Mit wehenden Haaren und heilenden Fingern

Mit wehenden Haaren und heilenden Fingern

Er ist der Arzt, dem die Profis vertrauen: Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt. Alle Hoffnungen liegen auf dem 73-Jährigen, dass er die verletzten Khedira und Schweinsteiger schnell wieder fit bekommt. Doch Müller-Wohlfahrt hat viel zu tun: Denn er muss wohl schon bald einen weiteren Sportler im DFB-Quartier behandeln, der mal so gar nichts mit Fußball zu tun hat.

Evian-les-Bains. Vor 20 Jahren betreute Bundestrainer Berti Vogts ein kleines Lazarett. Sieben verletzte Spieler hatten sich zeitweilig vom deutschen EM-Aufgebot in England abmelden müssen, viele andere plagten sich mit größeren Beschwerden. Mannschaftsarzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt und der Physiotherapeut Klaus Eder arbeiteten rund um die Uhr, für die Ersatztorhüter Oliver Kahn und Oliver Reck wurden Feldspieler-Trikots beflockt. Das schöne Ende dieser Geschichte: Weder Kahn noch Reck mussten ihre fußballerischen Fähigkeiten unter Beweis stellen, die seinerzeit auch heftig bezweifelt wurden, und der nächste Oliver, Nachname Bierhoff, erzielte im Wembley-Stadion das goldene Tor zum Titelgewinn gegen Tschechien.
Ein Oliver und die beiden führenden Mitglieder der medizinischen Abteilung sind dem deutschen Aufgebot in Evian erhalten geblieben. Bierhoff ist inzwischen Manager des Nationalteams, Müller-Wohlfahrt, den alle "Mull" nennen, und Eder ("Meister Eder") kümmern sich um die Gesundheit der Spieler. Sie haben erneut viel zu tun. "Die 120 Minuten im Viertelfinale gegen Italien haben körperlich ein paar Spuren hinterlassen", sagt Bundestrainer Joachim Löw. Das ist sehr vornehm ausgedrückt. Für Stürmer Mario Gomez ist das Turnier wegen eines Muskelfaserrisses beendet, Verteidiger Mats Hummels ist für das Halbfinale gegen Frankreich in Marseille gesperrt, Mittelfeldspieler Sami Khedira kann im Halbfinale gegen Frankreich (Donnerstag, 21 Uhr/ZDF)auf keinen Fall mitwirken, weil ihn wieder die Adduktoren ärgern. Und sein Berufskollege Bastian Schweinsteiger leidet an einer Zerrung im Außenband des Knies.
"Da müssen wir abwarten, ob es für Donnerstag reicht", erklärt Löw. Müller-Wohlfahrt, Eder und ihre inzwischen mächtig gewachsene Abteilung kümmern sich voller Hingabe um Schweinsteiger und Khedira. Wunder werden sie nicht wirken können, obwohl es in der Vergangenheit durchaus mal so aussah. Müller-Wohlfahrt steht dadurch bei Sportlern im Range eines regelrechten Gurus. Der jamaikanische Sprintstar Usain Bolt ist von den Künsten des Münchner Arztes derart überzeugt, dass er sich im deutschen Quartier in Evian behandeln lassen will. Nationalspieler aus der ganzen Republik kommen in "Mulls" Münchner Praxis. Nur beim nun ehemaligen Trainer Pep Guardiola ist der bestens vernetzte Mediziner in Ungnade gefallen. Der Katalane krittelte ausgiebig an Müller-Wohlfahrts mangelnder Präsenz auf dem Trainingsgelände herum, bis der die Konsequenzen zog und sich bei Bayern München aus dem Amt zurückzog. Bundestrainer Löw vertraut seiner Kunst nach wie vor. Sollte aber auch die nicht ausreichen, Kapitän Schweinsteiger für die Begegnung mit dem EM-Ausrichter in körperlichen Bestzustand zu bringen, wird Löw sich nicht verzweifelt in den Genfersee stürzen. "Die Verletzungen registrieren wir", sagt der Coach, "aber sie sind in der Mannschaft kein Thema. Wir werden Lösungen finden, ich vertraue allen Spielern im Aufgebot". Sicher ist nur eines: "Spieler, die nicht 100 Prozent fit sind, lasse ich nicht spielen. Den Fehler habe ich nur einmal gemacht. Das war vor vielen Jahren." Die Nachfrage, wann das war und um welchen Spieler es sich gehandelt habe, will er "lieber nicht beantworten. Man sollte nicht in die Vergangenheit schauen". So mancher tut es trotzdem und kommt zu dem Schluss, dass es sich um Michael Ballack im EM-Finale 2008 gehandelt haben muss. Löw lächelt dazu. Er lächelt auch, als ihm die verschiedenen Aufstellungsmodelle vorgetragen werden, die es nach den Ausfällen geben kann.
Für Gomez könnte dessen Vornamensvetter Götze in die Spitze zurückkehren, möglich ist auch die Variante mit Thomas Müller im zentralen Angriff und Götze im vorderen Mittelfeld. Wenn Schweinsteiger nicht in den grünen Bereich kommt, stehen für den Platz neben Toni Kroos die Nachwuchsleute Emre Can und Julian Weigl zur Verfügung. Benedikt Höwedes wäre ein logischer Ersatzmann für Hummels, wenn die Deutschen hinten in einer Viererkette antreten. Das bestätigt Löw, und er gibt dann doch einen Hinweis: "Can hat im Training immer überzeugt, er würde unserem Spiel gut tun. Weigl ist unheimlich sicher am Ball, Can ist allerdings auch ein guter Techniker. Die Zeiten der Abräumer sind sowieso vorbei." Das heißt: Vorteil Can. Wenn die Deutschen eine Dreier-Abwehrkette bilden, muss großräumig umgebaut werden. Shkodran Mustafi käme neben Höwedes und Jérôme Boateng zum Einsatz, im zentralen Mittelfeld könnte Mesut Özil neben Kroos spielen, vorn Götze, Müller und Julian Draxler. Löw kommentiert das nicht. "Gegen Frankreich", erklärt er, "muss ich mir was überlegen". Er lächelt immer noch.