Hauptsach’ gudd gspillt

Was für ein Saarländer! Jonas Hector vertritt sein Heimat-Bundesland aktuell richtig gut in der Nationalmannschaft. Über seine starken Leistungen spricht der Mann aus Auersmacher allerdings eher ungern.

Evian-les-Bains. Er hat keinen Twitter-Account, stellt nichts bei Instagram ins Internet, er lässt sich von keiner Agentur eine Facebook-Seite basteln, wahrscheinlich telefoniert er nicht mal gern. Das ist nicht herauszufinden. Denn Jonas Hector (26) lebt nach diesem Grundsatz: "Ich bin kein Fan davon, mich in der Öffentlichkeit darzustellen."
Für einen Fußballprofi ist das höchst ungewöhnlich, für einen Nationalspieler erst recht. Und für einen, der seit 2015 immer dabei war bei Länderspielen und bei der Europameisterschaft Stammspieler ist, fällt das richtig aus der Zeit. Es passt aber in seine Geschichte. Hector spielte in seiner Jugend und in ein paar Jahren bei den Senioren beim saarländischen Oberligisten (heute fünfte Liga) SV Auersmacher.
Die vermeintlich allgegenwärtigen Scouts der DFB-Juniorenabteilung übersahen ihn. Hector hat nie für eine der sogenannten U-Mannschaften des Verbands gespielt - trotz einer seit der Katastrophen-EM 2000 so ausgeprägten Sichtung. Vielleicht war der 2500-Seelen-Ort für die Talentsucher zu klein. Ihm machte das nichts.
Er ist ein heimattreuer Typ, auch da unterscheidet er sich von seinen Kollegen, die schon mit 15 oder 16 Jahren nichts dabei finden, quer durch die Republik zu den großen Clubs zu ziehen. Hector machte lieber Abitur im Saarland, und obwohl namhafte Vereine inzwischen aufmerksam wurden, widerstand er dem Werben des 1. FC Kaiserslautern. "Ich wollte einfach zu Hause bleiben", hat er gesagt. Irgendwann muss die Lust auf die Karriere aber stärker als die Bindung zur Heimat geworden sein. Hector trainierte bei der zweiten Mannschaft des FC Bayern München zur Probe vor. Dort hielt man ihn für nicht gut genug, doch der 1. FC Köln holte ihn in seine Nachwuchsmannschaft. Er fiel durch Konstanz und weniger durch eine große Klappe auf. Deshalb dauerte es zwei Jahre, bis er zu den Profis kam. Danach ging's steil bergauf - bis in die Nationalmannschaft. Und auch wenn Hector heute noch immer mit Verwunderung zurückblickt, hat er natürlich begriffen, wo er angekommen ist. Er ist Stammspieler im Weltmeisterteam. Das liegt zum einen daran, dass er als linker Verteidiger eine Position bekleidet, auf der in Deutschland nicht gerade ein Überangebot an begabten Spielern herrscht. Es würde seine Leistungen jedoch herabwürdigen, wenn man seinen Stammplatz auf die Tatsache reduzieren würde, dass Bundestrainer Joachim Löw keine Alternative findet. Die unbestechliche Datenbank der Uefa weist für Hector beim Turnier in Frankreich derart gute Werte aus, dass er es in die Elf der Vorrunde schaffte. Für ihn ist das kein Anlass für lautes Triumphgeheul. "Ich bin froh, dass ich dabei bin", sagt er, "bislang läuft es gut - für mich und die Mannschaft". Mehr Selbstvermarktung hat er nicht im Sinn. Dabei müsste er ganz gut wissen, wie das geht. Denn er studiert an der Rheinischen Fachhochschule Köln das Fach Betriebswirtschaftslehre. "Marketing", hat er dieser Tage der Welt gesagt, "finde ich am spannendsten, da kann ich meine Kreativität ausleben".
Das bleibt allerdings seine private Angelegenheit. Öffentlich lebt Hector die Kreativität auf dem Fußballplatz aus. Nur auf dem Fußballplatz. In einer Welt des schönen Scheins und der Selbstdarstellung auf einem Markt der Eitelkeiten ist das ein echtes Alleinstellungsmerkmal.