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Merzkirchen
Afrika-Star in der Kreisliga D

Treffpunkt Hartplatz: Ex-Real-Madrid-Spieler Javier Balboa (rechts) und Bruno Lopes.
Treffpunkt Hartplatz: Ex-Real-Madrid-Spieler Javier Balboa (rechts) und Bruno Lopes. FOTO: Mirko Blahak / TV
Merzkirchen. Er galt einst bei Real Madrid als großes Talent. Javier Balboa ist ein Beispiel für die Schnelllebigkeit im Fußball-Geschäft – und dafür, dass hinter den Kulissen auf internationaler Bühne längst nicht alles glänzt. Nun war der 32-Jährige zu Besuch auf dem Saargau.

Über den Bildschirm flimmert das NDR-Fernsehen. Es läuft die neueste Folge von „Abenteuer Diagnose“. Im Hintergrund röchelt die Kaffeemaschine. Javier Balboa sitzt im Warmen am Fenster des Vereinsraums und schaut, wie sich sein Kumpel Bruno Lopes auf dem anfangs mit Pfützen übersäten Hartplatz in Merzkirchen schlägt. Kreisliga D Saar, SG Wincheringen II - SG Freudenburg II. Ein Derby vor zehn Zuschauern.

Wenn Balboa in Äquatorialguinea ist, kann er sich nicht so unbehelligt bewegen. In dem rund eine Million Einwohner zählenden Staat in Westafrika ist er ein Star. Der Fußball-Nationalspieler wird nach Autogrammen und Fotos gefragt. Bei der Afrika-Meisterschaft 2012 schoss er das erste Tor des Turniers, als er gegen Libyen in der Schlussphase zum 1:0 traf. 2015 erreichte er mit seinem Team überraschend das Halbfinale.

„Der Platz hier in Merzkrichen erinnert mich an die Bolzplätze während meiner Schulzeit“, sagt Balboa. Seine Eltern waren vor der Diktatur in Äquatorialguinea unter Francisco Macías Nguema (1969 bis 1979) nach Madrid geflüchtet, wo Balboa 1985 geboren wurde.

Mit 15 Jahren ging er zu Real Madrid. Er fuhr jeden Tag mit dem Zug zum Training. Eine Stunde hin. Eine Stunde zurück. Er galt als großes Talent, schaffte den Sprung zu den Profis. Sein Debüt feierte er am 26. Oktober 2005 im Auswärts­spiel bei Deportivo La Coruna. Noch heute bekommt Balboa glänzende Augen, wenn er an dieses Spiel zurückdenkt: „Ich war damals gerade mal 20 Jahre alt und wurde für David Beckham eingewechselt. Es war ein unglaublicher Moment. Ich hatte großen Respekt, mit den besten Spielern der Welt auf dem Platz zu stehen.“

Es war die Zeit, als Real als die „Galaktischen“ bezeichnet wurde. Balboas Mitspieler hießen Iker Casillas, Roberto Carlos, Sergio Ramos oder Raul. 2008 wurde er mit Madrid spanischer Meister – der Trainer damals: Bernd Schuster (Balboa: „Er war ein guter Coach. Wir haben bei ihm viel mit dem Ball gemacht. Er war einer der besten Spieler Europas.“)

Durchsetzen konnte sich der Mittelfeldspieler, der seit seiner Jugendzeit den Spitznamen „Rocky Balboa“ trägt, bei den Königlichen jedoch nicht. Eine Reise begann: Benfica Lissabon, FC Cartagena, Albacete, Beira-Mar, Estoril, Faisaly in Saudi-Arabien, CR Al Hoceima in Marokko, AO Trikala in Griechenland, Al-Mesaimeer in Katar. Zu den Spielen im Wüstenstaat kamen selten mehr als 200 Zuschauer.

Die WM 2022 in Katar? Balboa hat eine pragmatische Meinung: „So ist das Business. Im Fußball geht es letztlich ums Geld.“

Zurzeit ist Balboa vereinslos. Nach eigener Aussage gab es bei seinen letzten drei Stationen in Marokko, Griechenland und Katar Probleme bei den Gehaltszahlungen. Fälle, die beim Weltverband Fifa gelandet seien. Erlebnisse, die Balboa nachdenklich gemacht haben. Ob er weiterspielt? Es ist offen.  Balboa will mehr Zeit mit seiner in Madrid lebenden Familie (Frau, drei Kinder) verbringen.

Balboa ist in Äquatorialguinea ein großer Name. Javiers Urgroßvater war Bürgermeister der Hauptstadt Malabo. Sein Großvater, ebenfalls ein Fußballer, wurde hingerichtet, weil er zu Putschisten gegen Diktator Nguema zählte. Die Bedingungen im Land haben sich verbessert, dennoch kann nicht von einer Demokratie gesprochen werden. Der Präsident verfügt über eine große Machtfülle, die Schere zwischen Arm und Reich geht weit auseinander. Korruption ist ein leidiges Thema.

Moralische Bedenken, für Äquatorialguinea zu spielen, hat Balboa nicht. „Ich spiele des Fußballs wegen für mein Land. Und für die Menschen. Die Bevölkerung ist sehr glücklich, wenn die Nationalmannschaft spielt.“ Dennoch: Auch die Fortsetzung seiner Karriere im Nationalteam ist keineswegs eine ausgemachte Sache. Derzeit läuft die Qualifikation für die Afrika-Meisterschaft 2019. Balboa: „Für afrikanische Verhältnisse sind die Bedingungen in Äquatorialguinea nicht so schlecht. Das Land verfügt über Ölreichtum. Dennoch ist es nicht einfach. Es fehlt an guter Organisation.“

Zu Besuch bei Freund Bruno Lopes auf dem Saargau war Balboa für ein paar Tage. Beide lernten sich vor ein paar Jahren kennen – kurioserweise über einen Twitter-Chat zu Fragen rund um eine Computer-Autosimulation. Erst später ging es um Fußball. Balboa spielte damals für Benfica Lissabon, Lopes’ Lieblingsverein. So war schnell eine Basis gefunden. Lopes besuchte Balboa in Portugal, nun kam der Mittelfeldspieler erstmals nach Deutschland: „Auch wenn es viel geregnet hat, war es sehr schön. Es ist sehr ruhig hier. Man kann gut entspannen.“

Ein Glücksbringer am Spielfeldrand war Balboa für Kumpel Lopes allerdings nicht. Die SG Wincheringen/Merzkirchen/Palzem II verlor mit 0:1.