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Schön war’s, als die Bierbecher flogen: Erinnerungen an die EM 2004 mit einem Tschechen in Trier

Schön war’s, als die Bierbecher flogen: Erinnerungen an die EM 2004 mit einem Tschechen in Trier

Der Stammgast: Seit 1996 ist Tschechien immer bei Europameisterschaften dabei. Patrik Honegr, als Sechsjähriger aus Hradec Kralove nach Trier gekommen, traut seinem Team auch durchaus etwas zu. Aber so eine Situation wie bei der EM 2004 wird er dieses Mal wohl nicht erleben.

Um kurz vor 21 Uhr ist die Stimmung blendend in der Nachbarschaft von Patrik Honegr und seinem Kumpel Martin. Später prasseln Bierbecher auf die beiden. Es ist der 19. Juni 2004 in Aveiro, bei der EM in Portugal spielt Tschechien gegen die Niederlande. Holland führt 2:0.

Der Oranje-Block hat Spaß am Spiel - und auch mit Patrik und Martin, den beiden Tschechien-Fans in voller Montur, die sich irgendwie in ihren Block verirrt haben. Eine kleine rote Insel umgeben von einem Ozean aus Oranje. "Wir waren froh, dass wir auf dem Schwarzmarkt überhaupt noch Karten bekommen hatten", erinnert sich Patrik Honegr. "Da wussten wir allerdings nicht, dass wir mitten im holländischen Block sitzen würden."

Für das Treffen mit dem TV-Reporter hat er sich in etwa so aufgehübscht wie damals. "ceí do toho" steht auf dem Hut, auf geht's! Auf dem Tisch stehen Kozel und Svijany, zwei Bier-Spezialitäten aus dem Nachbarland. "Mann, das war ein geiler Tag", sagt Honegr. Denn um 22.30 Uhr springt im Block nur einer auf. Smicer hat gerade das 3:2 geschossen. Am Ende eines "Jahrhundertspiels" (Die Zeit) hält es Honegr nicht auf seinem Sitz. Auch wenn der Freudensprung nass endete. "Es kamen schon ein paar Becher angeflogen."

Insgesamt seien die Holländer aber sehr gute Verlierer gewesen. "Die waren schon in Ordnung. Und wir haben ja auch das letzte Gruppenspiel gegen Deutschland gewonnen." So kam Holland weiter, Deutschland war raus. Tschechien avancierte zum Turnierfavoriten, verlor aber das Halbfinale gegen den späteren Europameister Griechenland.Stammgast und Außenseiter

Das ist Bier von gestern. Vom Favoritenstatus sind die Tschechen bei ihrer sechsten EM-Teilnahme in Folge inzwischen weit entfernt. Auch wenn die Jungs von Trainer Pavel Vrba in der Qualifikation für das EM-Aus der Holländer mitverantwortlich waren - sie gewannen beide Spiele.

Die echte Begeisterung für die Nationalmannschaft packte Patrik Honegr bei der EM 1996. Bei den Europameisterschaften 2000 und 2004 war er selbst vor Ort, bei der WM 2006 scheiterte es an den Tickets - im freien Verkauf war nichts zu bekommen. Und 350 Euro für ein Schwarzmarkt-Ticket für ein Gruppenspiel gegen Ghana waren Patrik Honegr zu viel des Guten.

So nah wie in England 1996 waren die Tschechen nie wieder an einem Titel: Mit dem Finaleinzug und der durchaus bitteren Niederlage gegen Deutschland durch das "Golden Goal" von Oliver Bierhoff. Das Spiel hatte sich Honegr in der Trierer Innenstadt angeschaut - auch da war er in tschechischen Farben ziemlich allein. Zumindest musste er keine wütenden Verlierer fürchten.

Dabei sei Fußball in Tschechien gar nicht mal Sport Nummer eins. "Eishockey ist noch populärer, das ist der Nationalsport." Viele Jungs ziehe es so mit sechs, sieben Jahren aufs Eis. "Ich kann aber mit Eishockey wenig anfangen. Mit sechs kam ich nach Trier - und da habe ich dann mit Fußball bei der Eintracht angefangen." Das war 1980. Erst nach der Wende konnte Honegr wieder zu Besuch in sein Geburtsland. Inzwischen ist der selbstständige Webdesigner ein- bis zweimal im Jahr zu Besuch bei der Verwandtschaft in Hradec Kralove, eine Stunde östlich von Prag.

Was für Tschechien bei dieser EM drin ist? Für den leidenschaftlichen Hobby-Koch ("Trierer Herrenkochclub") ist das Überstehen der Gruppenphase realistisch. "Im ersten Gruppenspiel sehe ich kaum Chancen - da spielen wir gegen Spanien." Und das auch noch am Montagnachmittag (13. Juni, 15 Uhr). "Das werde ich mir wohl allein anschauen müssen."

In den Spielen gegen Kroatien und die Türkei traut er Petr Cech & Co. aber Siege zu. Mit etwas Glück kann Honegr beim Spiel gegen die Türkei in Lens selbst vor Ort sein. "Das ist aber noch offen." Eins ist aber sicher: dann nicht im gegnerischen Block.Bisherige EM-Teilnahmen: 1996, 2000, 2004, 2008, 2012 (zuvor 1960, 1976 und 1980 als Tschechoslowakei) Größte Erfolge: Europameister 1976 (als Tschechoslowakei), Vize-Europameister 1996 Trainer: Pavel Vrba Stars: Petr Cech, Tomas Rosicky, Bilanz gegen Deutschland: zwei Siege, vier Niederlagen, kein Unentschieden.Extra

Am 10. Juni beginnt die Fußball-Europameisterschaft in Frankreich . Der TV stellt im Vorfeld die 24 Teilnehmernationen vor. Dazu treffen wir uns mit Landsleuten, die in der Region Trier verwurzelt sind. Bei einem landestypischen Essen oder Getränk plaudern wir über Land und Leute - und Fußball. Alle bisher erschienenen Serienteile gibt's hier in unserem Dossier online