auszahlt. Gegen Italien ackerte der Angreifer des FC Chelsea unermüdlich, auch wenn ihm zunächst nicht viel gelang und er einmal mehr häufig glücklos agierte. Aber er belohnte sich mit seinem Doppelpack (68./69.) zum 4:0 und 5:0. „Wir freuen uns über die zwei Tore von Timo, er hat viel investiert. Es ist wichtig, dass die Spieler Vertrauen spüren, und das haben wir den Spielern vermittelt“, sagte Flick nach dem Spiel. Zufrieden war er auch deshalb, weil der „Stresstest“ gegen Italien bestanden wurde: „Danke für die Art und Weise, wie sie gespielt hat. Wir waren sehr mutig in der Offensive und haben früh attackiert. Wir haben in den vergangenen Wochen sehr gut trainiert und können mit einem guten Gefühl in die Pause gehen.“ Die ersten drei Tore für Deutschland gegen den Europameister Italien erzielten Joshua Kimmich (10.), Ilkay Gündogan per Foulelfmeter (45.+3) und Thomas Müller (51.).

System und neue Achse: Der Bundestrainer hält an seinem 4-2-3-1-System fest und lobte nach dem Italien-Spiel seine neue Achse, „die gut funktioniert hat“: Torhüter Manuel Neuer, die beiden Innenverteidiger Antonio Rüdiger und Niklas Süle, die beiden Mittelfeldstrategen Joshua Kimmich und Ilkay Gündogan, den offensiven Antreiber Thomas Müller sowie den Hoffenheimer David Raum auf der linken Abwehrseite. „Wir haben immer eine gute Lösung gefunden gegen gut zustellende Italiener.“

Flick bleibt in seiner ersten Saison als Bundestrainer ungeschlagen und war froh, nach den vier 1:1-Unentschieden in Mönchengladbach endlich eine große Fußballnation bezwungen zu haben. Welche Spieler zählen nach den vier Nations-League-Partien nun zu den Gewinnern und Verlierern?

Gewinner: Seinen Status als unumstrittene Nummer eins hat Manuel Neuer trotz starker Konkurrenz ausgebaut. In den vier Partien war er der große Rückhalt und der einzige Nationalspieler, der immer Topniveau ablieferte. „Er ist ein absoluter Weltklassetorhüter, auch spielerisch, und hat die Ruhe, Gelassenheit und Qualität. Aber auch Kevin Trapp und Oliver Baumann haben sich mehr als ein Lob verdient – sie sind die einzigen, die keine Minute gespielt haben. Trotzdem haben sie sehr gut trainiert und sich super verhalten“, sagte Flick. Diesmal nicht dabei waren Marc-André Ter Stegen und Bernd Leno.

Zu den Gewinnern zählt auch Abwehrchef Antonio Rüdiger, der stärkste deutsche Defensivakteur in den vergangenen Länderspielen. Der Neu-Madrilene hält den Laden zusammen, auch wenn es auch gegen Italien gerade in der Schlussphase immer wieder zu brenzligen Situationen und Nachlässigkeiten kam. An der Seite von Rüdiger hat sich Niklas Süle als feste Größe etabliert, der zuverlässiger als der am Dienstag gelbgesperrte Nils Schlotterbeck agiert. Aber auch Schlotterbeck hat großes Potenzial und bringt erfrischende Elemente ins deutsche Spiel, muss aber noch beständiger werden. Auf der linken Seite hat sich insbesondere wegen seiner gefährlichen Flanken und guten Torvorlagen David Raum eine gute Ausgangsposition geschaffen.

Vor der Abwehr glänzte das Duo Joshua Kimmich/Ilkay Gündogan. Eine Alternative ist auch Jamal Musiala, der stark am Ball ist und immer für Belebung sorgt. Der von Löw nach der WM 2018 aussortierte Thomas Müller zeigt weiterhin seine Qualitäten, gerade als Führungsspieler und Antreiber ist er immer noch gefragt. Auch aufgrund seiner beiden Treffer gegen England und in Ungarn hat sich im rechten offensiven Mittelfeld Jonas Hofmann stark in Szene gesetzt und derzeit die Nase vor Serge Gnabry vorne.

Verlierer: Häufig gespielt, aber nicht überzeugt hat auf der rechten Abwehrseite Thilo Kehrer. Er wird es schwer haben, seinen Platz im Team zu behalten – aber so schnell wird Flick ihn nicht fallen lassen. Gegen Italien zeigte sich Lukas Klostermann sicherer. Noch auf der Suche nach seiner Topform ist der verletzungsanfällige Leon Goretzka. Eines der größten Sorgenkinder ist der Bayern-Angreifer Leroy Sané, der schnell und trickreich ist und alleine eine Hintermannschaft durcheinanderwirbeln kann, seine Fähigkeiten aber leider zu selten zeigt. Auch gegen Italien wechselten Licht und Schatten, und selbst beste Gelegenheiten vergab der Münchner. So wird es eng für Sané, während sich Timo Werner versucht aus der Krise zu kämpfen. Er verdiente sich seine beiden Treffer redlich und wurde von den Zuschauern dafür euphorisch gefeiert. Nicht wie gewohnt auf sich aufmerksam machen konnte in der Nations League Kai Havertz, dem die lange Saison noch in den Knochen zu stecken scheint, der in den Planungen von Flick aber auch eine feste Rolle einnehmen wird. Nicht mehr als Ergänzungsspieler dürften Lukas Nmecha, Julian Brandt, Benjamin Henrichs, Anton Stach und Jonathan Tah sein.

 Hat gut lachen: Bundestrainer Hansi Flick (ganz rechts) erfreute sich im Borussia-Park in Mönchengladbach an der Leistung seiner Mannschaft. Beim 5:2 gegen Italien beeindruckten Manuel Neuer, der hier vor Italiens Gianluca Scamacca mit dem Kopf klärt (linkes Bild), sowie Joshua Kimmich und David Raum (Mitte).
Hat gut lachen: Bundestrainer Hansi Flick (ganz rechts) erfreute sich im Borussia-Park in Mönchengladbach an der Leistung seiner Mannschaft. Beim 5:2 gegen Italien beeindruckten Manuel Neuer, der hier vor Italiens Gianluca Scamacca mit dem Kopf klärt (linkes Bild), sowie Joshua Kimmich und David Raum (Mitte). Foto: dpa/Bernd Thissen
 14.06.2022, Nordrhein-Westfalen, Mönchengladbach: Fußball: Nations League A, Deutschland - Italien, Gruppenphase, Gruppe 3, 4. Spieltag, Stadion im Borussia-Park, Deutschlands Torschutze Joshua Kimmich (l) und David Raum jubeln über das 1:0. Foto: Federico Gambarini/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
14.06.2022, Nordrhein-Westfalen, Mönchengladbach: Fußball: Nations League A, Deutschland - Italien, Gruppenphase, Gruppe 3, 4. Spieltag, Stadion im Borussia-Park, Deutschlands Torschutze Joshua Kimmich (l) und David Raum jubeln über das 1:0. Foto: Federico Gambarini/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ Foto: dpa/Federico Gambarini

Aus der Wertung: Marco Reus. Der Dortmunder Kapitän verpasste verletzungsbedingt alle vier Nations-League-Partien und konnte nicht für sich werben. In Normalform ist er eine Bereicherung für die Nationalmannschaft, aber es wäre nicht das erste große Turnier, das der 33-Jährige aufgrund seiner Anfälligkeit verpassen würde. Reus und alle anderen Spieler freuen sich nun auf die kurze Sommerpause, bevor die WM-Saison beginnt. Auf Flick und seine Mannschaft wartet noch einige Arbeit, denn die Defizite im Rückwärtsgang und in der Defensive waren selbst beim klaren 5:2-Erfolg gegen Italien nicht zu übersehen.

(fan)