Zwischen Schmerz und Schmerzensgeld

Zwischen Schmerz und Schmerzensgeld

Liga, Champions League, Nationalmannschaft - die bis zu 50 Pflichtspiele pro Saison haben gerade bei den Tospielern ihre Spuren hinterlassen. Sie haben bei der EM in Frankreich nicht das Optimum ihrer Leistung abgeliefert.

Marseille. Da sitzt er nun auf dem Rasen, der große Mann. Jérôme Boateng wird an der Seitenlinie vom Physiotherapeuten Klaus Eder behandelt. Der Nationalspieler hatte am Donnerstag beim 0:2 im EM-Halbfinale gegen Frankreich eine Muskelverletzung im Oberschenkel erlitten.
Boateng ist nicht der Einzige, der aus dieser EM hinaushumpelt, andere sind sogar hineingehumpelt. Sami Khedira kann am Anfang nicht richtig trainieren, Bastian Schweinsteiger schleppt sich durch die Vorbereitung, in seine beiden langen Einsätze gegen Italien und Frankreich geht er bandagiert wie ein Krieger, der unbedingt noch mal in die letzte Schlacht ziehen will.
Mario Gomez schaut im Halbfinale wie Khedira wegen der blessierten Muskulatur zu. Die Dortmunder Marco Reus und Ilkay Gündogan verpassen die EM, sie bleiben wegen ihrer Verletzungen zu Hause.
Die deutschen Spitzenspieler zahlen den Tribut für die Belastungen im Profifußball - da geht es ihnen nicht besser als den Kollegen in den anderen Mannschaften. Über 50 Spiele muss ein Topspieler in einer Saison auf hohem Niveau hinter sich bringen - Freundschafts- und Privatspiele nicht mitgerechnet. Und es ist nicht absehbar, dass sich daran etwas grundlegend ändern wird.
Die Uefa hat das Ihre getan, indem sie das Teilnehmerfeld der Europameisterschaft noch einmal vergrößert hat. Das erhöht die Belastung zusätzlich, und es führt nicht nur nach Ansicht des deutschen Trainers Joachim Löw dazu, dass am Ende auch die Qualität leide.
Die Großen kamen bei der EM nur langsam auf Touren, kleinere Fußballnationen, deren Spieler eher selten bei den Topklubs unter Vertrag stehen, stehlen ihnen die Schau, weil sie hungrig sind, frischer und ohne den Überdruss an lästigen Behauptungskämpfen, den so mancher große Star zunächst an den Tag legt. Cristiano Ronaldo ist ein gutes Beispiel.
Er geht erkennbar angeschlagen in die Veranstaltung, und hartnäckig kämpfende Abwehrspieler findet er furchtbar anstrengend. Anklagend geht der Blick zum Schiedsrichter, fast weinerlich. Erst sehr spät, nach vielen mühevollen Begegnungen, die selbst für das Publikum schwer zu ertragen sind, kommt er in Gang - wie seine Mannschaft und viele Favoriten.
Viele büßen mit Verletzungen für die zähe Selbstüberwindung. Boateng beispielsweise ist erst spät im April nach einer längeren Pause wieder in den Wettkampffußball zurückgekehrt. In Frankreich macht zunächst die Wade Probleme. Die Physiotherapeuten und Ärzte behandeln ihn tagelang, im Halbfinale ist es dann der Oberschenkel, der den Verteidiger ins Krankenlager bringt. Der Körper nimmt sich seine Pausen, er wehrt sich durch Verletzungen.
Damit müssen sich Profis in den einsamen Höhen des Spitzensports offenbar abfinden. "Im Fußball", klagt Löw, "wird es immer, immer mehr." Dafür gibt es natürlich auch immer, immer mehr Geld. Die Show muss weitergehen, Pausen verträgt das Unterhaltungsgeschäft nicht. Noch während der EM-Turniere beginnt die Saisonvorbereitung in den Vereinen, Sponsorenverträge verpflichten zu weiten Reisen, der Spielrhythmus ist früh in der Saison hoch, eigentlich zu hoch. Aber irgendwo muss die Maschine Profifußball ihren Treibstoff, das Geld, ja gewinnen.

Deshalb muss er seine prominentesten Unterhaltungskünstler ständig auf die Bühne stellen. In manchen Ligen pausenlos. "In England haben sie ja nicht mal eine Winterpause. Das ist brutal", sagt Thomas Müller. Die Briten zahlen dafür seit vielen Jahren bei den großen internationalen Turnieren einen hohen Preis. Wenn es dort interessant wird, sind sie meistens nicht mehr dabei, weil ihre Stars ausgelaugt sind.
In diesem Jahr muss Müller das Opfer für den Zirkus bringen. Er verletzt sich nicht, dagegen ist er offensichtlich immun, aber er spielt elend schlecht, kann sich nicht konzentrieren, er bringt die notwendige psychische Kraft nicht auf. Es lässt ihn gelegentlich auf dem Spielfeld verzweifeln, ratlos macht es ihn nicht, denn er kann es sich erklären. "Es ist ein nervenaufreibendes Geschäft. Du kannst einmal kurz Luft holen, dann wirst du wieder unter Wasser gedrückt."
Müller stellt das fest, er bejammert es nicht. Er weiß ja um das mehr als ordentliche Schmerzensgeld. "So ist nun mal das Geschäft. Du hast nur drei Wochen Urlaub, und da musst du versuchen, mental zur Ruhe zu kommen." Die physischen Belastungen erträgt er besser als viele andere Kollegen. "Jeder Mensch kann gut vorbereitet alle vier Tage läuferisch eine Topleistung bieten", behauptet der Bayer. Das hat er selbst bewiesen. Trotzdem würden ihm nicht alle zustimmen. Khedira nicht, Schweinsteiger nicht und Boateng schon gar nicht.

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