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Auf Welsh Rarebits mit der Waliserin Ruth Whiteley: Mit 18 hat sie ihre Heimat verlassen

Auf Welsh Rarebits mit der Waliserin Ruth Whiteley: Mit 18 hat sie ihre Heimat verlassen

"Tiefste Provinz" - so hat die Waliserin Ruth Whiteley ihre Geburtsstadt als junges Mädchen empfunden. Damals zog sie nach London. Heute wohnt sie wieder in der Provinz: freiwillig.

Konz. "Llanfairpwllgwyngyllgogerychwyrndrobwllllantysiliogogogoch" - was aussieht wie eine willkürliche Aneinanderreihung von Konsonanten und Vokalen, ist ein richtiges Wort. Und Nein: Es ist weder Klingonisch noch Elbisch. Tatsächlich steht dieses Buchstabengewirr auf dem Ortsschild einer Gemeinde in Wales - Nordwales, um genau zu sein, unweit von Bangor, der Geburtsstadt von Ruth Whiteley. Von der 69 Jahre alten Waliserin ausgesprochen, hört sich der Name des Dorfes noch fremdartiger an - er scheint nur aus Zischlauten zu bestehen. Cymraeg, so nennen die Waliser ihre Sprache, ist keltischen Ursprungs, erklärt sie. Sie sei sehr schwer zu erlernen.

Selbst Whiteley könne sie nicht perfekt - Walisisch gehörte in der Schule nicht zu ihren Lieblingsfächern. Dafür spricht sie akzentfrei Deutsch, Französisch und ein bisschen Russisch. Sprachen beherrschen: Das gehörte zu ihrem Job. Denn Whiteley arbeitete jahrelang als Übersetzerin bei der Europäischen Rechtsakademie in Trier. Als sie dort in den 90ern anfing, lebte sie bereits seit über 20 Jahren in Deutschland - die meiste Zeit davon in Konz, wo sie heute noch wohnt.

Mit Wales verbindet sie nur noch wenig. Um sich an ein landestypisches Gericht zu errinern, muss sie ihre Rezeptsammlung wälzen. "In Wales gibt es nur Schafe und Schiefer", scherzt sie. Dann hat sie es: Welsh Rarebits, Toastbrot mit geschmolzenem Käse - dazu gibt es schwarzen Tee mit Milch.

Dass das Nationalteam aus ihrer alten Heimat es zum ersten Mal geschafft hat, sich für die EM zu qualifizieren, erfährt sie erst im TV-Gespräch. "Weit kommen werden sie nicht", ist sie sich sicher. Wahrscheinlich seien die Waliser froh, dass sie überhaupt dabei sind. Rugby nehme dort einen höheren Stellenwert ein als Fußball. Whiteley selbst hat sich für Sport nie besonders interessiert. Während der EM werde sie trotzdem vor dem Fernseher sitzen: "Von der Euphorie lasse ich mich immer mitreißen." Sie freue sich vor allem darauf, die Spiele mit ihrem Sohn zu schauen. ("Der regt sich immer so schön auf!") Wer gewinnt, ist zweitrangig. Wenn sie jemanden anfeuere, dann die Deutschen. Als Waliserin "fühle ich mich schon lange nicht mehr".

Kein Wunder: Denn Whiteley verlässt Bangor schon mit 18 Jahren. Die Kleinstadt wird ihr schnell zu eng. Heute beschreibt sie den Ort als "tiefste Provinz", ihre Bewohner als "fromme Kirchgänger", die an Sonntagen die Pubs schließen und die Schaukeln auf den Spielplätzen anketten. In Bangor flackert kein Neonlicht, "jeder kennt jeden. Niemand tut etwas Verbotenes, ohne dass es gleich alle wissen", wie sie sagt. Also nichts wie weg!Heimat an der Mosel


Erste Station: Das wilde London der Swinging Sixties. Und Whiteley mittendrin? Naja fast. Zunächst verschlägt es sie nach Ealing, einem Viertel im Westen der Themsestadt, einige Tube-Stationen entfernt von den angesagten Clubs. In Ealing studiert sie und lernt den Mann kennen, der sie später in die Moselregion mitnimmt. Das Paar heiratet und ihr Mann findet einen Job an der Universität des Saarlandes, später eine Stelle beim Europäischen Parlament in Luxemburg. Die Whiteleys ziehen nach Konz. Nach einigen Jahren kommt es zur Trennung, Whiteley aber bleibt an der Mosel. Hier fühlt sie sich zu Hause.

Doch manchmal denkt sie noch an den Ort, den sie früher Zuhause genannt hat. Wie es dort heute wohl aussieht? Kürzlich hat sich Whiteley davon ein Bild gemacht. Die 69-Jährige ist nach Nordwales gereist und hat auch Bangor besucht. Einiges habe sich geändert in den 15 Jahren, die sie nicht mehr dort gewesen sei: Schaukeln würden natürlich keine mehr angekettet. Viele Familienhäuser seien jetzt Studentenwohnungen - die Uni wächst und wächst." Ob in ihrem Elternhaus inzwischen auch Studenten wohnen? Als sie den Vorgarten betritt, wird sie von einer Frau angesprochen. Sie wohnt jetzt dort, wo Whiteley ihre Jugend verbracht hatte. Die Waliserin bittet sie zum Tee hinein und natürlich kennt die Dame auch Whiteleys Vater. In Bangor kennt schließlich jeder jeden.Bisherige EM-Teilnahmen: Keine Größte Erfolge: WM-Viertelfinale 1958 Trainer: Chris Coleman Stars: Gareth Bale Bilanz gegen Deutschland: Zwei Siege, sechs Unentschieden, neun NiederlagenExtra

Auf Welsh Rarebits mit der Waliserin Ruth Whiteley: Mit 18 hat sie ihre Heimat verlassen
Foto: (g_sport

Am 10. Juni beginnt die Fußball-Europameisterschaft in Frankreich . Der TV stellt im Vorfeld die 24 Teilnehmernationen vor. Dazu treffen wir uns mit Landsleuten, die in der Region Trier verwurzelt sind. Bei einem landestypischen Essen oder Getränk plaudern wir über Land und Leute - und Fußball. Alle bisher erschienenen Serienteile gibt's hier in unserem Dossier online