Fußball: Wo steht die deutsche Nationalelf ein Jahr vor der EM 2020?

Fußball-EM-Qualifikation : Nationalelf: Der Hunger ist groß

Wo steht die deutsche Nationalelf ein Jahr vor der EM 2020? Eine Bestandsaufnahme.

Ja, es war ,nur‘ Estland – der völlig überforderte 96. der Weltrangliste. Und dennoch: Mit der 8:0-Gala hat die deutsche Fußball-Nationalmannschaft bei den Fans die Hoffnung auf eine schnelle Genesung des sportlich im Zuge des WM-Desasters von Russland angeschlagenen Weltmeisters von 2014 genährt.

Doch wie realistisch ist das? „Wir sind am Beginn einer Entwicklung. Es wird mit Sicherheit noch den einen oder anderen Hänger geben. Das Wichtigste aber hat man gesehen: Die Mannschaft hält unfassbar zusammen. Sie versucht, begeisternd zu spielen. Sie kann mittlerweile auch Widerstände überwinden. Das lässt darauf schließen, dass wir wirklich wieder ganz nach vorn kommen können“, sagte Ersatz-Bundestrainer Marcus Sorg, der auch im Spiel gegen Estland in Mainz den gesundheitlich angeschlagenen Coach Joachim Löw vertrat.

Zwei Mal Marco Reus, zwei Mal Serge Gnabry, dazu die Treffer von Leon Goretzka, Ilkay Gündogan, Timo Werner und Leroy Sané – die DFB-Auswahl deklassierte Estland nach allen Regeln der Kunst. Und das, obwohl die Gäste aus dem Baltikum mit einem dicht gestaffelten Neuner-Riegel (Fünfer-Abwehrkette, Vierer-Mittelfeld) die deutsche Elf vom Tor weghalten wollten.

Der Plan ging von Beginn an überhaupt nicht auf, weil die deutsche Mannschaft Geduld mit Genialität paarte. Spielwitz in Kombination mit Tempo – das war eine zu explosive Mischung für Estland, das trotz der Gegentorflut bezeichnenderweise in Torwart Sergei Lepmets seinen besten Mann hatte.

„Wir haben Vollgas gegeben und viel Leidenschaft reingesteckt. An der ersten Halbzeit gibt es fast nichts zu bemängeln. Wir haben immer auf das nächste Tor gespielt und haben uns nicht ausgeruht“, lobte Joshua Kimmich, der erneut als zentraler defensiver Mittelfeldspieler agierte und anklingen ließ, dass ihm diese Position auch bei Bayern München gut zu Gesicht stehen würde.

Nach dem durch das Vorrunden-Aus bei der WM 2018 befeuerten Umbruch im Kader ist im deutschen Team eine klare Spielidee zu erkennen. Relativ wenige Leute hinter dem Ball, die konsequente Besetzung von Zwischenräumen, der stete Versuch, in die Tiefe zu gehen, rasche Balleroberung nach Ballverlusten und ein schnelles Spiel ohne viele Kontakte. All das erfordert von den Spielern viel Aufmerksamkeit und Wille. Beides ist augenscheinlich vorhanden. Kimmich: „Wir haben Bock, die Chance zu nutzen, die uns die neue Situation mit sehr vielen verhältnismäßig jungen Spielern eröffnet.  Teilweise mussten Spieler auf ihre Chance warten. Jeder ist gierig und hungrig. Wir haben eine sehr große Qualität. Und wir kommen auch untereinander gut klar.“

Was auffällt: Auch ohne die geschassten Thomas Müller, Mats Hummels und Jérôme Boateng ist der Bayern-Block unverändert groß – gegen Estland standen fünf Spieler des Double-Siegers in der Start­elf. Und die Hälfte der deutschen Akteure stammt aus den Geburtsjahrgängen 1995 und 1996. Eine große Gruppe also, die vom Alter her auf einer Wellenlänge ist und in den Nachwuchs-Teams schon miteinander gespielt hat. Kimmich: „Wenn wir unsere Qualität zusammen mit der Leidenschaft auf den Platz bringen, werden wir in Zukunft viel Spaß haben.“

Ähnlich sieht es Marco Reus, der zu den (wenigen) Routiniers im Team zählt: „Wir wollen wieder nach ganz oben, das wird etwas dauern. Mit dieser Gier und dieser Leidenschaft sind wir auf einem guten Weg.“ Nach der WM war der Weg gleichwohl holprig. Die Bilanz: fünf Siege, drei Remis und zwei Niederlagen. In diese Zeit fällt der Abstieg aus der besten Gruppe der Nations League. Mittelfeldspieler Leon Goretzka warnt deshalb davor, mit Blick auf die Europameisterschaft 2020 alles in Rosarot zu malen: „In einem Jahr kann viel passieren. Fußball ist Tagesgeschäft. Wir sind gut beraten, nicht abzuheben. Wir müssen auch das Spiel gegen Estland knallhart analysieren.“

Wo die Mannschaft wirklich steht, dürfte sich schon im September zeigen, wenn die deutsche Elf in der EM-Qualifikation auf die Niederlande und den ungeschlagenen Tabellenführer in der Gruppe C, Nordirland, trifft.

Deutschland: Neuer – Kehrer, Ginter, Süle, Schulz (46. Halstenberg) – Goretzka, Kimmich, Gündogan (53. Draxler) – Sané, Gnabry, Reus (65. Werner)

Estland: Lepmets – Teniste, Tamm, Vihmann, Mets, Pikk – Kams, Vassiljew (82. Kreida), Dmitrijev (59. Käit), Puri – Zenjov (71. Ojamaa)

Tore: 1:0 Reus (10.), 2:0 Gnabry (17.), 3:0 Goretzka (20.), 4:0 Gündogan (26., FE), 5:0 Reus (37.), 6:0 Gnabry (62.), 7:0 Werner (79.), 8:0 Sané (88.)

Schiedsrichter: Ali Palabiyik (Türkei)

Zuschauer: 26 050 (ausverkauft)

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