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Oh du schönes Saarland!

„Vergesst nicht, wir sind aus Köln!“ FC-Original Lukas Podolski hat sich Jonas Hector nach dem Halbfinal-Einzug geschnappt, um mit dem saarländischen Wahl-Kölner ein Bild für seinen Twitter-Account zu schießen. Foto: Twitter
„Vergesst nicht, wir sind aus Köln!“ FC-Original Lukas Podolski hat sich Jonas Hector nach dem Halbfinal-Einzug geschnappt, um mit dem saarländischen Wahl-Kölner ein Bild für seinen Twitter-Account zu schießen. Foto: Twitter FOTO: (g_sport
Bordeaux. Drama pur: Deutschland hat den Italien-Fluch beendet und die Squadra Azzurra am Samstagabend zum ersten Mal bei einem großen Turnier mit 7:6 nach Elfmeterschießen bezwungen. Wesentlichen Anteil am Halbfinal-Einzug hatte ein Mann aus einem Ort im Saarland, knapp 100 Kilometer von Trier entfernt. Michael Kipp

Bordeaux. Der Tag danach begann für Erhard Hector auf der Terrasse eines Hotels in Bordeaux. "Ich bin immer noch fix und alle", sagt der Vater von Jonas beim Frühstück in sein Handy. "Ich kann das immer noch nicht richtig einordnen, was da gestern Abend passiert ist", erzählt der Angestellte einer Baustoff-Firma. "Es fühlt sich so unwirklich an."
Sein 26-jähriger Sohn hat am Samstagabend, ein paar Kilometer weiter im Stadion Matmut-Atlantique, Geschichte geschrieben. In diesem epischen EM-Viertelfinalspiel gegen Italien, das die Deutschen auch dank Jonas Hector gewonnen haben. Im Elfmeterschießen. 6:5. Nach 90 Minuten und der Verlängerung hatte es 1:1 gestanden. Mesut Özil traf in der 65. Minute nach einem Zuspiel von Hector. Italien glich nach einem Handspiel von Jérôme Boateng im Strafraum durch Leonardo Bonuccis Elfmeter aus (78.). Verlängerung, Elfmeterschießen. Simone Zaza verschießt, Thomas Müller versemmelt, Mesut Özil auch, Graziano Pellè schießt am Tor vorbei, Leonardo Bonucci scheitert an Manuel Neuer, Bastian Schweinsteiger kickt über die Latte, und Matteo Darmian findet in Manuel Neuer dann seinen Meister.
Anspannung pur. Im Stadion in Bordeaux, in Deutschland, in Italien. Jonas Hector geht zum Punkt. Vor sechs Jahren spielte er noch im Saarland in der Oberliga beim SV Auersmacher, vor fünf Jahren in der Regionalliga, 2014 dann sein erstes Bundesligaspiel für den 1. FC Köln - und nun sein 19. Auftritt in der Nationalelf. Wenn er trifft, dann steht Deutschland im Halbfinale am Donnerstag in Marseille. Alleine das ist schon ein Märchen nach all den verloren gegangenen Dramen gegen Italien. Das Jahrhundertspiel im WM-Halbfinale 1970, das WM-Endspiel 1982, das WM-Halbfinale 2006, das EM-Halbfinale 2012. Es ist der 18. Elfmeter. "Die ersten fünf Schützen werden vom Trainer bestimmt. Danach haben wir das auf dem Feld untereinander besprochen, wer jeweils der Nächste ist. Dann war ich irgendwann dran", sagt Hector. Und: "Ich hatte keine Elfmeter geübt. Ich glaube auch, ich habe in meiner Profikarriere überhaupt noch nie einen geschossen."
Hector geht zum Punkt, langsam, bedächtig. "Ich habe an nicht viel gedacht", erinnert sich der BWL-Student. Zwölf, 13 Meter vor ihm steht Gianluigi Buffon. Ehemaliger Welttorhüter, fleischgewordene Coolness, 38 Jahre alt, Elfmeterkiller genannt. "Ich habe mir nur überlegt, wohin ich schießen will und habe mir die Ecke kurzfristig ausgesucht." Und: "Ich habe mein Herz in die Hand genommen." Hector läuft an, schießt, flach aufs rechte Eck, Buffon hechtet hin. Irgendwie springt der 1,91 Meter große Keeper über den Ball. 23.49 Uhr, Tor, Hector reißt beide Fäuste in die Luft, sprintet zu seinen Mannschaftskollegen. Buffon schießen die Tränen in die Augen. "Das Schönste war die Erleichterung, dass ich getroffen habe. Es ist schwer in Worte zu fassen", sagt Hector. "Ich bin überglücklich. Jetzt ist es pures Glück." Im Stadion, in Auersmacher, in ganz Deutschland feiern sie Hector. "Er ist ein ruhiger, cooler Typ, da hatte ich ein gutes Gefühl", lobt ihn Trainer Joachim Löw später auf der Pressekonferenz. Und der Vater? "Ich habe ihn nur kurz nach dem Spiel sprechen können", sagt er. Was haben Sie ihm gesagt? "Nicht viel, ich stand so unter Strom. ,Glückwunsch', habe ich gesagt. Und: "Jetzt hast du auch noch den Deckel druff gemacht'" - den Deckel auf das Italien-Trauma der Deutschen. Der Vater muss das auch erst mal alles sortieren. Auf der Fahrt mit dem Auto von Bordeaux zurück nach Auersmacher. Im Gepäck: eine der schönsten Geschichten des deutschen Fußballs.