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Stell dir vor, es ist EM, und du bist Holländer!

Stell dir vor, es ist EM, und du bist Holländer!

"Ohne Holland fahr’n wir zur EM", singen vor allem deutsche Fußballfans gerne voller Hohn. Doch auch ohne Griechenland, Dänemark oder Schottland findet dieses Turnier statt. Die Anhänger dieser Fußballnationen gehen ganz unterschiedlich mit dieser Schmach um.

Paris. Ganz Fußball-Europa schaut in diesen Tagen gebannt nach Frankreich zur EM. Ganz Europa? Nicht ganz. Immerhin hatten in der Qualifikation 51 Nationalmannschaften um die 23 freien EM-Plätze gekämpft, so dass 28 von ihnen diesen Sommer zu Hause bleiben mussten. Die Fans dieser Nationalteams müssen nun mit ansehen, wie andere um die europäische Fußballkrone wetteifern. Das mag einem Fan aus der Fußball-Diaspora wie Liechtenstein oder San Marino fast egal sein — diese Länder waren noch nie bei einem großen Turnier dabei.
Aber wenn man als Schotte zuschauen muss, wie alle anderen Teams des britischen Inselreiches plus Irland mitkicken; wenn man als Serbe mit den Auftritten Kroatiens und Albaniens auf der europäischen Fußballbühne konfrontiert wird; und wenn einem als Oranje-Fan ständig der Schmähgesang "Ohne Holland fahr'n wir zur EM" in den Ohren klingelt — dann kann das der Fan-Seele schon ganz schön zusetzen.
Ein Blick über die Grenzen in einige der Fußballnationen, die bei der EURO 2016 nicht dabei sind:
Niederlande - Was bleibt, ist die Erinnerung: Was war das schön bei der WM 2014: Oranje-Fieber überall — orange geschmückte Straßen, Hausfassaden, Fenster, Menschen. Doch im Frühsommer 2016: Nichts. Straßen und Kneipen in den Niederlanden sind öde und still. Für viele sind die Schmach und auch der beißende Spott gerade der deutschen Nachbarn kaum zu ertragen. Wer kann, verlässt das Land. Die Reiseveranstalter verzeichneten einen ungewöhnlichen Anstieg der Buchungen vor der eigentlichen Hochsaison. Nur echte Fußball-Liebhaber schauen sich die Spiele der EM an — ohne Robben, van Persie, Sneijder. Dem Rest bleibt nur die Erinnerung. Kneipen organisieren "Oranje-Abende" und zeigen alte Erfolge der Elftal. Der Hit ist die EM von 1988, als die Niederlande ausgerechnet in Deutschland Europameister wurden — "briljant".

Schottland - Bitte nicht England als Champion: Nicht dabei zu sein bei dieser vergrößerten Fußball-Europameisterschaft, das ist für die Schotten schon schmerzhaft genug. Doch noch schlimmer ist, dass Schottland der einzige britische Landesteil ist, der in Frankreich nicht mitspielen darf. Selbst die Rugby-Nation Wales mischt mit und misst sich in der Vorrundengruppe B mit dem großen Nachbarn England. Ein Duell, das sich viele Schotten sehnlichst für ihre Elf gewünscht hätten. "Ich kann das nur schwer verdauen", sagte der bekannte schottische Fußballkommentator Archie Macpherson dem britischen Rundfunk BBC. "Ich bin wie ein Kind, das sein Gesicht gegen die Scheibe eines Restaurants drückt, in dem ein Festessen stattfindet. Ich spüre einen furchtbaren Hunger." Schotten feuern traditionell jeden Gegner der Engländer bei internationalen Turnieren an.
Serbien - "Schweini" als Schwiegersohn: Zu den Nachbarn Kroatien und Albanien pflegt Serbien beileibe keine sehr freundschaftlichen Beziehungen, und das schon seit Jahrhunderten. Umso schmerzhafter fühlt sich für leidenschaftliche serbische Fußballfans die Zuschauerrolle an. Mancher sieht sie gar als Demütigung der nationalen Gefühle. Folgerichtig haben die heimischen Medien ihre EM-Berichterstattung auf ein Minimum reduziert: Keine dicken Beilagen, keine großformatigen Aufmacherbilder, keine stundenlangen Analysen der taktischen Tricks und Kniffe. Knappe Ergebnisberichte, mehr nicht.
Die Sportseiten werden beherrscht von Tennis und der serbischen Fußball-Liga, der Superliga, auch wenn diese schon längst ihre Saison beendet hat. Da kam das Tor von Bastian Schweinsteiger zum 2:0-Auftaktsieg der deutschen Nationalelf über die Ukraine gerade recht, um den serbischen Fußballfan doch noch am Kiosk abzuholen: Da die serbischen Medien schon länger über eine mögliche Hochzeit von "Svajni" (Schweini) mit der serbischen Tennisspielerin Ana Ivanovic spekulieren, wird er als "echter serbischer Schwiegersohn" gefeiert.
Griechenland - Stressfrei im Café: Nicht dabei? Das haben die griechischen Fußballfans längst verschmerzt. Sie genießen es, stressfrei im Café die aktuelle europäische Elite kicken zu sehen. Eine Teilnahme wäre ja auch viel zu aufregend, man denke nur zurück an das Jahr 2004, als die Griechen unter Trainer Otto Rehhagel Europameister wurden und das ganze Land auf einmal Kopf stand!
Dieser einzigartige Überraschungserfolg, das Erbe von "Rehakles", ist in der kollektiven griechischen Fußballseele noch immer höchst präsent. Entsprechend kenntnisreich wird die aktuelle EM verfolgt.
Die Italiener genießen in Griechenland von jeher große Unterstützung — möglicherweise wegen ihrer Defensivstärke, die ja auch die griechische Europameisterelf auszeichnete.