Viel mehr als nur Cristiano

Maria de Jesus Duran-Kremer sagt, ihre Heimat ist Lissabon und ihr Zuhause ist Trier. TV-Redakteur Marek Fritzen hat sie erzählt, warum sie als gebürtige Lissabonerin einen interessanten Spitznamen trägt und warum Cristiano Ronaldo für viele junge Portugiesen mehr ist als nur ein Fußballstar.

Trier. Einfach wäre es schon, diese Geschichte hier mal eben mit Cristiano Ronaldo abzufüllen. Es geht um Portugal, es geht um Fußball, was liegt da näher, als den Superstar von Real Madrid in den Fokus zu stellen. Klar, nicht jeder mag den Schönen von der Insel Madeira - doch jeder kennt ihn. Aber nein, einfach so nur etwas über "Crischtiano" zu schreiben - wie ihn die Portugiesen nennen - über seine schnieke Frisur, über die Wucht seiner Freistöße oder die Anzahl seiner Saisontore.

All das wäre an dieser Stelle unangebracht, die Geschichte wäre völlig verschenkt. So vieles würde dann unter den Tisch fallen: Die Sache mit den Salatfressern zum Beispiel, das mit den Hüten auch. Dass es in den kommenden Zeilen um weit mehr als portugiesischen Fußball gehen wird, ist Maria de Jesus Duran-Kremer zu verdanken. Die 66-Jährige stammt aus Portugal, aus Lissabon um genau zu sein. Sofort ist sie dabei, als der TV sie fragt, ob sie Lust habe, ihr Heimatland im Rahmen der TV-EM-Serie vorzustellen.

Maria de Jesus Duran-Kremers Worten zu lauschen, ist eine wahre Freude. Sie spricht ihre Sätze nicht einfach nur so daher, sie formt sie elegant, lässt Bilder entstehen. Sie sagt Dinge wie: "Ich liebe es am Strand in Portugal entlangzuspazieren, um meine Seele von den Wellen waschen zu lassen." Oder: "Für mich sind Portugal und Deutschland wie zwei Hüte: Wenn ich in Portugal bin, trage ich den einen, wenn ich in Deutschland bin, den anderen - Lissabon ist meine Heimat, Trier mein Zuhause."

Maria de Jesus Duran-Kremer ist in Lissabon geboren, ein echter alfacinha eben, wie sie betont. "Alfacinha - so nennt man die Menschen aus Lissabon, es bedeutet frei übersetzt Salatfresser", erklärt sie mit einem Grinsen. "Die Bauern in der Umgebung haben immer viel Salat und Gemüse nach Lissabon gefahren, um es dort zu verkaufen. Da die Menschen dort immer sehr viel davon gegessen haben, ist der Name alfacinha als Synonym für die Lissaboner entstanden."
Duran-Kremer hat ihre Heimat vor über 40 Jahren in Richtung Deutschland verlassen. Nach dem Studium der Wirtschaftswissenschaften in Lissabon folgt sie ihrem Mann nach Bonn, der dort ein Jobangebot an der Uni annimmt. Sie arbeitet zunächst als Journalistin für die Deutsche Welle und den WDR in Köln. Als ihr Mann in den darauffolgenden Jahren an die Uni nach Trier wechselt, zieht auch sie vom Rhein an die Mosel, promoviert später in klassischer Archäologie.

Durch Zufall stößt die sprachbegabte Portugiesin 1985 dann auf eine Stellenanzeige als Dolmetscherin der Europäischen Union (damals noch EG). "Ich fand das spannend und habe mich einfach darauf beworben." Gesagt, getan: Sie bewirbt sich, wird übernommen und arbeitet bis 2007 als verbeamtete Dolmetscherin für die EU. Französisch, Deutsch, Spanisch, Englisch, Portugiesisch, Italienisch - alles kein Problem. Duran-Kremer dolmetscht im Europäischen Parlament, in Straßburg, in Luxemburg und reist mit den Politikern durch die ganze Welt. "Eine tolle Zeit war das", sagt sie, "man übersetzt keine Worte, sondern Gedanken, man muss zwischen den Zeilen lesen können". Heute arbeitet sie noch nebenbei als Dolmetscherin, sitzt zudem für die SPD im Trierer Stadtrat und ist Vorsitzende des Rates für Migration und Integration.

Regelmäßig reist sie noch nach Lissabon, hat dort noch eine Wohnung. "Direkt neben dem Stadion von Benfica, dem Estádio da Luz - wenn ich in der Wohnung sitze, kann ich die Fans jubeln hören." Benfica, das betont sie immer wieder, ist ihr Verein. Für den FC Porto aus der Stadt der reichen Industriellen im Norden oder Sporting Lissabon, den Club der Reichen aus Lissabon, hat sie nicht viel übrig. "Benfica ist der Club der Arbeiter, er hat mir immer am Herzen gelegen."Reicht's fürs Halbfinale?

Foto: (g_sport

Mit futebol kennt sie sich aus. Sie weiß genau, dass bei der portugiesischen Nationalmannschaft, der Seleção Portuguesa de Futebol, vieles an dem eingangs bereits erwähnten Cristiano Ronaldo hängt. "In Portugal ist Cristiano der Superstar. Das ganze Land steht hinter ihm", berichtet Duran-Kremer. "Auch deswegen, weil er es aus armen Verhältnissen auf der Insel Madeira nach ganz oben geschafft hat - er macht vielen jungen Menschen in Portugal Mut".

Die Wirtschaftskrise der letzten Jahre, so berichtet die 66-Jährige, habe dem Land und den Menschen stark zugesetzt. "Viele Familien sind auseinandergebrochen, viele junge, gut ausgebildete Leute zieht es ins Ausland, weil sie in Portugal keine Perspektive mehr sehen." Dennoch, so betont Duran-Kremer: "Portugiesen würden niemals klagen, auch wenn die Situation noch so schlecht ist." Aber, so betont sie, in den kommenden Wochen spreche das ganze Land ohnehin nur noch über Fußball. "Der Sport ist wichtiger als Politik, Fußball ist Thema Nummer eins. Natürlich wünschen sich alle den EM-Titel".

Doch das Problem der Mannschaft sei die mangelnde Torgefährlichkeit. "Sie spielen wunderbar, tricksen, zaubern, es ist wunderschön anzuschauen, nur vor dem Tor sind sie zu harmlos - ich glaube dennoch, dass sie es ins Halbfinale schaffen können, drücke ganz fest die Daumen." Am 10. Juni beginnt die Fußball-Europameisterschaft in Frankreich . Der TV stellt im Vorfeld die 24 Teilnehmernationen vor. Dazu treffen wir uns mit Landsleuten, die in der Region Trier verwurzelt sind. Bei einem landestypischen Essen oder Getränk plaudern wir über Land und Leute - und Fußball. Alle bisher erschienenen Serienteile gibt's hier in unserem Dossier online

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