Zeit für einen "Sahne"-Tag

Kimmich, Sané, Weigl: Gibt Bundestrainer Joachim Löw einem seiner jungen Wilden heute Abend gegen Nordirland (18 Uhr/ARD) eine Chance? Am besten stehen die Chancen wohl für einen jungen Mann aus Gelsenkirchen.

Paris. Leroy Sané ist 20 Jahre alt, und er sieht wirklich keinen Tag älter aus. Trotzdem spielt er schon bei dem - zumindest für deutsche Verhältnisse - großen Club Schalke 04 in der Bundesliga. Trotzdem steht er bereits im EM-Aufgebot der deutschen Nationalmannschaft, und trotzdem wollen ihn die ganz großen Clubs unbedingt verpflichten. Trainer Pep Guardiola gilt als erklärter Anhänger des Spiels von Sané, und er winkt - weil er nun mit dem Geld der Scheichs bei Manchester City nur so um sich werfen kann - Sané mit einer Ablösesumme von 50 Millionen Euro zu sich auf die Insel. Die Bayern würden es preiswerter machen, noch ein Jährchen warten und dann 37 Millionen Euro zahlen. Diese Summe hat sich Sané für 2017 in den Vertrag schreiben lassen. Am morgigen Mittwoch, das wollen die Zeitungen und Online-Portale des Springer-Verlags erfahren haben, soll sich Sané zu seiner Zukunft erklären.
Seinem Management würde es da sicher ganz gut in den Kram passen, wenn der Schalker Stürmer zuvor bei der Europameisterschaft in Frankreich, also heute gegen Nordirland (18 Uhr/ARD), die große Bühne betreten würde. Das ist durchaus möglich, denn Sané, dessen Namen Joachim Löw beinahe unnachahmlich wie "Sahne" ausspricht, bringt Qualitäten mit, die der Bundestrainer zuletzt vermisste. Er ist schnell, kann auch mal einen Gegner ausspielen und gegen eine tiefstehende Verteidigung Lösungen finden, die seine prominenten Kollegen gegen die Polen nicht fanden.
Dennoch hält sich Löw bei der Frage nach Einsatzzeiten für "Sahne" und seine jungen Kollegen Julian Weigl (20, Borussia Dortmund) und Joshua Kimmich (21, Bayern München) betont zurück. Er sagt zwar: "Sané hat schon auch große Fähigkeiten, und Jo Kimmich hat im Training als rechter Verteidiger, als Innenverteidiger und als Mittelfeldspieler einen guten Eindruck hinterlassen. Auf keiner Position hätte ich Bedenken, ihn einzusetzen."Großfürsten im Mittelfeld


Löw sagt aber auch: "Die jungen Spieler mussten sich schon auch an das höhere Tempo und das Niveau gewöhnen. Man spürt bereits im Training: Das hier ist die Nationalmannschaft." Und es ist die Europameisterschaft, bei der sehr genau hingeschaut wird und bei der jeder Fehler schwere Folgen haben kann, nicht mehr auszugleichende Folgen, je länger das Turnier dauert. "Es ist eine besondere Drucksituation", folgert der Bundestrainer, "deshalb muss ich bei den Talenten, die ich mitgenommen habe, den richtigen Zeitpunkt für einen Einsatz finden". Er werde darum "nach der Situation entscheiden". Über Weigl spricht er gar nicht erst, dem stehen freilich die Mittelfeld-Großfürsten Toni Kroos und Sami Khedira, später wohl auch Bastian Schweinsteiger im fußballerischen Lebensweg.
Es gibt selbst in der jüngeren Länderspielgeschichte Beispiele dafür, dass Talente im ganz kalten Wasser schnell das Schwimmen lernen können. Vor gut sechs Jahren machte Thomas Müller bei der 0:1-Testspielniederlage gegen Argentinien in München sein erstes Länderspiel als Einwechselspieler. Er war 20 und damals so unbekannt, dass Trainer Diego Maradona ihn für einen Balljungen hielt, der sich nach dem Spiel aufs Podium geschlichen hatte. Maradona brach die Konferenz zunächst ab und war erst mit viel gutem Zureden zur Rückkehr zu bewegen.
Ein paar Monate später lernte er den schlaksigen Bayern näher kennen. Müller erzielte in seinem dritten Länderspiel zum WM-Auftakt beim 4:0 gegen Australien einen Treffer. Und er machte auch das Führungstor beim 4:0-Triumph über die Argentinier im Viertelfinale. Maradona wird ihn bis heute nicht vergessen haben.
Müller brachte ebenso wenig Erfahrung mit wie die drei jungen Männer, die Löw zum Mitreisen nach Frankreich eingeladen hat. Vielleicht war er bei seinen öffentlichen Auftritten nur einen Schuss unbekümmerter als das Nachwuchs-Trio heute, mehr Thomas Müller eben. Sané und Weigl wirken so brav und im DFB-Sinn wohlerzogen, dass es bereits an Unscheinbarkeit grenzt. Kimmich überlassen sie meist die Redeanteile. Und der verheddert sich gern im Gestrüpp der Artigkeiten. Er sagt beispielsweise: "Ich bin natürlich froh, dabei zu sein." Aber auch: "Ich habe gezeigt, dass ich auf vielen Positionen spielen kann. Der Bundestrainer weiß das." Das klingt schon wieder kess, allerdings ein bisschen berechnend. Ganz bestimmt nicht nach Thomas Müller. Das kann man auch nicht lernen.