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Wie Sechstligist Neunkirchen zum virtuellen Zuschauerkrösus wird

Fußball : Wie ein Sechstligist zum virtuellen Zuschauerkrösus wird

14 000 Geistertickets hat Fußball-Saarlandligist Borussia Neunkirchen verkauft. Ausgerechnet in der Krise macht sich beim Ex-Bundesligisten Aufbruchstimmung breit.

Als der saarländische Traditionsclub durch den finalen 1:0-Sieg gegen Tasmania Berlin eine furiose Aufstiegsrunde mit dem kaum für möglich gehaltenen Sprung in die Beletage des deutschen Fußballs krönte, hörte sich das im Radio so an: „120 Sekunden trennen Borussia Neunkirchen von der Bundesliga. Ertz, der lange Schlussmann, hat aus der Hand abgeworfen. Letzter Angriff von Borussia Neunkirchen. Drüben auf der anderen Seite in der Hälfte der Berliner, Karl Ringel, mitgelaufen ist auch Elmar May. Und Kuntz, der Linksaußen, steht in Position...“

56 Jahre sind es nahezu her, dass diese Reportage an jenem heißen Tag Ende Juni im Glutofen Ludwigspark in Saarbrücken über den Äther ging. Auf den Schultern trugen sie damals ihre Helden vom Platz, die Fans mit ihren schwarz-weißen Fahnen. Neben der Teilnahme am Pokalfinale 1959 das Highlight der Vereinsgeschichte. Unwiederholbar, unvergleichlich.

„Es war eine Gemeinschaft, ein richtiger Zusammenhalt hier in der Stadt. Alle Leute waren auf den Beinen, unsere Vereinskneipe platzte aus allen Nähten, die Ränge waren voll, an jeder Ecke sprachen die Menschen nur über Borussia und den Fußball“, erinnert sich der ehemalige Neunkircher Torjäger Günter Kuntz, Vater des heutigen DFB-U21-Nationaltrainers Stefan Kuntz, und ordnet die hohe Bedeutung des erfolgreichen Vereins für die Stadt ein: „Die Borussia – das war was! Die Borussia hat mit ihren drei Jahren Bundesliga Neunkirchen damals in Deutschland erst richtig bekannt gemacht. Vorher hat doch keiner gewusst, wo Neunkirchen liegt.“ Günter Kuntz blutet das Herz, wenn er die heutige Situation mit der glorreichen Bundesligazeit vergleicht. Aber er ist auch Realist, weiß, dass sich die Verhältnisse im modernen Fußball grundlegend verändert haben: Die Stadt sei zu klein, das wirtschaftliche Potential zu gering, um an die früheren Erfolge anzuknüpfen, resümiert der Ex-Stürmer.

Keine Frage: Die glorreichen Zeiten des saarländischen Traditionsvereins sind lange vorbei – eine Erkenntnis, die Fans ebenso weh tut wie den Verantwortlichen des Clubs. Alte Liebe lebt – diesen Slogan haben sie sich im Ellenfeld auf ihre Fahnen geschrieben. Eine Liebe, die harten Bewährungsproben ausgesetzt ist. Denn mittlerweile spielt die Borussia in der sechstklassigen Saarlandliga. Kein anderer ehemaliger Bundesligist ist so tief abgestürzt. Nach 53-jähriger Erstklassigkeit und jahrzehntelangem Pendeln zwischen den Ligen zwei und vier setzte  – parallel zum Niedergang der Hüttenindustrie und der Schloss-Brauerei als wichtigen Geldgebern des Vereins – der Niedergang des Vereins ein, der noch bis 2017 fester Bestandteil der Oberliga Rheinland-Pfalz-Saar war.

Doch es gibt Zeichen der Hoffnung. Inspiriert durch Clubs wie Lok Leipzig, Rot-Weiss Essen und Kickers Offenbach hat die Borussia unter dem Motto „Rekordjagd im Ellenfeld“ für ein imaginäres Spiel eine virtuelle Ticket-Tour unternommen. Für den symbolischen Preis von einem Euro können Eintrittskarten erworben werden, die dann auch für das erste Heimspiel der Borussia nach der Krise Geltung haben. Die Resonanz übertrifft bislang alle Erwartungen. Das ursprünglich anvisierte Ziel, zumindest virtuell den bisherigen Zuschauerrekord der Saarlandliga (3 000) zu knacken, war bereits nach 48 Stunden erreicht. Innerhalb von rund drei Wochen wurden inzwischen fast 14 000 Karten verkauft – für einen Club, der derzeit bei den Heimspielen im weiten Rund des altehrwürdigen Ellenfeld-Stadions nur noch selten mehr als 400 Fans begrüßt, eine nahezu sensationelle Zahl. Angekurbelt wird die Aktion durch zusätzliche Anreize wie Gewinngutscheine für Stadionwurst und Freibier, Trikots und Fanpakete.

Auf seiner Facebook-Seite informiert der Verein täglich über den aktuellen Stand der Rekordjagd. „Wir sind überwältigt“, sagt Sportvorstand Gunther Persch, „diese Zahl hätten wir uns in unseren kühnsten Träumen nicht vorstellen können. Menschen aus ganz Deutschland und darüber hinaus haben uns mit dem Kartenkauf unterstützt, nachdem die Aktion über die sozialen Medien weiterverbreitet wurde. Auch unsere Sponsoren haben sich beteiligt. Wir sind allen unendlich dankbar für die Solidarität und den Zusammenhalt.“ Dass dabei auch Leute, die finanziell nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen, Karten geordert haben, hat Persch am meisten beeindruckt. Das zeigt: Das Motto des Clubs „Alte Liebe lebt“ ist keine leere Floskel. Und die Strahlkraft der Borussia, die am Ende der Saison 1964/65 mit Rang zehn die beste Platzierung eines saarländischen Bundesligisten erreicht hatte, scheint ungebrochen.

Zu nahezu jedem Spiel kommen Groundhopper ins Ellenfeld, um das einzige noch im Urzustand der Bundesliga-Gründerjahre erhaltene Stadion zu besichtigen. Jens Kelm, seit Kindertagen Fan der Borussia und kompetenter Stadionbeauftragter, führt sie gratis durch die reine Fußballarena, die trotz des morbiden Charmes mit ihren steil aufragenden Rängen und der großen Haupttribüne in jeder Ecke eine unvergleichliche Atmosphäre versprüht.

Zwei Millionen Euro hat das saarländische Innenministerium kürzlich für die Sanierung der Arena bereitgestellt. Licht am Ende des Tunnels ist auch sportlich in Sicht. Mit jungen, lernbegierigen und entwicklungsfähigen Spielern mittelfristig wieder nach oben kommen. Das kurzfristige Saisonziel des Teams von Trainer Björn Klos, unter den ersten Fünf der Tabelle zu landen, war greifbar nahe.

Doch nach zuletzt 13 Punkten aus fünf ungeschlagenen Spielen wurde der Erfolgsweg zu Beginn der Saarlandliga-Rückrunde durch die Corona-Krise jäh ausgebremst. Am Virus dribbelt keiner vorbei. Umso wichtiger jetzt der Erfolg der virtuellen Ticket-Tour für den finanziell nicht auf Rosen gebetteten Traditionsclub, der in den letzten sechs Monaten nur ein einziges Heimspiel hatte.

„Noch zehn Sekunden, fünf Sekunden, Schlusspfiff. 43 000 Zuschauer reißt es von den Sitzen…“ Fast überschlägt sich die Stimme des Radio-Reporters anno 1964 angesichts der Sternstunde der Borussia. Nur allzu gerne würden die Anhänger des Traditionsclubs im Ellenfeld wieder eine Meisterschaft, einen Aufstieg feiern. Es muss ja nicht in die Bundesliga sein.