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Schillingen/Hermeskeil: 13 Tore in einem atemberaubenden Derby

Fußball : 13 Tore in einem atemberaubenden Derby

Kirmes, Nachbarschafts­duell, Pokal: Es war angerichtet an jenem 11. August 1996. Auf dem Schillinger Hartplatz spielte der klassenhöhere Verbandsligist Hermeskeiler SV. Alles deutete auf einen Favoritensieg hin, als es zur Pause 0:5 stand. Warum die unterlegenen Hausherren am Ende doch noch mit Applaus  verabschiedet wurden, erfahren Sie im nächsten Teil unserer Serie „Welch’ ein Spiel“.

Dieser Bus sorgte einst in der ganzen Region für Aufsehen. „Hermeskeiler SV“ prangte in großen Lettern auf dem Gefährt, in dem die Akteure aus der Hochwaldstadt einst zu ihren Auswärtsspielen unterwegs waren. „So schön das für uns Spieler war, so sehr motivierte es die Gegner“, erinnert sich der heute 52-jährige Volker Bulger. Den finanziell aufgepäppelten Hermeskeilern wollte es jeder zeigen.  Trotzdem gelang es dem HSV, binnen weniger Jahre von der C-Klasse bis in die Rheinlandliga aufzusteigen. Nicht zuletzt dank des Unternehmers Hans Jung, der auch der wichtigste Sponsor und Präsident war. Einem Abstieg folgte postwendend ein weiterer Sprung in die höchste Spielklasse zwischen Saar und Sieg.  „Als wir 1996 wieder in die Verbandsliga aufstiegen, war aber einiges anders“, weiß Bulger. Der Verein setzte verstärkt auf heimische Kräfte wie Georg Thielen, Siggi Haag oder Thomas Schu. Hinzu kamen Talente, darunter der aus Neuhütten stammende Andreas Schärf. Und der Mannschaftsbus mit HSV-Schriftzug war Geschichte.

Zum Rheinlandpokalspiel im nur rund 16 Kilometer entfernten Schillingen ging es in Privatautos. „Wir waren gerade in die Landesliga aufgestiegen, hatten gut 600 Zuschauer zu Gast, im Nachbarort Heddert war Kirmes. Alle waren heiß auf das Derby“, berichtet der damalige TuS-Trainer Ansgar Eisenring.

Zunächst schien auf der roten Erde von Schillingen aber alles seinen gewohnten Gang zu nehmen. Als es nach Treffern von Erich Alt (3), Theo Kaiser und Georg Thielen zur Pause bereits 5:0 für die Hermeskeiler um ihren Spielertrainer Heinz Eimer hieß, musste sich Eisenring in der Halbzeitpause schon einige wenig erbauliche Sprüche auf dem Gang in die Kabine anhören („Was wollt ihr denn in der Landesliga?“).

Der Coach stellte seine Schützlinge vor die Wahl: „Entweder wir kriegen hier zehn Stück, oder wir schaffen noch ein einigermaßen normales Ergebnis.“ Sein Gegenüber, der frühere Leiwener, Trierer und Salmrohrer Oberligaspieler Eimer, warnte seine Hermeskeiler: „Jungs, das hier ist Pokal. Wir sind noch nicht durch.“ Eimer nahm Markus Reuter, die etatmäßige Nummer eins, vom Feld und gewährte dessen Stellvertreter Patrick Krantz Spielpraxis. Ob die Schillinger daran erkannten, dass die Gäste die Partie insgeheim doch schon für sich verbucht hatten?

Jedenfalls legte die Eisenring-Elf jetzt deutlich zu, ging beherzter in die Zweikämpfe. Zwei Treffern des TuS folgte aber das 2:6 durch Eimer. „Da dachte ich, das Ding ist durch, und wir steuern einem sicheren Sieg entgegen“, sagt Schärf noch heute.

Immer und immer wieder sorgte der Landesligist mit Stefan Arends weiten Einwürfen für Gefahr. Diese verwertete Kopfballspezialist Wolfgang Jost oft geschickt und brachte HSV-Schlussmann Krantz mächtig ins Schwitzen. „Lieber einen Eckball als einen Einwurf zulassen“, lautete deshalb die Marschroute der Hermeskeiler.

Zu allem Überfluss hatte Keeper Krantz die unweit des Clubheims hinter seinem Tor postierten, lautstarken Schillinger Fans im Nacken.

Tor um Tor holten die Hausherren in diesem nun atemberauenden Spiel auf. Nach insgesamt drei Treffern von Arend, zwei von Willems und einem von Treinen stand es plötzlich 6:6. Dann musste Mittelfeldspieler Bulger auch noch zehn  Minuten vor Schluss wegen wiederholten Foulspiels mit Gelb-Rot vom Platz.

„Wir konnten es einfach nicht fassen, waren völlig aus dem Tritt geraten und dann plötzlich auch noch in Unterzahl“, erinnert sich der damals auf der linken Außenbahn spielende Schärf. Doch in der Hermeskeiler Elf steckte Moral. Sie riss sich in der Verlängerung zusammen. Ein Bilderbuch-Freistoß aus 20 Metern von Eimer brachte das letztlich Sieg bringende Tor zum 7:6 des HSV. „Erleichtert, überhaupt noch gewonnen zu haben“ (Schärf) verließen die Hermeskeiler den Platz. Trotz der Niederlage gar nicht so enttäuscht waren die Schillinger. „Als wir durch die Zuschauerreihen in die Kabine gingen, erhielten wir großen Beifall. Die Leute bedankten sich für so ein tolles Spiel und waren happy, dass wir eine solche Aufholjagd hingelegt hatten“, berichtet Eisenring. Nach dem Abpfiff war die Rivalität vergessen. „Wir hatten durch die 120 Minuten genügend Gesprächsstoff und sind mit den Schillingern noch zur Kirmes nach Heddert gefahren“, so Bulger. Der Pellinger sollte später noch am Aufschwung von Victoria Rosport mitwirken und feierte zwischen 1998 und ’03 zwei Aufstiege mit dem Club, ehe er mit ihm in der höchsten Luxemburger Liga angelangt war.

Am Ende der Saison 1996/97 stiegen die Hermeskeiler zum zweiten Mal aus der höchsten Spielklasse des Fußballverbandes ab. 2004 verabschiedete man sich dauerhaft Richtung Kreisliga. Nach vielen Jahren dort hat sich Schillingen wiederum in der Bezirksliga etabliert und steuert nun der dritten überkreislichen Saison entgegen – eigenständig. In Hermeskeil machen sie künftig gemeinsame Sache mit dem Nachbarn FC Züsch-Neuhütten-Damflos und haben inzwischen eine Spielgemeinschaft gegründet (TV berichtete).

Aus Sicht des Neuhütteners Schärf – über viele Jahre hinweg noch ein Aktivposten beim SV Morbach – ist das der richtige Schritt. Der Inhaber eines Druck- und Design-Studios in Thalfang hat der SG das neue Logo entworfen und würde sich in Zeiten von Nachwuchsproblemen und gegenseitigen Abwerbeversuchen über eine noch größere Kräftebündelung freuen: „Vielleicht gelingt es ja sogar mal, eine Mannschaft mit den Besten aus der gesamten Verbandsgemeinde Hermeskeil zu bilden, um dann so richtig schlagkräftig zu sein.“

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Buchholz zwo schoß Ha/Ho k.o. Foto: TV/Laux, Simone

Wie sich große Spiele von starken Teams anfühlen, wissen Schärf und sein damaliger Teamkollege Bulger noch ziemlich genau. So wie im August 1996, bei der Rheinlandpokalschlacht in Schillingen.