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Trier: Der Mann für die ganz speziellen Fälle

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Spieler, Trainer, Funktionär: Horst Brand prägt seit Jahrzehnten in unterschiedlichen Funktionen das Geschehen bei Eintracht Trier. Auch bei einigen anderen Vereinen hinterließ er Spuren. Kurz vor seinem 75. Geburtstag an Neujahr blickt er auf erfolgreiche Zeiten, bange Momente und prägende Ereignisse zurück.

Trier In schwierigen Zeiten ist auf ihn Verlass: Mit  Sachverstand und der ihm eigenen stoischen Art brachte Horst Brand bei der Eintracht oft den Erfolg wieder zurück. An Neujahr wird der Ur-Trierer, der nur etwa 100 Meter vom Moselstadion entfernt in der Engelstraße aufwuchs, 75 Jahre alt. Besser gesagt: jung. Zwar hat er sich im Mai aus seiner Spedition und Handelsagentur zurückgezogen, und Sohn Christian übernahm die Firma komplett, bei der Eintracht steht Brand aber weiter in der Verantwortung. Vor zweieinhalb Jahren übernahm er die Position des Sportvorstands – gerade hatte der SVE den direkten Wiederaufstieg in die Regionalliga verpasst, und die Enttäuschung war groß. Inmitten der coronabedingt unterbrochenen Oberliga-Saison haben sie beim SVE die Hoffnung, dass es klappt mit dem Aufstieg. „Dann kämen wieder mehr Zuschauer, und als Werbepartner wären wir interessanter. Die Region hat ja noch lange nicht genug vom Fußball“, ist Brand überzeugt.

Was in der Region geht, hat er als Aktiver, Trainer und Funktionär miterlebt. An seine ersten Schritte kann sich Brand noch genau erinnern: „Mit acht durfte ich zum ersten Mal das Training bei der Eintracht besuchen. Mein Vater Hans war kein Fußballfan. Er hatte ein Faible für Brieftauben. Meine Mutter Katharina war aber von Anfang an begeistert und schaute sich viele Spiele von mir an.“

Anfangs blickte er immer freitags gebannt auf den Schaukasten am Moselstadion-Haupteingang, um zu wissen, ob er aufgestellt war und wenn ja, wann und wo am Wochenende gespielt werden sollte. Einer seiner ersten Trainer war gleich ein damals amtierender Rekord-Nationalspieler: Fortuna-Düsseldorf-Legende Paul Janes coachte Mitte der Fünfziger die Eintracht und trainierte zudem die Jugend. „Eine Persönlichkeit. Von so jemandem trainiert zu werden, war für uns Kinder schon ein Erlebnis“, erzählt Brand auch Jahrzehnte später voller Stolz.

Nach seinem Debüt in der ersten Mannschaft im Oktober 1963 fasste der wendige Offensivmann schnell in der Regionalliga Fuß und schoss in der damals zweithöchsten deutschen Spielklasse schnell Tore wie am Fließband. Bundesligist 1. FC Kaiserslautern klopfte bei ihm an – und erhielt eine Absage: „Mir war der Beruf immer wichtig.“ Mit großer Hingabe agierte er nicht nur auf dem Platz, sondern auch als Niederlassungsleiter. „Essig machen und Fußballspielen – beides konnte ich ganz gut“, lacht der angehende Jubilar wenige Tage vor seinem Jubeltag, den er eigentlich im Gegensatz zu seinem 70. Wiegenfest diesmal in größerem Stil feiern wollte. Wegen der Corona-Einschränkungen wird daraus aber nichts. Im Sommer soll die Fete nachgeholt werden.

Beruf und Fußball bekam Brand ab 1969 (auch) in Neunkirchen gut unter einen Hut. Hier arbeitete er eine zeitlang bei einer ortsansässigen Brauerei in der Logistik und schaffte es mit der Borussia zweimal in die Aufstiegsrunde zur Bundesliga. 1971 musste man zwar Fortuna Düsseldorf den Vortritt lassen, und ein Jahr später hatte der Wuppertaler SV die Nase vorn, doch aus den vier Jahren im Saarland hat Brand viel Positives in Erinnerung: Mal erzielte er beim 3:0 über den FC St. Pauli, mal auch beim 10:0 über Tasmania Berlin je drei Treffer. Besonders geehrt fühlte er sich, Kapitän der Neunkircher gewesen zu sein. „Als Trierer war ich ja quasi Ausländer – die allermeisten Spieler kamen aus dem Saarland.“

Mit 118 Treffern, die Brand von 1963 bis ’73 für die Eintracht und die Borussia in der Regionalliga als damals zweithöchsten deutschen Spielklasse erzielte, ist er bis heute Rekordhalter der Südwest-Staffel.

Zweitklassig wurde die Eintracht 1976 nicht zuletzt dank Brands Stürmerqualitäten: In der Meisterschaft erzielte er beim 5:0 gegen Neuendorf alle Tore. In der Aufstiegsrunde lagen die Trierer bei seinem Ex-Club Neunkirchen mit 0:3 und 1:4 zurück, doch Brand glich zum 4:4 aus. Ein Tor steuerte er auch zum entscheidenden 5:4 gegen Worms bei. „Das war ein schöner Erfolg“, sagt Brand, der anschließend als Spielertrainer nach Salmrohr wechselte und mit dem FSV den Durchmarsch von der Bezirks- in die Oberliga schaffte. Beim aufstrebenden Dorfclub hatte er schon von 1973 bis ’75 erste Erfahrungen als Coach gesammelt. Auch die Engagements Anfang der achtziger Jahre bei Spora Luxemburg („Ich habe nicht nur einen Europacup-Einsatz gegen Sparta Prag gehabt, sondern musste auch erstmals in meiner Laufbahn als Libero ran.“) und bei der SG Ruwertal sind ihm in besonderer Erinnerung geblieben: Beim damaligen Verbandsligisten wirkte Brand eineinhalb Saisons lang als Trainer und bei Bedarf auch als Spieler („Eine sehr schöne Zeit in einem familiären Umfeld.“).

1982 wurde er Trainer bei der Eintracht. Den direkten Wiederaufstieg in die 2. Liga hatte man zuvor trotz großen finanziellen Aufwands verpasst. Mal wieder war in einer schwierigen Phase des Vereins der Mann für die speziellen Fälle gefragt.

Das große Ziel 2. Bundesliga verfehlte Brand in den nächsten 20 Jahren ein paar Mal ganz knapp – mal als Trainer von Eintracht Trier und Borussia Neunkirchen, mal als Sportlicher Leiter des FSV Salmrohr. Doch auch diese Phase hatte es in sich. Beim amtierenden DFB-Pokalsieger Bayer 05 Uerdingen gewann die von Brand trainierte Eintracht im Herbst 1985 sensationell mit 3:0 – nach dem 0:0 im Hinspiel sahen die Statuten seinerzeit noch kein Elfmeterschießen, sondern zunächst ein Wiederholungsspiel vor. „Das war eine großartige Leistung eines Teams, in dem fast jeder noch einem Beruf nachging. Um während der Woche in Krefeld anzutreten, mussten sich die Spieler Urlaub nehmen und standen am anderen Morgen in aller Frühe wieder bei ihrem Arbeitgeber auf der Matte.“

Anfang der Neunziger kehrte Brand als Coach nach Neunkirchen zurück. Auf einmal stellte sich ein blutjunger Nigerianer namens Augustine Azuka Okocha im Probetraining vor. Später sollte ihn die Fußballwelt nur noch Jay-Jay rufen. Brand schwärmt noch heute: „Was der konnte – einfach unglaublich. 30, 40 Mal den Ball auf dem ausgestreckten Schienbein hochhalten, und seine Schusstechnik hatte es in sich.“ 1993 erzielte Okocha im Dress von Eintracht Frankfurt nach einem Wahnsinns-Dribbling das Tor des Jahres und wurde mit Nigeria ein Jahr danach Afrikameister und 1996 Olympiasieger. „Ich habe ihn nicht entdeckt. Es war wirklich keine Kunst zu sehen, was er drauf hat“, betont Brand, wie er nun mal ist: Eitelkeiten oder gar Angebereien überlässt er anderen.

Seit 1954 ist er Eintracht-Mitglied. Auch, wenn er zwischendurch bei anderen Vereinen tätig war: Seine Liebe zum SVE war und ist unerschütterlich. Als der Verein nach dem Abgang des allmächtigen Präsidenten und Geldgebers Hans-Joachim Doerfert Ende der neunziger Jahre in Schieflage geraten war, übernahm er Verantwortung im Vorstand. 2001 war der langersehnte Wiederaufstieg in die 2. Bundesliga so gut wie sicher. Am Ende fehlte aber ein Tor zum Triumph – wie so oft in der Clubhistorie. Finanziell wurde es danach eng. Um erneut eine schlagkräftige Mannschaft auf die Beine stellen zu können, zählte Brand zu einem Sextett, das dem Verein jeweils 100 000 D-Mark lieh.

Knapp ein Jahr später dann die Erlösung: Am 11. Mai 2002 gewann die Eintracht mit 2:1 bei der TSG Hoffenheim und machte nach 21 Jahren den Wiederaufstieg in die 2. Liga perfekt. Ein Grund für den Erfolg war auch die gute Zusammenarbeit von Brand und Trainer Paul Linz. Doch mit der Zeit entstanden tiefe Risse zwischen den beiden. Brand warf Linz vor, zu egoistisch und nicht unbedingt im Interesse des Vereins zu handeln. An seinen Posten klebte er nie – wie schon 1996, als er nach nur 13 Tagen das Handtuch warf, da Clubchef Doerfert ihm als Trainer in die Mannschaftsaufstellung funken wollte. Auch 2004 trat Brand zurück. Bis heute hat er keinen Kontakt mehr mit Linz. „Und das wird auch so bleiben.“

Der engere Kontakt zur Eintracht lebte 2010 wieder auf, als er Spielbeobachtungen übernahm. In der dritten Saison gibt Brand nun seinen großen Erfahrungsschatz als Sportvorstand des SVE weiter.

Stolz berichtet er, dass „wir – Corona-Pausen hin oder her – seit über einem Jahr in der Oberliga kein Spiel mehr verloren haben, zu Hause schon sogar mehr als zwei Jahre lang keins mehr“. Der Fast-75er steckt noch voller Energie und Motivation, wirkt agiler denn je, nachdem er in den vergangenen drei Monaten zehn Kilo abgenommen hat. „Durch mehr Bewegung und bewusstere Ernährung.“ Fast täglich dreht er seine Runden am Mattheiser Weiher, unweit seines Hauses im Trierer Süden.

Ehefrau Monika, mit der er drei Kinder und vier Enkel hat, steht hinter seiner Fußballleidenschaft. Noch heute ist sie bei vielen Spielen mit ihm im Stadion – wie einst seine Mutter Katharina.

Zwei, drei Jahre will er beim SVE („Die Zusammenarbeit im Vorstand ist hervorragend.“) noch wirken, ehe es „einfach Jüngere machen müssen – ich könnte ja der Opa von vielen Spielern sein“.

Wer Horst Brand kurz vor seinem 75. Geburtstag erlebt, kann sich aktuell aber noch gar nicht vorstellen, dass er mal in die Fußball-Rente geht.