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Fußball ohne Fans und Emotionen: Erfahrungsbericht von TV-Reporter Stefan Strohm vom Geisterspiel in Kaiserslautern

Fußball 3. Liga : Geisterstunde um halb neun

Fußball ohne Fans und Emotionen: Ein Erfahrungsbericht des TV-Redakteurs Stefan Strohm vom ersten Geisterspiel des 1. FC Kaiserslautern in dessen 120-jähriger Vereinshistorie.

Am Dienstagabend um 17.26 Uhr kommt die frohe Kunde von FCK-Pressesprecher Stefan Roßkopf: „Hallo Herr Strohm, sorry für die verspätete Rückmeldung. Ich habe tatsächlich noch einen Platz auf der Pressetribüne frei und würde Sie daher für morgen noch akkreditieren.“ Das bedeutet: Ich bin dabei, als einer von nur zehn Printjournalisten, die über das erste Geisterspiel des 1. FC Kaiserslautern am Mittwochabend im Fritz-Walter-Stadion berichten dürfen. Meine Vorfreude auf diese neue Erfahrung ist groß, denn auch für mich wird das Heimspiel der Lauterer – ausgerechnet gegen den TSV 1860 München, mit denen die FCK-Anhänger eine Fan-Freundschaft pflegen – eine Premiere.

Krasser könnten die Gegensätze kaum sein: Vor knapp zwei Jahren absolvierten die Lauterer nach dem Zweitligaabstieg ihr erstes Spiel in der 3. Liga zu Hause ebenfalls gegen 1860 München. Die Überschrift über den TV-Artikel lautete: „Sternbergs Sternstunde“. Mit seinem Treffer zum 1:0 in der 86. Minute ließ Janek Sternberg den prall gefüllten Betzenberg erbeben: 41 324 Zuschauer waren ins Fritz-Walter-Stadion gekommen. Am Mittwochabend ist das weite Rund der WM-Arena von 2006, das 49 780 Zuschauern Platz bietet, bis auf die Medienvertreter sowie die Spieler und Verantwortlichen der beiden Vereine leer.

Der Arbeitstag beginnt für mich zu Hause mit dem Ausfüllen des Fragebogens für Einlasskontrollen, in dem ich bestätige, dass kein aktueller positiver Nachweis des Coronavirus SARS-CoV-2 vorliegt und ich nicht unter den typischen Symp­tomen einer Infektion mit diesem Virus leide. Zudem studiere ich den zwölfseitigen Medien-Leitfaden „Sonderspielbetrieb 3. Liga“.

Nach völlig entspannter Anreise über die Autobahn und durch ein fast autofreies Kaiserslautern erreiche ich gegen 18.40 Uhr den Medienparkplatz P 2 West auf dem Betzenberg. Vor dem Stadion, wo sich ansonsten Tausende FCK-Anhänger tummeln würden, ist gähnende Leere: kein Mensch, kein Auto, kein Shuttle-Bus. Nur beim Medieneingang sind vier Menschen zu entdecken. Eine davon ist Ann-Kathrin Hauck, Mitarbeiterin der FCK-Medienabteilung, die mir die Tagesakkreditierung aushändigt. Zuvor misst aber noch der Hygienebeauftragte meine Temperatur – alles in Ordnung: „Passt“, lautet sein knapper Kommentar. Dann kontrolliert ein Ordner meine Tasche, eine weitere Ordnerin weist mich auf die Desinfektion meiner Hände hin.

So, das war es – um 18.55 Uhr kann ich das Fritz-Walter-Stadion durch den Medientunnel betreten. Im Innenraum des Stadions geht es vorbei an der leeren Westkurve, in der sonst das Herz der FCK-Fans schlägt, an der Süd- und an der Osttribüne. Im Stadion sind nur einige Mitarbeiter der Fernsehsender, die letzte Vorbereitungen für die Übertragung treffen. Weiter geht es auf die Nordtribüne zu den Presseplätzen, die ich um 19.10 Uhr erreiche – 80 Minuten vor dem Anpfiff. Unter den akkreditierten Print-Journalisten befinden sich bekannte Kollegen wie Jürgen C. Braun, der für die Pirmasenser Zeitung schreibt, Oliver Sperk von der Rheinpfalz, Moritz Kreilinger (Kicker) und Uli  Schauberger von der Bild-Zeitung sowie einige Münchner Kollegen.

Die Freude über das Wiedersehen nach wochenlanger fußballloser Zeit ist groß, aber die Begleitumstände sind seltsam. Um 19.32 Uhr gibt ein Radioreporter in einer ersten Liveschaltung einen Ausblick auf die Partie – im weiten Rund ist jedes Wort klar und deutlich zu verstehen. Das einzige Nebengeräusch ist das Gezwitscher zweier Tauben, die unter dem Dach umherfliegen. Das ändert sich um 19.44 Uhr, als prasselnder Regen einsetzt: Fritz-Walter-Wetter zur Geisterspielpremiere!

Dann kommen die Spieler zum Aufwärmen, das Ploppen der Bälle ist zu hören, ansonsten Stille. Kein Stadionsprecher, der die Aufstellungen verkündet, keine Musik aus den Lautsprecher-Boxen, selbst die Videoleinwand ist aus. Dann kommen die Spieler getrennt aufs Feld,  alle versammeln sich rund um den Mittelkreis, um der weltweiten Corona-Opfer zu gedenken. Die absolute Stille während der Gedenk­minute ist diesmal garantiert.

Um 20.32 Uhr pfeift Schiedsrichter Benedikt Kempkes die Partie an, und ich fühle mich sofort erinnert an Spiele im Trainingslager, die meistens nur von wenigen Zuschauern verfolgt werden. Die Rufe der Spieler und die Anweisungen der beiden Trainer Boris Schommers und Michael Köllner sind laut zu hören, die Rufe hallen wider im weiten Betonrund. Es entwickelt sich eine rassige erste Halbzeit, die im Normalfall für beste Stimmung auf den Rängen gesorgt hätte. So werden die beiden Tore nur von den Mannschaftskollegen und den Betreuern bejubelt. In der Halbzeitpause ist es wieder ganz ruhig, nur das monotone Ploppen der Bälle beim Passen der Ersatzspieler ist zu hören.

In der zweiten Hälfte wird es am Ende etwas hektischer, und zwei Journalisten aus München kommentieren lautstark die Entscheidungen des Schiedsrichters. „Da heb‘ doch die Fahne“, brüllt einer von beiden. Doch es bleibt beim 1:1. Um 22.22 Uhr pfeift der Schiri ab, gut 20 Minuten später sitze ich schon im Auto. Keine Pressekonferenz, kein Stau bei der Abfahrt vom Betzenberg. Zur Geisterstunde gegen Mitternacht bin ich wieder zu Hause und lasse mein erstes Geisterspiel Revue passieren. Was bleibt, ist ein seltsames Gefühl und die Erkenntnis: Fußball ohne Fans und Emotionen auf den Rängen ist wie Kaiserslautern ohne den FCK. Beides kann und will ich mir nicht vorstellen.