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Als die Mehringer Jungs St. Pauli aufmischten

Welch ein Spiel : Als die Mehringer Jungs St. Pauli aufmischten

Ein kleiner Club von der Mittelmosel spielte im Konzert der Großen mit: Vor 43 Jahren kämpfte der SV Mehring um die Deutsche A-Jugend-Meisterschaft. Wie eine Kaiserslauterer Fußballlegende als Motivator in Erscheinung trat und welchen Einfluss die Arbeit im Weinberg auf die Erfolge hatte, erfahren Sie im nächsten Teil unserer Serie „Welch’ ein Spiel“.

Plötzlich spielten sie im gleichen Wettbewerb wie Werder Bremen, der VfB Stuttgart, Schalke 04 – oder eben der FC St. Pauli: Als der Nachwuchs noch ausschließlich regional um Punkte kämpfte und es hier noch keine Bundesligen gab, spielte die A-Jugend des SV Mehring um die Deutsche Meisterschaft.  Für den amtierenden Rheinlandmeister ging es im Hinspiel am Sonntag, 12. Juni 1977, daheim gegen den Hamburger Vertreter. Das mit dem Heimvorteil war aber relativ: Weil man seinerzeit auf der Mehringer Lay nur über einen Hartplatz verfügte und dieser als Spielstätte auf DFB-Ebene nicht zugelassen war, fand die Begegnung mit St. Pauli auf dem Rasenplatz des Trierer Waldstadions statt. „Ein Umzug ins größere Moselstadion schien uns nicht sinnvoll zu sein. So viele Zuschauer erwarteten wir dann auch nicht“, erinnert sich Toni Loch, der damals als Betreuer die rechte Hand von Trainer Gerhard Berens war.

Immerhin 3500 kamen, um das Mehringer Duell gegen den hohen Favoriten von der Waterkant zu verfolgen. Vor Ehrfurcht erstarren brauchte die Mannschaft um Abwehrchef Walter Frick aber nicht. Dafür hatten sie eine zu starke Saison in der A-Jugend-Sonderklasse des Fußballverbands Rheinland hingelegt und unter anderem dem Lokalrivalen Eintracht Trier zweimal das Nachsehen gegeben. Mit 4:0 und 2:0 entschied das fast ausschließlich aus Mehringer Jungs bestehende Team die beiden Derbys für sich. „Wir haben mit denen Rock’n’Roll getanzt“, weckt der heutige Vereinsvorsitzende und damalige Manndecker Peter Dietz noch einmal Erinnerungen an glanzvolle Auftritte – die fast ausnahmslos Sonntagsmorgens um 11 Uhr stattfanden. „Das ganze Dorf war da auf den Beinen, und nach der Messe und der Musikprobe kamen zu unseren Punktspielen manchmal sogar 700 bis 800 Zuschauer auf die Lay“, berichtet Dieter Gorges. Mit Egon Monzel bildete er eine gefährliche Flügelzange. Sie kamen bis zum Ende der Saison auf 30 Treffer, wobei Gorges mit 16 Toren knapp die Nase vorne hatte. Der heimische Hartplatz, mit dem Rasenplatz-verwöhnte Gegner nicht so richtig klarkamen, die enorme Euphorie und Kontrahenten, welche die Mehringer anfangs unterschätzten: Diese Faktoren hätten die Erfolgsserie begünstigt, ist Gorges überzeugt.

Durch Kampfkraft, taktische Disziplin und enormen Zusammenhalt wollte an jenem 12. Juni 1977 eine Mehringer Elf dem FC St. Pauli Paroli bieten, die zudem über Jahre hinweg eingespielt war – und von niemand anderem als dem 1954er Weltmeister Fritz Walter zusätzlich motiviert wurde. Jedem der Mehringer Spieler ließ er kurz vorm Spiel im Waldstadion sein jeweils mit persönlicher Widmung handsigniertes Buch („Spiele, die ich nie vergesse“) zukommen. Im Hintergrund hatte offenbar der Mehringer Verbandsfunktionär Matthias Weber seine guten Verbindungen zur Kaiserslauterer Fußballlegende spielen lassen.

Den Ursprung der  glorreichen Fußballzeiten an der Mittelmosel sieht Walter Frick Ende der sechziger Jahre begründet: „Wir Mehringer spielten im Rahmen eines Messdiener-Zeltlagers gegen Gäste aus der Nähe von Frankfurt. Unser damaliger Lehrer Wolfgang Webel erkannte bei uns viel Talente und begann, uns mit viel Hingabe zu fördern.“ Die physische Stärke der Blau-Weißen von der Lay kam für Frick nicht von ungefähr: „Die meisten von uns entstammten Winzerfamilien und hatten viel Kraft durch die Arbeit im Wingert.“

Die spielerische Überlegenheit der St. Paulianer erkannte auch der damalige TV-Berichterstatter an. Aber: „Die Hamburger Stürmer ließen sehr oft im Abschluss die Konzentration vermissen.“ Hinzu kam, dass „immer wieder ein Mehringer dazwischenfuhr“. Hin und wieder tauchte die Mannschaft von Coach Berens aber bereits in Hälfte eins gefährlich vorm Tor der Norddeutschen auf. Mal vergab Monzel aber freistehend, nachdem ein Freistoß von Werner Wedekind zu kurz abgewehrt worden war. Mal drosch Alfred Schömann den Ball in aussichtsreicher Position übers Hamburger Tor.

Der Pölicher leitete auch die Führung der Gastgeber ein. Seine Flanke verwertete Monzel zum 1:0 (56.). Zu einem Sieg reichte es aber nicht. 20 Minuten später egalisierte Dieter Kawohl für den Kiez-Club, in dessen Reihen auch die späteren Bundesligagrößen Holger Hieronymus und Bernd Gorski standen.

Neben Flügelflitzer Gorges wies der TV-Bericht Mittelfeldspieler Erich Diederich als besten Mehringer aus. Noch heute trauert der später so erfolgreiche Senioren- und Jugendtrainer des SVM der vertanen Chance im Rückspiel nach. Auch hier hatte Monzel die Mehringer Führung erzielt. „Dann wurde Alfred Schömann im Strafraum von den Beinen geholt. Es war ein klarer Elfmeter, den der ganz aus der Nähe Hamburgs angereiste Schiedsrichter merkwürdigerweise aber leider nicht gab.“

Bis weit in die zweite Hälfte hinein hielt der Underdog – unter den 800 Besuchern waren 500 Fans von der Mosel mitgereist – die Partie offen. „Dann mussten wir aufmachen und kassierten noch zwei Treffer zum 1:4“, denkt Peter Dietz mit Stolz, aber auch mit Wehmut an das Ausscheiden auf St. Pauli zurück. Die Partie am Millerntor stand am Ende eines viertägigen Trips an die Elbe, ein ausführlicher Stadtbummel mit Besuch der Reeperbahn inklusive. Nächster Gegner in der Endrunde um die Deutsche A-Jugend-Meisterschaft wäre der FC Schalke 04 gewesen.

Abgesehen von den 1986/87 mit dem FSV Salmrohr in der zweiten Bundesliga aktiven Schömann-Brüdern hätten wohl auch andere aus der damaligen Mehringer Mannschaft das Zeug dazu gehabt, später noch einmal auf der nationalen Fußballbühne aufzutauchen. „Fußball war zwar unser Leben, doch der Beruf ging einfach vor“, stellt Dieter Gorges klar. Ein Probetraining bei Süd-Zweitligist Eintracht Trier musste er so auf Anraten seiner Eltern absagen, um nicht die Konzentration auf die Ausbildung aus den Augen zu verlieren. Walter Fricks Priorität lag auf dem Bäckerberuf. Erich Diederichs hoffnungsvolle Laufbahn wiederum bekam wegen einer schweren Verletzung einen entscheidenden Rückschlag. Als 24-Jähriger musste er mit dem Fußballspielen aufhören.

Die besonders starke Jugendarbeit in den Siebzigern und dank Diederich noch einmal rund 30 Jahre danach war aber immerhin der Grundstock für erfolgreiche Mehringer Zeiten im Herrenbereich. Seit gut vier Jahrzehnten sind die Blau-Weißen mittlerweile fast ununterbrochen in überkreislichen Ligen zu Hause. Die Begeisterung im fußballverrückten Dorf an der Mittelmosel flammte dabei immer wieder auf. Eine Kulisse wie die 3500 Zuschauer gegen St. Pauli ist aber bis heute unerreicht.

Aufstellung des SV Mehring am 12. Juni 1977 im Achtelfinal-Hinspiel um die Deutsche A-Jugend-Meisterschaft gegen den FC St. Pauli (1:1)

Mehring Bild Foto: TV/Schramm, Johannes
Mehring Schlagzeile 2 Foto: TV/Schramm, Johannes
Mehring Schlagzeile Foto: TV/Schramm, Johannes

Heinz Bach – Rudolf Mandler, Walter Frick, Peter Dietz, Klaus Lex, Erich Diederich, Gerd Walter (20. Mathias Schömann), Werner Wedekind, Dieter Gorges, Alfred Schömann, Egon Monzel (65. Horst Adams).