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Auf einen Irish Coffee mit Ruth Quadt: Die Nordirin hat in ihrer Jugend Bombenanschläge der IRA erlebt

Auf einen Irish Coffee mit Ruth Quadt: Die Nordirin hat in ihrer Jugend Bombenanschläge der IRA erlebt

Von Nordirland nach Saudi Arabien bis an die Mosel: Ruth Quadt hat eine lange Reise hinter sich. Zum Abschluss unserer Serie zur EM, in der wir uns mit Menschen aus den Teilnahmeländern trafen, spricht sie über die gespaltene Gesellschaft in ihrem Heimatland und auch ein bisschen über Fußball.

"Bitte zurückbleiben! Hier gibt es nichts zu sehen!", sagt der Polizist zu Ruth Quadt. Sie steht hinter einem Absperrband, Rauchschwaden hängen in der Luft. Passanten versuchen Blicke auf die Straße zu erhaschen. Nur wenige Minuten ist es her, seit Quadt den Knall gehört hat. Direkt vor ihrem Arbeitsplatz, einer Zahnarztpraxis im nordirischen Lisburn, ist ein Auto explodiert. Der Wagen wurde mit einer Bombe präpariert. Polizisten formieren sich zu einer Reihe und gehen die Straße ab, suchen nach dem was übrig ist von dem Fahrzeug und von der Insassin.

Bis heute weiß Quadt nicht, wer in dem Auto saß - "wahrscheinlich eine Politikerin", sagt sie. Verübt hatte den Anschlag die IRA, die Irisch-Republikanische Armee: Eine Terror-Organisation, die bis in die späten 90er vor allem in Nordirland aktiv war. Ihr Ziel: Die Unabhängigkeit Nordirlands von Großbritannien. Die irische Gesellschaft war zu dieser Zeit gespalten. Die Katholiken befürworteten die Vereinigung des Nordens mit dem Süden der Insel. Die Protestanten, zu denen auch Quadts Familie gehörte, wollten im Vereinigten Königreich bleiben. Diese unsichere Zeit hat auch Quadts Leben in ihrer Heimat geprägt: "Ich konnte nicht in die Stadt zum Einkaufen, ohne dass ich durch eine Polizeikontrolle musste", sagt sie. Ständig sei irgendwo eine Bombe hochgegangen. Der Terror, für die junge Frau damals: Normalität.

Heute sieht ihre Normalität ganz anders aus. Zusammen mit ihrem deutschen Mann und ihren zwei Kindern wohnt die 48-Jährige im beschaulichen Tawern (Kreis Trier/Saarburg). Wenn sie heute in ihr Auto steigt, muss sie nicht mehr auf der Unterseite nachschauen, ob jemand eine Bombe angebracht hat. Nein, hier an der Mosel ist alles friedlich.

Auch um den Fußball gebe es hier keinen Streit, wie sie sagt. Bei der EM feierten die Tawerner zusammen auf der Straße - "meine Nachbarn stört es nicht, dass ich dann für meine Landsleute jubele", sagt sie. Und wenn es losgeht, werden im Küchenfenster der Quadts zwei Flaggen hängen: die nordirische und die deutsche. Diesmal sind die beiden Teams sogar in einer Gruppe - das löse auf dem Sofa aber keinen Krach aus, sagt die Nordirin. "Mein Mann nimmt das nicht so ernst. Er ist kein großer Fußballfan", sagt sie. Nur bei internationalen Turnieren sitze er vor dem Fernseher.

Kennengelernt haben die beiden sich in Saudi-Arabien. Dort arbeitete die damals 28-Jährige in einem Krankenhaus und verdiente viel mehr als in ihrer Heimat. Das Geld: Für sie damals der Anreiz, die Insel zu verlassen. Dass sie in der Öffentlichkeit verschleiert herumlaufen musste, konnte sie deshalb verschmerzen, sagt sie. Auf einer deutsch-irischen Hochzeit traf Quadt dann ihren Mann. Bald darauf folgte die eigene Heirat. Nach fünf Jahren in dem arabischen Land bekam er ein Stellenangebot in Luxemburg. Das Paar zog nach Tawern.

Bis heute hat sie den Wunsch, irgendwann nach Nordirland zurückzukehren. Sie vermisse ihre ihre Schwestern, und die steilen Klippen der Insel. Stolz zeigt sie Fotoalben voll mit Bildern, die sie im Urlaub mit ihrer Familie geschossen hat: Die Quadts am nordirischen Strand, in Belfast und am Giant's Causeway, einer berühmten Steinformation. Seit dem Karfreitagsabkommen von 1998 fühlt sie sich dort wieder sicher. "Zumindest fast", sagt sie. Vor Terror - das wissen alle spätestens seit den Anschlägen von Paris - gibt es keine Sicherheit.HintergrundBisherige EM-Teilnahmen: Zum ersten Mal dabei Größte Erfolge: WM-Viertelfinale 1958 Trainer: Michael `O'Neill Stars: Kyl Laferty Bilanz gegen Deutschland: Acht Siege - vier Unentschieden - 14 NiederlagenExtra

Heute beginnt die Fußball-Europameisterschaft in Frankreich . Und damit geht auch unsere TV-Serie zu Ende. Getroffen haben wir uns mit Menschen aus allen 24 Teilnehmerstaaten, die in der Region Trier verwurzelt sind. Bei einem landestypischen Essen oder Getränk haben wir über Land und Leute - und Fußball geplaudert. Den Abschluss macht Ruth Quadt aus Nordirland. Alle erschienenen Serienteile gibt's hier in unserem Dossier online