Der märchenhafte Mario

Mario Gomez ist aktuell nicht mehr wegzudenken aus dem Sturm der Nationalmannschaft. Nachdem er von Joachim Löw lange nicht mehr berücksichtigt worden war, hat er sein Spiel verändert und damit Erfolg. Dass er ein Kämpfer ist, zeigte Gomez einst schon unter Trainer Louis van Gaal.

Lille. Es war einmal ein Auslaufmodell. Mario Gomez war sein Name. Bei der Europameisterschaft 2012 in Polen und der Ukraine hatte er noch drei Tore in der Vorrunde erzielt, dann schien seine Nationalmannschafts-Karriere am Ende. Bundestrainer Joachim Löw verdrehte nur noch die Augen, wenn ihn jemand nach dem klassischen Mittelstürmer fragte.
Löw erklärte die Ära der Stürmer, die den Strafraum als ihren natürlichen Lebensraum betrachten, für beendet. "Ich brauche Angreifer, die sich bewegen, die eine Abwehr auseinanderziehen", sagte er. In seiner Welt der wirbeligen Kringeldreher war für einen wie Gomez kein Platz. Das hat sich maßgeblich geändert.
Seit zwei Spielen der Europameisterschaft in Frankreich steht der klassische Torjäger Gomez in der Startelf. Beim 1:0 im letzten Vorrundenspiel gegen Nordirland erzielte er das einzige Tor, beim 3:0 im Achtelfinale gegen die Slowakei machte er den Treffer zum 2:0. Gomez ist wieder angekommen in der DFB-Auswahl. "Ich freue mich für ihn, er hat viele richtige Wege gemacht", erklärte Löw. Der Stürmer von Besiktas Istanbul hat sein Spiel überarbeitet, er ist auf eine Kompromisslinie zu Löws Idealvorstellung eingeschwenkt.
Zu seinen späten Zeiten bei Bayern München und in Florenz lebte er vorwiegend im gegnerischen Strafraum als Endverwerter der Vorarbeit von den Flügeln. In Istanbul erinnert er an den jungen Gomez, der beim VfB Stuttgart in alle Kombinationen einbezogen war und auch die Konterattacken mitlief.
Perfekte Ergänzung


Das brachte ihn bei Löw wieder auf den Zettel, nachdem der Stürmer wegen seines vermeintlichen Mangels an Beweglichkeit die WM in Brasilien verpasst hatte. Es war eine schmerzhafte Erfahrung für den Spieler. In den EM-Kader rutschte er, weil er auch in den Testspielen der Nationalmannschaft seine neue, alte Spielweise demonstrierte. Er tauchte weit außerhalb seiner Lieblingszone auf, er war trotzdem bei Chancen zur Stelle und machte Tore - immer noch das beste Argument für einen Stürmer. Ansprüche stellte er nicht. "Ich bin glücklich, dass ich dabei bin und will der Mannschaft helfen", sagte er im Vorbereitungstrainingslager in Ascona, "und wenn diese Hilfe darin besteht, auf der Bank zu sitzen und bereit zu sein, ist das auch gut".
Es klang sogar glaubwürdig. Nun hilft er viel mehr als nur durch praktizierten Teamgeist. Seit er in der Mitte des deutschen Angriffs steht, hat die Mannschaft genau jenen Schuss Zielstrebigkeit gewonnen, der ihr in den ersten beiden Begegnungen noch abging. Er scheint die perfekte Ergänzung zu den Kunstschmieden im offensiven Mittelfeld, und er läuft Mario Götze deshalb den Rang ab.
Götze ist Typen wie Mesut Özil oder Julian Draxler zu ähnlich, ihm fehlt die Entschlossenheit vor dem Tor. Und er muss sich jetzt hinten anstellen. Begeistert ist er nicht. "Persönlich", sagte er nach dem Achtelfinale, "will man immer helfen". Sie sind eben alle sehr hilfsbereit. Zunächst mal erstreckt sich Götzes Hilfsbereitschaft jetzt wahrscheinlich auf die Teilnahme an einem ordnungsgemäßen Trainingsbetrieb. "Ich werde weiter Gas geben", versicherte der Münchner Profi, "vielleicht kitzelt diese Situation die letzten Prozente aus mir heraus".
Löw wird das ganz recht sein. Er hat den Konkurrenzkampf in der Spitze auf seine Art eröffnet. Denn er setzt längst nicht mehr bedingungslos auf die falsche Neun, deren Existenz die deutsche Sportöffentlichkeit den System-Diskussionen verdankt, die vor allem der Bundestrainer mit Leidenschaft führte. Nach dem Achtelfinale sagte er: "Es ist ganz egal, ob vorne eine falsche Neun oder eine richtige Neun steht. Es kommt darauf an, dass die Nebenspieler in die Tiefe gehen, und dass wir genügend Spieler im Strafraum haben, die dann die richtigen Wege machen."
Das Spiel gegen die Slowakei lieferte ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie das aussieht, wenn alles richtig gemacht wird. Julian Draxler spielte seinen Gegenspieler an der Grundlinie schwindlig, seinen flachen Rückpass verwertete Gomez, weil er sich rechtzeitig am sogenannten kurzen Pfosten in Stellung gebracht hatte. Das war Lehrbuch-Fußball. Dieser Spielzug stand übrigens bereits in Lehrbüchern, als der echte und falsche Neuner noch nicht erfunden waren. Es ist eben doch alles schon mal dagewesen.
Auch Mario Gomez' Rückkehr aus der Versenkung hat es schon mal gegeben. Zu Beginn der Bundesliga-Saison 2010/11 erklärte ihn Trainer Louis van Gaal bei Bayern München zum Stürmer Nummer vier. Erst am siebten Spieltag durfte der Mittelstürmer mal in der Anfangsformation ran. Am Ende dieses Bundesliga-Jahres hatte Gomez 28 Tore erzielt. Das Geheimnis hinter solchen Quoten ist gar keines. "Wenn ich spiele, mache ich Tore", hat Gomez damals gesagt. Das gilt offenbar bis heute.