Bloß kein Bauchklatscher!

Mats Hummels weiß, wie es ist, gegen Italien zu verlieren. Bei der bitteren EM-Halbfinal-Niederlage 2012 gegen die Squadra Azzurra stand er auf dem Platz. Vor dem Viertelfinale am Samstag (21 Uhr/ARD) ist der Neu-Münchner jetzt erst mal so richtig baden gegangen.


Evian-les-Bains. Die größte Prüfung der Europameisterschaft hat Mats Hummels am freien Tag hinter sich gebracht. Er machte seinen ersten Sprung vom Zehnmeter-Turm. "Ich hatte Schiss ohne Ende", bekennt er am Tag danach im DFB-Medienzentrum von Evian, "da oben haben die Beine ganz schön gewackelt, und ich bin nur gesprungen, weil der Weg zurück über die Stufen noch schlimmer aussah". Es ist vielleicht die richtige Einstimmung auf die Begegnung mit dem großen Angstgegner Italien, diesmal bereits im Viertelfinale am Samstag in Bordeaux.
Für Hummels hat der Gegner seinen Schrecken ohnehin schon ein wenig eingebüßt. Jedenfalls beteuert er das. "Ich war 2012 bei der Halbfinal-Niederlage dabei", sagt er, "aber seitdem haben wir in Testspielen eine ordentliche Bilanz, zweimal 1:1 und einmal 4:1". Sicher ist, dass der 4:1-Sieg von München im Frühjahr tüchtig Eindruck gemacht hat auf die Italiener. Sie wurden daheim ähnlich hingebungsvoll kritisiert wie die deutsche Mannschaft, als sie 2006 ebenfalls im Frühjahr mit 1:4 in Italien untergegangen war.Münchner Rückschlag


Von diesem Münchner Rückschlag haben sich die Italiener längst erholt. Und nicht nur Hummels ist von den Abwehrkollegen des Viertelfinal-Gegners mächtig beeindruckt. "Bonucci, Chiellini und Barzagli gehören definitiv zu den besten Innenverteidigern der Welt", erklärt er.
Deutschland kann da freilich gut mithalten. "Wenn wir sehen, was unsere beiden Innenverteidiger für ein Turnier spielen, das ist schon sehr gut", sagt Torwarttrainer Andreas Köpke. Hummels und Jerome Boateng trugen entscheidend dazu bei, dass die DFB-Auswahl noch kein Gegentor hinnehmen musste. Sie werden allerdings nicht müde, das Verdienst des gesamten Teams an dieser Bilanz herauszustellen. "Die ganze Mannschaft muss mit daran arbeiten", stellt Hummels fest, "wenn das nicht so ist, dann laufen die Spieler frei auf uns zu. Dann siehst du in der Abwehrkette immer schlecht aus. Ich finde, dass wir da insgesamt einen guten Job machen". Köpke sieht das genauso, er betont, "dass die Abwehrarbeit ganz vorn anfängt. Man muss sagen: Das machen wir super".
Die Beteiligung des Teams an der Verteidigung erlaubt es den Spezialisten in der letzten Linie, sehr weit aufzurücken. "Wir verteidigen sehr hoch", sagt Hummels. Damit wird von hinten Druck ausgeübt.
Gegen fußballerisch hoffnungslos unterlegene Gegner wie Nordirland und die Slowakei führte es dazu, dass Torwart Manuel Neuer beinahe beschäftigungslos blieb. "Aber wenn er mal gefordert ist, dann ist er da", sagt Köpke. Im Viertelfinale wird es wohl viel mehr Arbeit geben. Auch für die defensive Reihe. Sie hat aus leidvoller eigener Erfahrung und aus dem Studium des italienischen Spiels im Turnier in Frankreich vor allem gelernt, "dass wir lieber kein Gegentor bekommen und in Rückstand geraten", wie Hummels bemerkt. Das sei die liebste Spielanordnung für die Italiener, "die dann noch mehr verteidigen können". Der künftige Bayern-Verteidiger hofft daher, "dass wir mit einer Führung die Statik des Spiels verändern können". Wenn er so etwas sagt, dann klingt er wie das sprechende Lehrbuch.
Es ist immerhin möglich, dass in diesem Lehrbuch auch die Taktik steht, die gegen die Italiener mit ihrem manchmal sehr eindrucksvollen Spiel durch die Mitte den größten Erfolg verspricht. In München beim Test stand hinten eine Kette mit drei Innenverteidigern, die beiden Außen waren entsprechend weit vorgezogen. Im Ballbesitz gibt das schnell Druck nach vorn, weil die Außenverteidiger einen kürzeren Weg in den Angriff haben. Im Verteidigungsfall wird die Mitte blockiert. "Ich kann mir das vorstellen", erklärt Hummels, "wir können es spielen, und wir wissen, dass man es sehr aktiv spielen muss.". Bundestrainer Joachim Löw hat bereits betont, dass er die Frage nach einer Dreier- oder Viererkette in der Abwehr ähnlich belanglos findet wie die nach einer richtigen oder falschen Neun im Angriff. Entscheidend ist für ihn in beiden Fällen das Positionsspiel. Im Klartext: Wenn vorn nicht genügend Spieler in den Strafraum kommen, ist das ebenso blöd, wie wenn hinten die Räume für den Gegner zu groß werden. Das wissen seine Spieler, sie haben es im Turnierverlauf bewiesen. Deshalb sagt Hummels: "Ein großes Thema gibt es für uns vor dem Viertelfinale nicht." Das Modell des deutschen Spiels steht. "Wir müssen es nur mit Leben erfüllen." Besser hätte es Löw auch nicht ausdrücken können. Er hätte am Ende lediglich noch ein "klar" angehängt.

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