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"Die hast du erst besiegt, wenn sie im Mannschaftsbus sitzen"

"Die hast du erst besiegt, wenn sie im Mannschaftsbus sitzen"

Wenn sie nicht gewinnen, dann singen sie wenigstens das gesamte Stadion in Grund und Boden: Heute Abend (18 Uhr/ARD) will sich Nordirland teuer gegen Deutschland verkaufen. Ein Lied wird dabei ganz sicher durchs Stadion in Paris dröhnen.

Paris. Europameister werden sie wohl doch nicht. Aber Eindruck haben die Nordiren bei dieser EM schon gemacht, mächtig Eindruck. Nicht nur als unerbittliche Kämpfer, sondern auch durch einen 2:0-Erfolg über die Ukraine, den nicht jeder erwartet hatte. Und vor allem durch ihren Gesang. Rechtzeitig zur EM in Frankreich hat ein Fan dem Stürmer Will Grigg ein Lied gewidmet, er textete die Disko-Hymne "Freed from Desire" in "Will Grigg's on Fire" um.
Der Stürmer, der Wigan Athletic mit 25 Toren in die zweite englische Liga schoss, ist nicht der einzige, der für sein Land in Flammen steht. Und die Fans singen das Lied nicht allein. Auf dem Rückweg vom Sieg gegen die Ukraine brüllte das ganze Team den Will-Griggs-Song im Flugzeug, und die Spieler sprangen dabei ordentlich herum. Ängstlichere Gemüter hätten bestimmt an der Flugtauglichkeit der kleinen Maschine gezweifelt.
Aber ängstlich sind die Nordiren nicht. Davon wird sich heute Abend (18 Uhr/ARD) auch der Weltmeister sein Bild machen können. "Sie haben eine unglaubliche Kampfkraft", sagt der deutsche Trainer Joachim Löw, "sie spielen mit wahnsinnig viel Energie, klar. Und sie verteidigen genauso gut wie die richtig guten Mannschaften". Einen Spaziergang erwartet Löw nicht. Da ist er sich mit seinem Angreifer Thomas Müller einig. "Natürlich würden wir gern ein Schützenfest abfeuern", erklärt der Münchner, "aber, ehrlich gesagt, erwarte ich das nicht".
Was ihn erwartet, ließ der Bundestrainer auf dem Trainingsplatz simulieren. Fünf gelbe Plastikhindernisse verteilte Löw auf einer Linie ungefähr 30 Meter vor dem Tor. Da war der Platz für Kombinationen schon eng, obwohl sich die Kunststoff-Verteidiger noch weniger bewegten als deutsche Abwehrrecken in den schlimmen späten 1990er Jahren. Löws Offensive bekam einen ersten Eindruck von der nordirischen Taktik. Und sie darf durchaus annehmen, dass die Jungs von der grünen Insel im Bedarfsfall gar nichts dabei finden, mit sechs Mann auf der hinteren Linie zu verteidigen.Voller Leidenschaft


Dabei hauen sie nach guter alter Inselsitte ihre bemerkenswerten Körper voller Leidenschaft in jeden Zweikampf. Aufgeben kommt in ihrem Wortschatz nicht vor. Für sie gilt, was viele Jahre im Ausland voller Unbehagen über die Deutschen gesagt wurde: "Die hast du erst geschlagen, wenn sie endlich im Mannschaftsbus sitzen." Natürlich geht die DFB-Auswahl als hoher Favorit in die letzte Gruppenbegegnung. Das bestreitet weder Müller noch Löw. Der Trainer allerdings warnt davor, die fußballerische Überlegenheit als Freiflugschein zum deutlichen Erfolg zu betrachten. "Die Nordiren sind schon auch gefährlich bei ihren Standards und durch ihre Kopfballstärke", sagt er. Einen Mangel an Leidenschaft und Einstellung zu diesem Gegner können sich selbst seine gekrönten Fußball-Häupter nicht erlauben.
Vielleicht haben die Spieler diese Lektion in den zum Teil sehr mühsamen Auftritten gegen die Ukraine und Polen gelernt. Und möglicherweise können sich einige noch ans Frühjahr erinnern, als die deutsche Mannschaft in der EM-Qualfikation in Irland, beim großen Bruder der Nordiren, allzu leichtfertig auftrat und 0:1 verlor. Es ist nur bedingt beruhigend, dass die Spieler bei sich keinen Mangel an grundsätzlich richtiger Einstellung zu Partien gegen die sogenannten Kleinen entdecken können. "Wir sind Profis", versichert Müller, als wenn das schon alles sagen würde.
Immerhin aber sieht er die Sache wohl differenzierter als so mancher Kollege. "Auch wenn man alles gibt, muss nicht immer alles gelingen", erklärt er, "Fußball ist ein komplexes Spiel, und schließlich ist ja auch noch der Gegner da". Nicht jeder schöne Plan, meint Müller, muss sich in die Tat umsetzen lassen, nur weil er so schön ist. Müller klingt wie ein Lehrbuch. Einen Plan aber haben die Deutschen selbstverständlich. Löw hat mehrmals dazu aufgerufen, mehr in die vielzitierten Laufwege zu investieren, das Tempo hochzuhalten und Abschlüsse zu suchen. Er rät von weiten Diagonalwechseln gegen die breite Verteidigungskette ab. Und er sagt: "Wenn wir glauben, denen aus dem Halbfeld Flanken hereinschlagen zu müssen, dann spielen wir ihnen in die Karten."
Wer sich mal anschauen will, wie es klingt und aussieht, wenn nordirische Fans bei der EM im Stadion feiern und ihren umgedichteten Song "Will Grigg's on Fire" anstimmen, kann dies unter folgendem Link tun:
volksfreund.de/extra