Kleines Land, großes Potenzial

Gerne erinnert man sich in Kroatien an das Jahr 1998. Da holte die Nationalelf den dritten Platz bei der WM in Frankreich. Jetzt steht mit der EM das nächste Turnier in Frankreich an - und Kroatien hofft auf den nächsten Coup. Wie gut die Chancen stehen und wie die Stimmung an der Adria ist, hat TV-Redakteur Marek Fritzen mit den Trie rer Gastronomen Goran Kajic und Lucijan Vrbica bei einem kroatischen Sliwowitz besprochen.

Trier. Kroatien, das ist tiefblaues Meer, das ist Sonne, das ist Urlaub, das ist feinstes Cevapcici, das riecht einfach nur nach Urlaubsentspannung. "Ja, stimmt", sagt Lucijan Vrbica ein wenig zögerlich, "in den Urlaubsregionen an der Adria ist von Mai bis September natürlich richtig was los, aber wenn man mal ins Landesinnere schaut, dann ist die Stimmung der Menschen im Moment viel schlechter".
Vrbica weiß, wovon er spricht. Er selbst kommt aus Osijek. Die Stadt ist die viertgrößte im Land und liegt im östlichsten Zipfel, unmittelbar an der Grenze zu Serbien. Seit drei Jahren lebt und arbeitet er an der Mosel, ist Servicekraft im Restaurant Croatia in Trier-Zurlauben. Vielen Kroaten, berichtet Vrbica, gehe es finanziell sehr schlecht. Familien bleiben oft nicht mehr als 300 Euro im Monat zum Leben. "Aber Proteste wie in Griechenland gibt es in Kroatien so gut wie nie. Die Leute motzen nicht, sie denken, dass es sicher irgendwann besser wird - und im Moment denken sie sowieso alle nur an Fußball."Kleines Land, großes Potenzial


Riesig sei die Anspannung vor Beginn der Fußball-Europameisterschaft im sportverrückten Land, in dem zwar nur gut vier Millionen Menschen leben, das aber in den letzten Jahren zahlreiche Sportstars herausgebracht hat. Ob Ski-alpin-Olympiasiegerin Janica Kostelic, Hochsprung-Weltmeisterin Blanka Vlasic oder Basketballstar Bojan Bogdanovic. Die meisten Topstars allerdings hat das kleine Land an der Adria dem Fußball zu verdanken. Goran Kajic, Chef des Restaurants Croatia, läuft richtig warm, wenn man ihn nach den besten Fußballern seines Heimatlandes fragt: "Ivan Perisic, Mario Mandzukic, Ivan Rakitic, Luka Modric ..." Wahrscheinlich würde es minutenlang so weitergehen, wenn man Kajic nicht bremsen würde. Schließlich hat das kleine Land - das flächenmäßig nur ein wenig größer ist als Niedersachsen - in den letzten 20 Jahren unglaublich viele erfolgreiche Fußballer hervorgebracht.
Einer der bekanntesten ist Davor Suker. An den heute 48-Jährigen haben viele deutsche Fußballfans schlechte Erinnerungen. Bei der WM 1998 in Frankreich kickte er das Team von Bundestrainer Berti Vogts im Viertelfinale raus. "Das war eine tolle Weltmeisterschaft", erinnert sich Goran Kajic. Im Halbfinale scheiterten die Kroaten mit 1:2 an Frankreich. "Das war so bitter, denn die beiden Tore für Frankreich hat Lilian Thuram gemacht, der hat sonst in seiner gesamten Nationalmannschaftskarriere nie wieder getroffen - nur gegen uns", erzählt Lucijan Vrbica. Davor Suker ist mittlerweile Präsident des kroatischen Fußballverbands und hofft auf ein gutes Abschneiden seines Nationalteams, das aufgrund seiner Trikots "Kockasti" (die Karierten) genannt wird.
Während die Langeweile in der 1. kroatischen Liga von Jahr zu Jahr zunimmt, wie Kajic und Vrbica berichten - ("Dinamo Zagreb gewinnt alles, dahinter kommen noch Hajduk Split und HNK Rijeka - danach gar nichts mehr") - glauben die beiden trotzdem an ein gutes Abschneiden ihres Nationalteams bei der EM in Frankreich. "Die Vorrundengruppe mit Spanien, Türkei und Tschechien müsste zu schaffen sein", glaubt Kajic. Auch Kollege Vrbica glaubt an sein Nationalteam. "Schon bei der WM 2014 in Brasilien waren wir stark, hatten aber leider wie so oft Pech, weil wir direkt zum Auftakt gegen starke Teams spielen mussten." 2014 traf Kroatien zu Beginn auf Gastgeber Brasilien, verlor nach Führung und fragwürdigen Schiedsrichter-Entscheidungen mit 1:3.
"Jetzt starten wir gegen die Türkei, das können wir gewinnen, dann schauen wir mal weiter. Alles ist möglich", sagt Lucijan Vrbica mit einem Augenzwinkern.