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Lea Millen aus Trier holt Gold im Gewichtheben, ist Deutsche Meisterin

Deutsche Meisterin : Wie eine 17-Jährige aus Trier im Gewichtheben für Aufsehen sorgt

Sie kommt aus Trier, sie ist 17 Jahre alt und sie zählt zu den größten Nachwuchstalenten Deutschlands im Gewichtheben: Lea Millen. Warum sie die Sportart so liebt, wieso sie sich insbesondere gegenüber Männern immer wieder rechtfertigen muss – und dann ist da noch ein ganz besonderer Berufswunsch...

Am Ende, so sagt es Lea Millen, am Ende ist es immer wieder dieselbe Leier. Sie hat das alles schon gehört. Zweimal, zehnmal, hundertmal. Längst hat sie aufgehört zu zählen. Sie weiß, dass die Fragen kommen. Immer wieder. Ihre beste Freundin, die könne manchmal nicht mehr anders, als einfach herzhaft loszulachen in diesen Momenten. Auch Lea Millen lacht jetzt herzhaft, als sie davon spricht. Mit Humor geht vieles, fast alles. Kürzlich, da sei es wieder so weit gewesen. Ein Geburtstag bei Freunden. Gemütlicher Abend. Plötzlich: „Du bist doch die Gewichtheberin, oder?“ Sie, so erzählt Millen, sie habe die jungen Herren nicht gekannt, die sie da ansprachen. Die sie allerdings schon. Es spricht sich eben rum, was Lea Millen so macht, wenn sie nicht die Schulbank drückt. Als sie bejaht, folgt das übliche Programm, die bekannten „Männer“-Fragen, dieselbe Leier eben: „Wie viel stemmst du? Wie viel schaffst du im Bankdrücken?“

Basiswissen im Schnelldurchlauf

Stemmen, Bankdrücken – Millen grinst. „Was soll ich dazu sagen?“, fragt sie im Gespräch mit dem Volksfreund. „Ich habe keine Ahnung, was ich da packe, denn das trainieren wir nie. Das ist nicht Teil unseres Trainings, hat mit Gewichtheben nichts zu tun.“

Sie bleibe dann stets freundlich, versuche zu erklären, worum es im Gewichtheben wirklich geht. Erzähle ein bisschen vom Reißen, ein bisschen vom Stoßen. Basiswissen im Schnelldurchlauf sozusagen. Und nach dem theoretischen Teil folgt dann auch schon mal der praktische. So wie auf jener eingangs beschriebenen Party. Millen erinnert sich: „Eine Freundin meinte, komm Lea, wie wäre es mit Armdrücken, du kannst das doch so gut.“ Wenige Minuten später heißt es Millen gegen alle. „Natürlich habe ich nicht gegen jeden Jungen gewonnen, die sind schließlich auch ganz gut gebaut“, sagt die Schülerin lachend.

Gewichte heben in der Stadt der Rosen

Lea Millen gehört zu den größten Nachwuchstalenten in Deutschland. Die 17-Jährige hat sich kürzlich Gold bei den Deutschen Meisterschaften gesichert.
Lea Millen gehört zu den größten Nachwuchstalenten in Deutschland. Die 17-Jährige hat sich kürzlich Gold bei den Deutschen Meisterschaften gesichert. Foto: Marek Fritzen

Lea Millen, 17 Jahre alt aus Trier-Ehrang, sorgt dieser Tage nicht nur auf Geburtstagspartys für Aufsehen. Die Oberstufenschülerin zählt zu den talentiertesten Nachwuchs-Gewichtheberinnen in Deutschland. Seit Ende November trägt sie den Titel: Deutsche Jugend-Meisterin. In Sangerhausen, der selbst ernannten Rosenstadt in Sachsen-Anhalt, wo sie so stolz sind auf ihre Rosenpracht, da ließ Millen die Gewichte fliegen, holte Gold in der Gewichtsklasse bis 55 Kilogramm. Ein Erfolg mit Gewicht, denn: Lea Millen war nicht nur die einzige Starterin aus Rheinland-Pfalz, ihr Titelgewinn ist der erste seit Jahrzehnten für die Region. Als letztmals ein Trierer Heber im Jugendbereich Gold holte, da hatte Diego Maradona seine Nation gerade mit Hilfe von ganz oben zum Fußball-Weltmeistertitel geführt. 1986 war das, als ein gewisser Stefan Schulte den für lange Zeit letzten Jugendmeistertitel für die Kyltallheber Ehrang erhob. Danach kam lange nichts mehr. Bis jetzt, bis sich Lea Millen auf den Weg gen Osten machte.

„Klar, bin ich stolz wegen des Titels“, gesteht Millen und grinst. „Ich renne jetzt aber nicht überall herum und erzähle jedem davon. Meine Lehrer zum Beispiel, die wissen nichts von meinem Erfolg.“ Eben eine, die nicht abhebt.

Es ist ein Mittwochabend Ende November. Lea Millen sitzt inmitten von Trainingsgeräten. Was wirkt wie ein schniekes kleines Fitnessstudio, ist Teil der Praxis ihres Vaters Frank. Der 44-Jährige, einst einer der erfolgreichsten Gewichtheber des Landes, jahrelang für die Kylltalheber in der Bundesliga aktiv, ist heute Physiotherapeut, führt eine eigene Praxis mit angeschlossenem Fitnesscenter unweit des Trierer Hafens. Draußen vor der großen Fensterfront schieben sich die Autos kriechend im Feierabendverkehr vom Trierer Stadtgebiet über die B53 hinaus ins Umland.

 Im Einsatz bei der Deutschen Meisterschaft in Sangerhausen: Lea Millen.
Im Einsatz bei der Deutschen Meisterschaft in Sangerhausen: Lea Millen. Foto: Marek Fritzen

Flut ruinierte Trainingshalle

Hier in den Räumen trainiert Frank Millen seine Tochter und den Nachwuchs der Kylltalheber. Ein Ausweichquartier seitdem die Flut die alte Halle im Ehranger Ortskern im Sommer 2021 für immer ruinierte.

 Sie habe es, sagt Lea Millen, sie habe es im Gefühl gehabt, dass es diesmal klappen könnte mit dem Titel. In Sangerhausen geht’s zuerst ums Reißen. Für Nicht-Gewichtheber: Beim Reißen muss die Hantel ohne Unterbrechung in einem Zug vom Boden in die Hochstrecke gebracht und fixiert werden. Dabei gelingt Millen mit 57 Kilogramm ein starker erster Versuch. Auch der zweite geht mit 60 Kilogramm in die Wertung ein. In der dritten Runde stellt die 17-Jährige mit 63 Kilogramm mal eben noch ihre eigene Bestleistung ein.

Dann die zweite Disziplin, Stoßen. Nochmal für Nicht-Gewichtheber: Jetzt muss die Hantel in einem Zug zuerst zur Brust gebracht, eine Zwischenposition mit gestreckten Beinen eingenommen und aus dieser Position mit einer zweiten Bewegung über den Kopf gestoßen werden.

Hier startet Millen mit 67 Kilogramm. Der Versuch gelingt. Eine Medaille ist jetzt greifbar nahe. Es folgen 70 und 73 Kilogramm – alles gelingt. Unterm Strich bleibt am Ende – Achtung Gewichthebe-Fachjargon – eine Zweikampfleistung von 136 Kilogramm bei sechs gültigen Versuchen. Heißt: Platz eins, Goldmedaille in ihrer Alters- und Gewichtsklasse. Millens bisher größter Erfolg.

Für die Schülerin des Schweicher Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasiums, die als jüngstes Team-Mitglied regelmäßig für Ehrang in der Regionalliga antritt, zudem im Jugend-Nationalkader steht, ist es der größte Erfolg ihrer Karriere.

Mit elf Jahren begann die Triererin einst mit dem Gewichtheben. „Durch meinen Papa und meinen Onkel war ich von klein auf bei Wettkämpfen dabei, kannte das alles sehr gut – da stand für mich fest, dass ich das auch mal machen werde.“ Und sie macht. Anfangs ist sie in Schweich auch noch als Leichtathletin aktiv, hört damit aber auf, um sich komplett auf das Heben zu fokussieren.

„Es ist einfach mein Sport, es gibt für mich nichts Besseres.“ Sie lasse sich nicht davon abbringen, auch wenn sie immer wieder mit Widerständen zu kämpfen habe. Als junge Frau, so höre sie häufig, solle man doch keine Gewichte heben, das passe doch nicht zusammen. Lea Millen rollt die Augen. „Es ist noch nicht lange her, da hatte ich eine Diskussion mit dem Opa einer Freundin. Der konnte das überhaupt nicht verstehen, dass ich diesen Sport betreibe. Das wäre nicht gut, meinte er.“ Sie habe dagegengehalten, ihm erklärt, dass Gewichtheben viel mehr sei, als nur Kilos zu wuchten, dass es die Fitness fördere, den Rücken stärke und dass das Vorurteil der muskelbepackten Frauen aus dem Osten auch längst überholt sei. Millen seufzt: „Aber den habe ich nicht überzeugt, das war mir dann auch egal. Wichtig ist, dass es mir Spaß macht.“

Vier Einheiten pro Woche

Drei- häufig viermal pro Woche steht sie mit Trainings-Papa Frank im Trainingsraum. Hinzukommen Einheiten im Fitnessstudio, außerdem mehrmals im Jahr Treffen mit dem Nationalkader.

Reich werden, darüber sei sie sich im Klaren, das könne sie mit dem Sport nicht. Das gelinge eben nur absoluten Branchen-Größen wie einst Ronny Weller oder Matthias Steiner. Wegen des Geldes, so viel stehe fest, betreibe sie den Sport ohnehin nicht. Gleiches gelte da auch für ihren Traumberuf. „Schon seit Jahren bin ich mir sicher, dass ich in Zukunft auf einer Geburtsstation arbeiten möchte – ob als Hebamme oder Kinderkrankenschwester, das weiß ich noch nicht so genau, aber eines von beiden wird es werden“, betont Lea Millen.

Eine gewichthebende Hebamme, sie wäre wohl erst recht das Highlight auf jeder Geburtstagsparty.