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Haag/Horath: Wie zwei Hunsrück-Dörfer für Furore sorgten

Welch’ ein Spiel : Wie zwei Hunsrück-Dörfer für Furore sorgten

Dieses Derby elektrisierte in den neunziger Jahren die Massen am Fuße des Erbeskopfs: Wenn die SG Haag/Horath und der SV Morbach in der Fußball-Rheinlandliga aufeinandertrafen, schnellten die Zuschauerzahlen oft in den vierstelligen Bereich. So wie am 3. Dezember 1994. Die gastgebende Spielgemeinschaft siegte 4:2. Für viele war es der Höhepunkt einer famosen Haag/Horather Verbandsligasaison. Der Rückblick auf diese Partie setzt unsere Serie „Welch’ ein Spiel!“ fort.

Im dritten Jahr der Zugehörigkeit zur höchsten Spielklasse des Fußballverbandes Rheinland kannte die Euphorie in Haag und Horath keine Grenzen. 300 Schals mit SG-Aufdruck hatte Joachim Thömmes bestellt. „Pünktlich zum Spiel gegen Morbach waren sie fertig – und sie fanden reißenden Absatz. Schon ein paar Wochen später musste ich welche nachordern“, erinnert sich der damalige Sportliche Leiter.

Trotz der großen Kulisse von 1100 Zuschauern und den neuen Fan-Accessoires bot das Geschehen auf dem Haager Rasenplatz am 3. Dezember 1994 zunächst nur beschauliches Format.  „Beide Mannschaften spielten auf Sicherheit und lieferten sich ein eher laues Duell“, hieß es im zwei Tage später erschienenen TV-Artikel. Wie viel Brisanz in den Vergleichen der Hunsrück-Nachbarn lag, weiß Helmut Gorholt, seinerzeit Morbachs Trainer, noch heute genau: „Da war einiges an Rivalität im Spiel. Es wurde um jeden Grashalm gefightet.“ Und auch die Begegnung des 17. Spieltags der Verbandsliga-Runde 94/95 sollte sich noch zu einem großen Kampf entwickeln.

Bundesliga-Schiedsrichter Edgar Steinborn rückte bei den beiden ersten Treffern in den Mittelpunkt. „Das waren Elfmeter, die man nicht pfeifen musste“, grinst Joachim Thömmes beim Treffen mit dem TV im Haager Sportlerheim und erntet dabei zustimmendes Kopfnicken von seinem Großcousin Udo, der damals in der 75. Minute eingewechselt wurde.

Zunächst soll Haags Torwart Frank Bungert den Morbacher Michael Eck von den Beinen geholt haben. Dieser fädelte jedoch eher geschickt ein. Mario Winkel war es egal und markierte das 1:0 für die Gäste, welche nach einer Viertelstunde bereits zwei verletzungsbedingte Wechsel zu verkraften hatten. Trotzdem kamen die Haager in diesem Spitzenspiel des Tabellendritten gegen den Fünften nicht in die Gänge. „Wir waren nach dem 0:1 wie von der Rolle“, musste SG-Coach August Schlotter später zugeben. Das 1:1 durch Gregor Knob, nachdem Michael Reinart gefoult worden sein soll, brachte die Wende (41.). Vier Minuten nach der Pause ließ Michael Bastian Morbachs Schlussmann Christian Willger mit einem kraftvollen Schuss keine Chance – 2:1. Marco Martinis Pass auf Reinart leitete das 3:1 ein (58.).

Haag/Horath, das insgesamt sechs Jahre lang in der damals viertklassigen Verbandsliga mitmischen sollte, wirkte aber auch mit der komfortablen Führung im Rücken noch nicht  richtig befreit. „Bei den SG-Akteuren hatte man den Eindruck, sie hätten Angst vor der eigenen Courage gehabt“, ist dem TV-Bericht zu entnehmen. Die Schlotter-Elf ließ klarste Chancen aus. Rund 20 Minuten vor Schluss dennoch die Vorentscheidung: Der starke  Bastian traf im Nachsetzen zum 4:1. Morbach gelang durch den Kopfballtreffer von Dany Scheid nach Flanke von Friedhelm Gorges nur noch das 4:2 (86.). Die höhere Aggressivität der frenetisch von den eigenen Fans gefeierten Haag/Horather erkannte auch SVM-Trainer Gorholt in seiner Analyse an, während sein Gegenüber Schlotter trotz des Prestigesieges nicht ganz zufrieden war („Wir waren eindeutig das bessere Team. Die Torausbeute hätte aber höher ausfallen müssen.“).

Schlotters gute Kontakte zu seinem Ex-Club Salmrohr und Spielerverpflichtungen von dort waren den Haag/Horathern nützlich, um mit den starken einheimischen Akteuren eine schlagkräftige Einheit zu bilden. Auf Platz zwei schloss die Spielgemeinschaft eine famose 94/95er Spielzeit hinter Oberligaaufsteiger VfL Trier ab. Drei weitere Jahre in der Verbandsliga folgten noch.

„Wichtige Spieler verließen uns, und bei den Neuzugängen wollten wir uns finanziell nicht verheben. So war die Verbandsliga auf die Dauer nicht zu halten“, lässt Udo Thömmes‘ Bruder Matern durchblicken. Augenzwinkernd führt der zweite Vorsitzende an: „Weil viele unserer guten Fußballer Väter von Mädchen wurden, ging uns intern auch ein Stück weit der Nachwuchs aus.“

2001 war die SG in der Kreisliga A angelangt. Mittlerweile spielt man als SG Haag/Horath/Dhrontal/Merscheid in der Kreisliga B I Mosel. „In die A-Klasse wollen wir schon noch mal“, bekennt Matern Thömmes. Bei aller Begeisterung für den Fußball ist er aber auch stolz darauf, dass man sich in Haag in den vergangenen Jahren breiter aufgestellt hat. Rund 400 Mitglieder zählt der 1955 gegründete SV Haag mittlerweile – eine stolze Zahl bei 450 Einwohnern.

Insgesamt sieben Abteilungen gibt es im SV Haag. Aushängeschild sind die Volleyballerinnen. Wenn sie in der Verbandsliga Nord gegen Teams von Mosel, Rhein, aus der Eifel und dem Westerwald spielen, sieht man beim einen oder anderen Zuschauer auch noch jene Schals, die Ende 1994 so reißenden Absatz fanden – und bis heute an die großen Fußballzeiten in Haag und Horath erinnern.

Aufstellung der Verbandsliga-Partie am 3. Dezember 1994 zwischen der SG Haag/Horath und dem SV Morbach (4:2):

Haag: Bungert – Knob, Schemer, Neukirch, Schu (46. Bastian), Petry, Lauterbach (75. Thömmes), Körperich, Martini, Reinart, Poltrock.

Morbach: Willger – Wagner (12. Wahlen), Zimmer, Eck, Winkel, Strouvelle (15. Scheid), Klassen, Gorges, Michels, Haubst, Junglen.

Schiedsrichter: Edgar Steinborn (Sinzig)