"Viele Länder werden neidisch sein"

In Frankfurt soll heute die Reform des deutschen Schiedsrichterwesens beschlossen werden. Der Eifeler Ex-Referee und künftige DFB-Schiedsrichter-Chef Herbert Fandel (46) glaubt an einen großen Wurf.

Kyllburg. (bl) Die Anschuldigungen gegen Manfred Amerell haben eine breite Debatte über das deutsche Schiedsrichterwesen ins Rollen gebracht. Amerell, inzwischen Ex-Mitglied des Schiedsrichter-Ausschusses im Deutschen Fußball-Bund (DFB), soll sich dem Unparteiischen Michael Kempter sexuell genähert haben. Der 63-Jährige wehrt sich gegen die Vorwürfe (der TV berichtete mehrfach). Entwickelt hat sich eine Diskussion über Abhängigkeiten, Zuständigkeiten und Vertuschungen.

Als Folge haben der langjährige Spitzenschiedsrichter Herbert Fandel aus Kyllburg (Eifelkreis Bitburg-Prüm), DFB-Abteilungsleiter Lutz Michael Fröhlich und Hellmut Krug von der Deutschen Fußball-Liga GmbH ein Reformkonzept erarbeitet, das mehr Transparenz bieten und bei einem außerordentlichen DFB-Bundestag heute in Frankfurt verabschiedet werden soll (siehe Hintergrund). Im Interview mit TV-Redakteur Mirko Blahak macht Fandel klar, dass es für ihn keine Alternative zu den Vorschlägen gibt - trotz Klagen, die inzwischen laut geworden ist.

Vor dem heutigen außerordentlichen DFB-Bundestag herrscht in den Landesverbänden Unbehagen. Moniert wird, dass mit der geplanten Reform alle Schiedsrichter-Funktionäre bis hinunter in die Regionalverbände unter Generalverdacht gestellt würden. Haben sie recht?

Fandel: Die Kritiker glauben, dass diese Strukturreform auch für die Verbände oder die Kreise gilt. Das tut sie nicht. Sie gilt einzig und alleine für den Spitzenbereich im DFB. Die Verbände können weiterhin in ihrer Arbeit völlig autonom agieren. Darauf lege ich großen Wert. Das werde ich auch heute noch mal sagen müssen, weil ich merke, dass Dinge völlig falsch kolportiert und verstanden worden sind. Wir wollen klarmachen, dass im Spitzenbereich Verbandsabhängigkeiten an wichtigen Entscheidungsstellen keinen Platz haben dürfen. Bei der Einteilung, Beobachtung und Leistungsbeurteilung der Schiedsrichter müssen neutrale Personen mit hohem Sachverstand das Sagen haben - und keine Interessenvertreter. Ich möchte damit niemandem zu nahe treten. Aber wir müssen nach außen und innen eindeutige Neutralität und Unabhängigkeit ausstrahlen.

Haben Sie Zweifel, dass die Reform angenommen wird?

Fandel: Ich weiß nicht, wie die Delegierten darüber denken. Ich kann nur sagen, dass wir aus meiner fachlichen Sicht das momentan Optimale vorgelegt haben. Ich bin sicher: Wenn das Reformkonzept den Bundestag passiert, werden uns viele Länder in Europa um diese Strukturen in Deutschland beneiden.

Und wenn nicht?

Fandel: Der DFB-Bundestag ist ein wichtiger Wegweiser, auch für mich. Wenn das Konzept dort Anklang findet, bin ich bereit, an der Spitze der deutschen Schiedsrichter zu stehen. Ich möchte versuchen, in einem größeren Führungsteam integrierend zu wirken. Es kann keine Ein-Mann-Show sein.

Aber Sie stehen zur nächsten Saison an exponierter Stelle als neuer Vorsitzender der DFB-Schiedsrichterkommission bereit. Wann erfolgt Ihre Wahl?

Fandel: Heute in Frankfurt geht es nur um die Abstimmung über die Strukturreform. Am 21. Mai gibt es eine DFB-Präsidiumssitzung, in der die alten Funktionsträger aus dem Ausschuss und dem Lehrstab verabschiedet werden. Gleichzeitig sollen bei dieser Sitzung die neuen Schiedsrichter-Funktionäre eingesetzt werden.

Bleibt dann für Sie noch genügend Zeit für Ihren Hauptberuf als Leiter des Kulturamts im Eifelkreis Bitburg-Prüm?

Fandel: In unserer Region habe ich tiefe Wurzeln geschlagen. Hier will ich bleiben. Ich gehe nach wie vor davon aus, dass ich weiterhin das Kulturamt in Bitburg leiten werde.

Der Auflauf in Frankfurt wird heute groß sein. Rund 260 Delegierte kommen ins Steigenberger Airport-Hotel. Ist das nötig? Schließlich hätten das DFB-Präsidium und die Delegierten des ordentlichen Bundestags im Oktober die Absegnung von Satzungs- und Ordnungsänderungen auch erledigen können.

Fandel: In den vergangenen Wochen wurde viel geredet und zerredet. Ich bin froh, dass jetzt ein außerordentlicher Bundestag zügig einen Schlussstrich ziehen kann.

Glauben Sie wirklich an einen Schlussstrich in der Affäre Amerell/Kempter? Aktuell etwa geht ein Streit zwischen DFB-Präsident Theo Zwanziger und Amerell vor einem ordentlichen Gericht munter weiter.

Fandel: Es geht darum, fachlich einen Schlussstrich zu ziehen, um Vorkommnisse wie vor einigen Wochen möglichst zu verhindern. Die neue Struktur soll solche Fälle künftig unterbinden.

Hintergrund

Was soll sich ändern im DFB-Schiedsrichterwesen? Der TV nennt die Eckpunkte der Reform. Die Ansetzung von Schiedsrichtern und von Beobachtern übernehmen neutrale und unabhängige Personen. Aufteilung der Lehrarbeit in verschiedene Kompetenzbereiche und Auflösung des bisherigen Lehrstabs. Kompetenzteams arbeiten in einzelnen Fachbereichen. Das Entscheidungsgremium wird zukünftig eine Schiedsrichterkommission sein. Sie ersetzt den bisherigen Schiedsrichterausschuss. Qualifizierung der Beobachter und Coaches (Begleiter der Schiedsrichter). Enge Anbindung der Schiedsrichter-Spitze an die Regional- und Landesverbände.